Panorama

Prostitution und Pandemie Kommt mit Corona das Sexkaufverbot?

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Auch die legendäre Herbertstraße in Hamburg ist menschenleer. Prostitution bleibt in Hamburg mindestens bis zum 30. Juni untersagt.

(Foto: dpa)

Mit Beginn der Corona-Maßnahmen werden auch Bordelle, Saunaclubs und erotische Massagestudios geschlossen. Einige Parlamentarier wollen nach der Krise daraus ein generelles Sexkaufverbot machen. Dagegen laufen Sexarbeiterinnen Sturm.

Seit Jahrzehnten setzen sich einige Politiker in Deutschland dafür schon ein, mit der Corona-Krise wurde es quasi über Nacht umgesetzt: Bordelle, Saunaclubs und erotische Massagestudios wurden geschlossen. Mehrere Bundespolitiker, darunter SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach sowie 15 weitere Abgeordnete, haben nun einen Brief an die Länder unterzeichnet und fordern, im Bereich der Prostitution auch weiterhin keine Lockerungen zuzulassen. Die Unterzeichner sehen in dem Gewerbe einen "epidemiologischen Superspreader". Und auch nach der Pandemie sei es an der Zeit, in Deutschland ein Sexkaufverbot zu verhängen.

Die CDU-Abgeordnete Elisabeth Winkelmeier-Becker, die den Brief mit auf den Weg gebracht hat, ist eine der härtesten Gegnerinnen der Sexbranche und kämpft seit vielen Jahren für ein solches Verbot. "Zunächst muss ich feststellen, dass schon der Begriff Sexbranche irreführend ist, denn es ist alles andere als ein redlicher geschäftlicher Bereich", so Winkelmeier-Becker gegenüber ntv.de. Im Rotlichtmilieu gebe es zwar unterschiedliche Geschäftsmodelle, allerdings sei die Schnittmenge zu Menschenhandel und sexueller Ausbeutung groß. "Es geht um Täuschung, emotionale Abhängigkeit, aber auch handfeste Drohungen und Gewalt. Für den größten Teil der Prostituierten in Deutschland sind permanente ungewollte sexuelle Übergriffe trauriger Alltag. Viele verkehren mit zehn oder noch mehr Freiern am Tag. Das ist für diese Frauen ekelhaft, demütigend, seelisch und körperlich kaum zu ertragen."

Deutschland als "Ziel für Sextourismus"

Derzeit ist Prostitution hierzulande vollständig legalisiert. Seit der Einführung des Prostitutiertenschutzgesetzes im Jahr 2017, das eine Anmeldepflicht vorsieht, haben sich rund 33.000 Menschen offiziell registriert. Zur Gesamtzahl kursieren Schätzungen, die von der fünf- bis zehnfachen Anzahl von Prostituierten ausgehen. "Deutschland gilt auch im europäischen Ausland als Ziel für Sextourismus, insbesondere in den Grenzregionen gibt es Männer, die am Wochenende bewusst einreisen, weil sie wissen, dass sie hier jederzeit Sex kaufen können. Das ist peinlich für Deutschland. Dafür hat uns das Europäische Parlament 2014 in einer Resolution auch gerügt", sagt Winkelmeier-Becker.

Der Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen (BesD) setzt sich für das genaue Gegenteil von dem ein, was die Parlamentarier fordern: die schrittweise Aufhebung der Maßnahmen und die "Gleichbehandlung von Sexarbeit mit vergleichbaren körpernahen Dienstleistungen". Denn im Sinne der Übertragung des Coronavirus besteht laut dem Verband kein Unterschied zwischen einer nichtmedizinischen und einer erotischen Massage.

"Die meisten Bordelle sind keine Saunaclubs, in denen sich massenhaft Menschen treffen, sondern Wohnungen. In der Regel sind Sexarbeitende dort zu zweit oder dritt und empfangen maximal sechs Kunden am Tag. Das ist von der Menge der Menschen, die sich begegnen, weit weniger als auf Geburtstagsfeiern und in Kirchengemeinden", sagt Vorständin Johanna Weber.

Lockdown bringt viele an den Rand der Armut

Wie viele aus dem Rotlichtmilieu sieht Weber in dem Vorstoß der 16 Parlamentarier einen Versuch, die Corona-Krise für die eigene Agenda zu instrumentalisieren. Sie sei entsetzt und findet den Brief polemisch und verallgemeinernd. "Den Parlamentariern, die den Brief unterzeichnet haben, geht es nicht darum, Sexarbeitenden wirklich zu helfen. Sie haben ein persönliches Problem mit Sexarbeit und möchten diese deswegen komplett abschaffen", so Weber. Wenn man die Branche verbessern und gegen unwürdige Arbeitsbedingungen und Menschenhandel vorgehen wolle, dann müsse man sie genauer betrachten und differenzierte Lösungen anbieten.

Derzeit seien Anbieter erotischer Dienstleistungen von dem anhaltenden Lockdown schwer getroffen, viele lebten ohnehin von der Hand in den Mund und seien aufgrund der Maßnahmen von Armut bedroht. Deswegen hat der Verband nun ein Hygienekonzept formuliert, mit dem die schrittweise Öffnung aller Bereiche der Sexarbeit sicher umgesetzt werden soll. "Keine gesichtsnahen Dienstleistungen. Während der Dienstleistung muss zwischen den Köpfen der beiden Personen ein Abstand von mindestens einer Unterarmlänge sein", heißt es unter anderem in dem Konzept.

Winkelmeier-Becker hält das für absurd - und wehrt sich gegen den Vorwurf, sie und ihre Mitstreiter würden die Krise für die Umsetzung eines Sexkaufverbots missbrauchen."Der Wechsel zum Nordischen Modell ist für uns mit oder ohne die Corona-Krise wichtig." Das Nordische Modell steht für die Bekämpfung der Prostitution unter anderem durch eine Entkriminalisierung der Prostituierten und eine Kriminalisierung der Sexkäufer.

Infektionsketten kaum nachvollziehbar

"Natürlich ist es jetzt umso wichtiger, dass die Bordelle geschlossen bleiben. Bei sexuellen Handlungen werden verschiedenste Körperflüssigkeiten und auch Aerosole ausgetauscht", sagt Winkelmeier-Becker. Zudem sei bei einer Ansteckung das Nachvollziehen von Infektionsketten kaum möglich - wer positiv getestet wurde, werde oft nicht offen zugeben, dass er bei einer Prostituierten war. Mit der gegenwärtigen Rechtslage sei es außerdem extrem aufwändig, Täter wegen Menschenhandels oder Zwangsprostitution zu verurteilen, weil diese Taten unter einer scheinbar legalen Oberfläche stattfänden.

Sexarbeiterinnen wie Mademoiselle Ruby, Vorstand im Selbsthilfeverein Hydra, finden das Nordische Modell problematisch - laut ihnen führt es zur Stigmatisierung von Menschen, die sich prostituieren. Zudem begünstige die Kriminalisierung des Gewerbes menschenunwürdige Zustände erst recht. Sie lehnt das Nordische Modell deswegen entschieden ab. "Die Corona-Pandemie bringt das zum Vorschein, was in der Gesellschaft ohnehin vorhanden ist, darunter auch das alte Narrativ der Hure als Seuchenschleuder", sagt sie.

"Dabei würde gerade ein Sexkaufverbot dazu führen, dass die Infektionsgefahr steigt: Ist Sexarbeit illegal, dann existiert sie trotzdem weiter, allerdings unter weitaus schlechteren Voraussetzungen, da die gut ausgestatteten Arbeitsplätze, an denen Hygienestandards eingehalten werden, wegfallen. Die Parlamentarier versuchen, dieses Thema jetzt zu pushen, aber ihre Agenda ist nicht neu und hat nichts mit Corona zu tun. Das wird lediglich als Vorwand verwendet", so Ruby. Zum Internationalen Hurentag am 2. Juni hat der BesD nun die Aktion #RotlichtAN gestartet und fordert, der Kauf von sexuellen Dienstleistungen müsse auch nach der Corona-Krise legal bleiben. Zuvor hatte der Verband an die 16 Parlamentarier eine Einladung ins Bordell ausgesprochen - wenn die Pandemie überstanden ist und die Gewerbe wieder geöffnet sind.

Quelle: ntv.de