Panorama

Timo Ulrichs im ntv-Interview "Lockdown müsste immer letzte Option sein"

Ab Montag geht ganz Österreich zurück in einen Lockdown für alle. In Deutschland will die Politik so einen drastischen Schritt noch nicht gehen. Wenn sich die Situation in den Krankenhäusern weiter zuspitzt, wäre eine solche "Notbremse" aber auch hierzulande sinnvoll, findet Epidemiologe Ulrichs.

ntv: Reichen die Beschlüsse der gestrigen Bund-Länder-Runde bezüglich 2G- und 3G-Regelungen?

Timo Ulrichs: Es kommt ein bisschen spät und es reicht dann natürlich nur insofern, als dass wir jetzt noch mindestens zwei Wochen überbrücken müssen, bis wir die ersten Effekte davon sehen. Und einige von den Krankenhäusern haben bereits mitgeteilt, dass da eine gewisse Überlastung ist. Und es wird insgesamt eigentlich auch nur dann reichen, wenn wir das andere auch noch beheben, nämlich die nachlassende Impfschutzwirkung bei den vollständig Geimpften. Da müssen wir gerade den älteren Menschen eine Booster-Impfung anbieten. Das ist etwas, was parallel laufen muss, sonst könnte es kritisch werden.

Wenn die Zahlen jetzt trotzdem weiter steigen, hätte man sich einen Lockdown nicht doch vorbehalten müssen?

Ja genau, das finde ich auch. Das müsste eigentlich immer noch die letzte Option sein. In Österreich wird das schon gemacht. Etwa wenn die Krankenhäuser überlastet sind, wenn wir nicht mehr zurechtkommen mit so vielen Covid-19-Patienten, vor allen Dingen aber auch Kollateralschäden fürchten müssen bei den Menschen, die wegen ganz anderer Krankheiten im Krankenhaus behandelt werden müssen und man dann eben auswählen muss. So weit darf es nicht kommen und da wäre so eine Notbremse sicherlich hilfreich.

Ist die Hospitalisierungsinzidenz der richtige Leitindikator?

Ja, das ist schon mal gut. Natürlich ist nach wie vor die Neuinfiziertenrate als Frühindikator hilfreich, auch wenn das nicht mehr so hoch miteinander korreliert ist, wie es noch vor einem Jahr war, bei der zweiten und dritten Welle. Aber trotzdem gibt uns das einen Hinweis, wie ernst das Ganze noch werden kann. Die Hospitalisierungsrate, zusammen mit den sehr aktuellen Belegungen der Intensivbetten, gibt dann die Situation ganz gut wieder, wie es in den Krankenhäusern gerade aussieht. Und da sollten wir jetzt möglichst schnell handeln und das wird ja jetzt gemacht. Allerdings müssen wir noch ein paar Tage durchhalten, bis wir da Effekte sehen.

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Bis die Effekte der nun verabschiedeten Maßnahmen spürbar sind, dauert es noch, sagt Epidemiologe Timo Ulrichs.

(Foto: ntv)

Eine Studie aus Schweden hat jetzt gezeigt, dass der Impfschutz ungefähr vier bis sechs Monate nach Verabreichung deutlich nachlässt. Welche Impfstoffe betrifft das?

Es sind drei untersucht worden in dieser Studie: Biontech/Pfizer, Moderna und Astrazeneca. Für alle drei gilt: Nach einigen Monaten lässt die Wirkung nach. Allerdings muss man sich natürlich angucken, welche Wirkung das ist. Wofür untersucht man das Ganze? Die Wirkung des Schutzes vor Infektionen oder eben Schutz vor Erkrankungen, schweren Erkrankungen, Krankenhauspflichtigkeit oder auch Schutz vor Tod. Wenn man sich nur die Daten zum Schutz vor Infektionen anguckt, dann lässt das Ganze in der Tat schon mal nach. Das ist aber auch zu erwarten gewesen und wäre auch nicht so schlimm, wenn wir jetzt nicht diese massive vierte Welle hätten, in der jedes Nachlassen kritisch werden kann im Sinne eine verstärkten Weiterverbreitung des Coronavirus, gerade der Delta-Variante. Und vor diesem Hintergrund, nämlich der Delta-Variante, sind diese Daten erhoben worden, die etwas schlechter aussehen als die klinischen Testergebnisse ganz am Anfang, bevor die Impfstoffe zugelassen wurden. Wenn man sich aber anguckt, wie gut ist noch der Schutz vor Covid-19-Erkrankung, schwerer Erkrankung usw.: Da sind die Daten deutlich besser und das ist immerhin ganz erfreulich, dass wir dieses Risiko nicht auch noch haben. Aber die Daten legen nahe, dass man sich möglichst schnell boostern lassen sollte, egal, welche Impfstoffkombination man vorher bekommen hat.

Müssen wir uns dann jetzt darauf einstellen, uns alle sechs Monate nachimpfen zu lassen?

Wenn wir diese Welle hinter uns haben und damit auch die Durchseuchung und eben noch andere Möglichkeiten da sind, sich impfen zu lassen, dann ist eine Grundimmunität in der Bevölkerung eingetreten. Das Virus wird dann stark an Möglichkeiten verlieren, sich noch weiter auszubreiten und auch größere Wellen zu verursachen. Dann kann der Immunschutz schon langsam nachlassen. Aber weil dann auch das Virus nicht mehr so präsent ist, ist das dann nicht mehr so schlimm. Damit ist die Pandemie dann auch langsam zu Ende. Wir könnten dann sehen, dass wir das noch mal auffrischen, dass wir die Jüngeren und Jüngsten dann auch miteinbeziehen. Aber wir würden dann vielleicht nur wieder richtig loslegen mit einer Impfkampagne, wenn eine ganz andere Variante des Coronavirus kommt und wir eine neue Impfkampagne bräuchten, wo dann auch der Impfstoff entsprechend angepasst wäre.

Ein Fünftel aller Schnelltests entdeckt die Infektion nicht. Wieso werden diese Schnelltests dann weiterhin eingesetzt?

Wenn die so getestet werden, dass die sich im Nachhinein als nicht gut erweisen, dann werden sie auch nicht mehr weiter empfohlen oder zugelassen. Allerdings gibt es dann immer noch Restbestände, die möglicherweise auch in Privathaushalten rumliegen und noch verwendet werden. Das ist eine Gefahr, weil man sich dann möglicherweise in falscher Sicherheit wiegt. Es kommt vor allen Dingen auf die Sensitivität an. Da wäre die Empfehlung, dass man, wenn es sich also wirklich um sensible Bereiche handelt, - also beispielsweise ein Besuch in einem Alten- und Pflegeheim, man ist vollständig geimpft, man möchte aber nochmal auf Nummer sicher gehen - dann sollte man in ein Testzentrum gehen. Auch da besteht natürlich noch ein Restrisiko, dass die noch diese schlechteren Tests haben, aber da ist ein höherer Durchsatz und da kann man noch eher davon ausgehen, dass diese Tests dann auch gut sind.

Woran erkennt man den überhaupt, ob ein Test zuverlässig ist?

Man kann auf der Liste des Bundesamtes für Arzneimittel und Medizinprodukte nachgucken oder eben auch nach den Testergebnissen des Paul-Ehrlich-Institutes, die das dann noch mal überprüft haben. Man sollte sich aber auch bei den Testzentren darauf verlassen können, dass die nur diese Tests verwenden, die auch noch mal überprüft worden sind. Der Packung sieht man das jedenfalls nicht an. Und auch die Daten beispielsweise im Beipackzettel verraten nicht, ob die Prüfung das bestätigt, was da drin steht.

Mit Timo Ulrichs sprach Nele Balgo

Quelle: ntv.de, Timo Ulrichs, Nele Balgo

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