Panorama

Jahrelange perfide Strategie Lügde-Prozess zeigt Missbrauchsabgründe

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Für die Kinder war der Campingplatz ursprünglich wie ein Abenteuerspielplatz.

(Foto: dpa)

Hochmanipulative skrupellose Täter, schwer traumatisierte kindliche Opfer - an den Missbrauchsfällen von Lügde ist das System dieser Taten überdeutlich zu sehen. Nach langen Jahren des Wegsehens folgt nun die juristische Aufarbeitung.

Drei Angeklagte, mindestens 40 Opfer, mehr als 1000 Einzeltaten, die Missbrauchsfälle von Lügde sind in Zahlen kaum zu erfassen. Über mindestens 20 Jahre hinweg wurden auf dem Campingplatz "Eichwald" im Weserbergland und in einer Wohnung in Steinheim Kinder vergewaltigt. Viele Taten sind in Filmen und auf Bildern festgehalten.

Peter Wüller, der als Anwalt einige der Opfer im Prozess vertritt, sagte der "Rheinischen Post": Sämtliche Kinder schildern die gleichen Taten." Die Übergriffe verliefen demnach nach einem ähnlichen Muster. Es geht um schwersten sexuellen Missbrauch, Vergewaltigungen jeglicher Art, die Opfer sind Jungen und Mädchen. "Kinder sollen auch gezwungen worden sein, sich gegenseitig sexuell zu missbrauchen und bei Vergewaltigungen zuzuschauen", sagt Wüller.

Der Hauptangeklagte Andreas V. perfektionierte sein System mit den Jahren immer weiter. Er lockte gezielt Kinder in seinen verwahrlosten Campingwagen im Lügder Ortsteil Elbringxen. Auf Kleinanzeigenportalen suchte er alleinerziehende Mütter, angeblich, damit die Kinder zusammen spielen können und die Frauen entlastet werden. Die eigene Pflegetochter benutzte er als Köder.

Die Kinder, oft aus einfachen sozialen Verhältnissen, bekamen Geschenke, neue Kleidung, Ausflüge in Freizeitparks und Schwimmbäder, Ponyreiten, Süßigkeiten und Eis. Der Campingplatz war wie ein Abenteuerspielplatz. Es gab ein perfides Belohnungssystem für diejenigen, die sich nicht widersetzten. Allerdings drohte der heute 56-Jährige auch, um zu verhindern, dass der Gehorsam bröckelt. Andreas V. soll beispielsweise davon gesprochen haben, dass Geister kämen und die Kinder holten, die etwas erzählen. Einige Opfer erzählten den Ermittlern auch von einem angedrohten "Wohnwagenarrest".

"Sie wollte das"

Im Oktober 2018 erstattete eine Mutter schließlich Anzeige. Ihre Tochter, eine Freundin der Pflegetochter, hatte auf dem Campingplatz übernachtet und danach von den Übergriffen berichtet. Dem WDR sagte die Mutter, sie habe Andreas V. angerufen. Er habe lediglich geantwortet: "Sie wollte das, ich weiß, dass sie das wollte." Dann liefen endlich die Ermittlungen gegen den Mann an, auf den es im Laufe der Jahre immer wieder Hinweise gegeben hatte: Von Eltern, denen der Umgang mit ihren Kindern komisch vorkam, von Kinderpsychologen, die bei der Pflegetochter Anzeichen für Missbrauch sahen, von Jobcenter-Angestellten, die das Verhalten des Mannes verdächtig fanden.

Es stellte sich heraus, dass V. die ersten Taten bereits 1990 begangen hat. Irgendwie wollte lange niemand wahrhaben, dass der Mann, den Nachbarn und Bekannte als liebevoll und hilfsbereit schildern, sich an Kindern vergeht. "Wir haben oft eine Täterstrategie des netten, beliebten, scheinbar kinderfreundlichen Menschen, der alle damit blendet und manipuliert", sagt der unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig.

Zehn Verhandlungstage sind für den Prozess gegen Andreas V. und die beiden Mittäter Mario S. und Heiko V. zunächst geplant. Bei dem Hauptangeklagten konzentriert sich die Staatsanwaltschaft auf 293 Straftaten, die sich ihrer Meinung nach anhand von Zeugenaussagen und Bildmaterial zweifelsfrei beweisen lassen. Mario S. aus Steinheim werden 162 Fälle sexuellen und schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern vorgeworfen. Der heute 34-jährige soll sich von 1999 bis zum Januar 2019 an acht Mädchen und neun Jungen vergangen haben. Von regelrechten Misshandlungen ist die Rede.

Dem Angeklagten Heiko V. wirft die Anklage unter anderem in zwei Fällen Anstiftung zum schweren sexuellen Missbrauch von Kindern, in einem Fall Beihilfe zum sexuellen Kindesmissbrauch und in einem weiteren Fall die Vornahme sexueller Handlungen vor einem Kind vor. Der 49-jährige Mann aus Stade soll von Herbst 2010 bis zum Frühjahr 2011 in mindestens vier Fällen an Webcamübertragungen aus Lügde teilgenommen und auch konkrete Missbrauchsanweisungen gegeben haben. Die betroffenen Kinder waren zur Tatzeit zwischen 3 und 14 Jahre alt.

Die Staatsanwaltschaft und die Opferanwälte gehen von einer Verurteilung der Täter aus und hoffen, dass zumindest gegen Andreas V. auch Sicherungsverwahrung verhängt wird. Die Versäumnisse bei Jugendämtern und Polizeidienststellen, die erst dazu geführt haben, dass V. jahrelang gewähren konnte, sind nicht Gegenstand des Verfahrens. Ebenso wenig wie die zahlreichen Ermittlungspannen auf dem Campingplatz.

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Quelle: n-tv.de

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