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In mehreren deutschen Städten drohen Dieselfahrverbote aufgrund erhöhter Stickstoffdioxidwerte.
In mehreren deutschen Städten drohen Dieselfahrverbote aufgrund erhöhter Stickstoffdioxidwerte.(Foto: Marijan Murat)
Mittwoch, 24. Oktober 2018

Fahrverbote sind "übertrieben": Lungenarzt hält nichts von Grenzwerten

In der Diskussion um das Diesel-Fahrverbot sorgt Dieter Köhler, ehemaliger Präsident der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie, für neuen Gesprächsstoff. Sein Urteil zur Schadstoffbelastung: Selbst das Anzünden eines Adventskranzes ist schädlicher.

Der Lungenfacharzt Dieter Köhler hält die Diskussion über Stickstoffdioxidgrenzwerte und Dieselfahrverbote für übertrieben. Der frühere Präsident der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie sagte im Südwestrundfunk, Stickstoffdioxid (NO2) sei in Konzentrationen rund um den europäischen Grenzwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft "total ungefährlich".

Erst bei Dosen von 800 bis 1000 Mikrogramm würden unbehandelte Asthmatiker "etwas reagieren", sagte Köhler. Todesfälle gebe es aber "natürlich in keinem Fall". Ein Raucher beispielsweise erreiche "über 200.000 Mikrogramm pro Kubikmeter, wenn er eine Zigarette raucht". Selbst das Anzünden eines Adventskranzes verursache mehr als 200 Mikrogramm Stickstoffdioxid pro Kubikmeter Luft.

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Die Studien, die zu den Grenzwerten von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft geführt hätten, seien "miserabel interpretiert" worden, fügte Köhler hinzu. Wenn solch niedrige Werte wirklich zu Todesfällen führen würden, "dann würden Raucher alle nach wenigen Monaten tot umfallen, was ja nicht passiert". Fahrverbote für ältere Dieselfahrzeuge, die zu viel Stickstoffdioxid ausstoßen, seien deshalb nicht notwendig: "Die Grenzwerte in diesem Bereich sind völlig ungefährlich - das macht gar nichts."

Das Verwaltungsgericht Mainz hatte entschieden, dass die Stadt Mainz ein Fahrverbot für ältere Dieselfahrzeuge zum 1. September 2019 verhängen muss, sollte im ersten Halbjahr 2019 der Mittelwert für Stickstoffdioxid über dem Grenzwert liegen.

EU-Rechnungshof hat komplett andere Ansicht

Zu einer grundsätzlich anderen Einschätzung als Lungenarzt Köhler kommt etwa der Europäische Rechnungshof (EuRH). So urteilte die Behörde im September dieses Jahres, dass die von der EU festgelegten NO2-Grenzwerte grundsätzlich nicht angemessen sind. Die Normen seien vor knapp 20 Jahren festgelegt worden und zum Teil schwächer als die der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Außerdem werde aufgrund der vagen Bestimmungen der entsprechenden EU-Richtlinie nicht immer an den richtigen Stellen gemessen, etwa in der Nähe von Großindustrien oder wichtigen städtischen Verkehrswegen.

Die Belastung durch Stickstoffdioxid, Feinstaub und bodennahes Ozon führt in der EU laut EuRH zu mehr als tausend vorzeitigen Todesfällen pro Tag - mehr als das Zehnfache der Zahl der Verkehrstoten. 2013 schätzte die EU-Kommission die Kosten für die Gesundheitssysteme auf jährlich 330 bis 940 Milliarden Euro.

In vier Ländern - Bulgarien, Tschechien, Lettland und Ungarn - ist die gesundheitliche Belastung durch schlechte Luft laut WHO schwerwiegender als in China und Indien. In Deutschland ist die Belastung durch Luftverschmutzung demnach etwas niedriger als im EU-Durchschnitt. Der EuRH sieht das Hauptproblem in der Belastung durch Stickstoffdioxid, das hauptsächlich von Diesel-Fahrzeugen ausgestoßen wird. Der Stoff kann die Lungenfunktion stören oder zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen führen.

Quelle: n-tv.de