Panorama

Zeit zum Lernen nutzen Mediziner bündeln Covid-19-Wissen

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Nicht nur in der zentralen Notaufnahme des Uniklinikums Essen werden Covid-19-Fälle erwartet.

(Foto: picture alliance/dpa)

Das neue Coronavirus sorgt für Krankheitsbilder, die die Mediziner noch gar nicht kennen. Außerdem müssen sich viel mehr Ärzte angesichts der dramatischen Entwicklungen mit Notfallmedizin beschäftigen. Das dafür nötige Wissen kommt digital von Kollegen.

Dr. Felix Lorang ist Notfallmediziner, er arbeitet als Oberarzt am Zentrum für Notfallmedizin des Universitätsklinikums in Jena. Gemeinsam mit anderen sitzt er neben seiner unmittelbaren Tätigkeit gerade an dem Projekt "Mediziner für Mediziner gegen Covid19". "Wir haben mit der Corona-Epidemie eine Situation, die für viele Beteiligte neu ist. Selbst für uns, die wir jeden Tag mit schweren Fällen zu tun haben, ist es neu", sagt Lorang gegenüber ntv.de

Deshalb entsteht gerade in großer Geschwindigkeit ein digitales Hilfsmittel, um das vorhandene medizinische Wissen in der Coronavirusepidemie mit möglichst vielen zu teilen. Im Idealfall sollen die über Covid-19 verfügbaren Informationen auch offline abgerufen werden können. Ob das am Ende "nur" über eine Webseite oder auch über eine App laufen wird, steht noch nicht endgültig fest. Ziel der Aktion, die bei Twitter unter #M4MvsCOVID läuft, ist es, Nicht-Intensivmedizinern aller Professionen zu helfen, komplexe Krankheitsbilder rund um Covid-19 besser zu bewältigen.

Bisher wurden solche schweren Fälle aus kleineren Krankenhäusern beispielsweise an die nächste Uniklinik weitergeschickt. "Das geht jetzt nicht mehr", ist Lorang überzeugt. Weil es in dieser Situation zu oft sehr lange dauert, bis Empfehlungen angepasst werden können, sollen schon gemachte Erfahrungen auf diese Weise "schnell bis in den letzten Winkel der Republik" transportiert werden. Denn es gelte jetzt, keine Zeit zu verlieren.

Lernen vom Youtube-Video

Für die Aktion haben sich innerhalb weniger Tage mehr als 600 Notfall- und Intensivmediziner, außerdem Fachpflegekräfte, aber auch Radiologen, Apotheker oder Medizinisch-technische Assistentinnen zusammengefunden. Einige können auf Erfahrungen aus der FOAM-Szene zurückgreifen. Im Rahmen von "Free open access medical education" hatten sie bereits in der Vergangenheit wichtige Studien innerhalb kurzer Zeit für eine größere Öffentlichkeit ausgewertet und zugänglich gemacht. Die Mediziner werden von Projektmanagern und IT-Experten unterstützt.

*Datenschutz

Lorang selbst hat kürzlich ein Youtube-Video hochgeladen, in dem er erklärt, wie ein Lungenultraschall in der Corona-Diagnostik helfen kann. Denn mit etwas Übung lässt sich Covid-19 auf den Ultraschallbildern von bisher bekannten Atemwegserkrankungen unterscheiden. Der Notfallmediziner greift dabei auf Material zurück, das Kollegen weltweit bereits bei Twitter geteilt haben. Daraus entwickelt er Empfehlungen, nach welchem Muster der Ultraschall gemacht werden sollte und welche Schlüsse man aus dem Zustand der Patienten und den Ultraschallbildern ziehen kann.

"Wir haben verschiedene Tipps und Tricks, wie wir solche Patienten üblicherweise behandeln. In diesem Fall ist es aber etwas anders", sagt Lorang, der in Jena bereits Covid-19-Patienten behandelt hat. "Da stoßen auch erfahrene Intensivmediziner mit ihren Beatmungskenntnissen an ihre Grenzen." Inzwischen habe man verschiedene Erfahrungen, die man anwenden könne. "Aber das entwickelt sich auch von Tag zu Tag und verändert sich." Diese Veränderungen sollen auch auf der Digitalplattform begleitet werden.

Versuch und Irrtum reicht einmal

Der 45-Jährige konzentriert sich bei seinem Beitrag auf die Notfallversorgung. Mit der für Covid-19-Patienten empfohlenen Bauchlagerung und speziellen Beatmungsmustern seien nicht alle Mediziner vertraut. "Man muss auch genau wissen, wie man die Patienten intubiert, damit sich nicht alle Beteiligten sofort anstecken." Ähnliches gilt für die verwendeten Medikamente. "Bei einigen Medikamenten, die Kollegen versucht haben zu geben, wissen wir inzwischen, dass sie gar nicht wirken. Das können wir schon transportieren, das muss nicht noch einer versuchen."

*Datenschutz

Für die wichtigste Information braucht Lorang allerdings keine neue App oder Webseite. Er ist überzeugt: Auf die Situation, vor der das deutsche Gesundheitssystem jetzt steht, hätte man viel besser vorbereitet sein können. "Das Gesundheitssystem ist vor allem wirtschaftlich geführt worden, jetzt haben wir nicht ausreichend Pflegepersonal, weil die Bezahlung und die Arbeitsbedingungen so schlecht sind, dass sich das keiner mehr antut", schätzt er ein. "Wir ziehen das jetzt mit denen durch, die da sind." Der Übergang zwischen besonderer Situation, Not- und Katastrophenfall werde vermutlich fließend sein. Und die "Mediziner für Mediziner gegen Covid19" werden bereitstehen.

Quelle: ntv.de