Panorama

Hitler-Merkel und Mittelfinger-Venus Mögen sich Deutsche und Griechen nicht mehr?

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Ein kleines Schauspiel um Adolf Hitler und Angela Merkel soll den Protest der Griechen vor der deutschen Botschaft in Athen ausdrücken. Das war im Oktober 2011. Seitdem hat sich die Lage nicht wirklich verbessert.

(Foto: REUTERS)

Im Verhältnis zwischen Griechen und anderen Europäern herrschen Ressentiments und Vorurteile. Dabei haben vor allem die Deutschen die Griechen einmal geliebt - doch dann kam die Eurokrise.

Ohne Klischees geht es wohl nie zwischen Deutschen und Griechen. Als Premierminister Alexis Tsipras im März 2015 zu seinem Antrittsbesuch nach Berlin kommt, sagt er: "Weder sind die Griechen Faulenzer noch sind die Deutschen schuld an den Missständen in Griechenland." Und nicht alle Deutschen sind Nazis, könnte man hinzufügen. Seit mindestens fünf Jahren nun, seit die Schuldenkrise das Land im Griff hat, werden zwischen Berlin und Athen Stereotype und Vorurteile bedient.

"Sind die Griechen noch zu retten?" fragt mal wieder eine Fernsehtalkshow. Das ist noch harmlos. Nicht nur zwischen Deutschen und Griechen herrschen Ressentiments. Auch Briten und Franzosen, Niederländer und Finnen haben ihre Vorurteile gegenüber Griechen - und Deutschen. Aber kaum irgendwo artikuliert sich das derzeit so grob wie in deutschen Medien und unter Politikern. 

Die Eurozone ist keine "Hängematte"

Besonders bei bayerischen Politikern. CSU-Chef Horst Seehofer: "Dass andere an unser Geld wollen, ohne sich dabei zu viel zuzumuten, ist zutiefst menschlich, aber es ist keine Lös ung des Problems." Und CSU-Verkehrsminister Alexander Dobrindt warnt mit Blick auf Athen, die Eurozone sei keine "Hängematte".

Die Herrschaft negativer Klischees und Ressentiments in Europa gegenüber Griechenland ist dabei relativ neu - und angesichts Jahrhunderte währender Griechenland-Begeisterung zunächst schwer verständlich. Der "Philhellenismus" (Freundschaft zum Griechentum) hatte im 19. Jahrhundert in Westeuropa seinen Höhepunkt erreicht. Historiker sehen in dieser Strömung sogar eine Keimzelle der späteren europäischen Integration - die griechische Göttin Europa als Mutter des Einigungsprozesses.

Hochkonjunktur der Griechenland-Begeisterung

Vorbild für die europäische Bürgerbewegung des 19. Jahrhunderts war eben auch die antike Demokratie in Athen. Jeder Bürger konnte an der Volksversammlung und an Gerichtsversammlungen teilnehmen. Allerdings galt nicht jeder als Bürger: Frauen, Sklaven und Arbeiter aus der Fremde etwa durften nicht dabei sein. Von etwa 200.000 Einwohnern waren nur etwa 30 000 für die Volksversammlung stimmberechtigt. Und das ganze funktionierte nur knapp 200 Jahre, von 508 bis 322 vor Christus. Immerhin. Doch dann war lange nichts.

Erst nach 1800 erlebte die Griechenland-Begeisterung in Europa ihre Hochkonjunktur. Der Autor Manuel Gogos schreibt: "Das deutsche Griechenlandfieber der Romantiker und der Klassiker war unstillbar, unheilbar, notorisch." Mit Genuss erinnert er an den Teil in Johann Wolfgang von Goethes Faust II, wo der Titelheld und die schöne Helena ihren Sohn Euphorion zeugen, dem allerdings kein langes Leben beschieden ist.

Auch Friedrich Schiller und Friedrich Hölderlin und viele andere zeugen von der übermächtigen Liebe der Deutschen zu Griechenland, dem antiken Griechenland, versteht sich. Spiros Moskovou, der Leiter der Griechenland-Redaktion der Deutschen Welle, schreibt: "Am Anfang war die Liebe, eine besondere deutsche Liebe, die einmalige Idealisierung des antiken Griechenlands." Dabei ging es den "Philhellenen" nicht nur um die Bewunderung für Philosophie und Demokratie in der Antike, sondern auch um Unterstützung des griechischen Befreiungskampfes gegen das Osmanische Reich. "Griechenland war für das Biedermeier, was Vietnam für die 68er war", schrieb einmal "Die Welt".

Die Griechenland-Euphorie wuchs noch, als ein 17-jähriger bayerischer Wittelsbacher zum griechischen König Otto I. gekrönt wurde. Dass Otto auch viele bayerische Beamte mit nach Athen brachte, sei am Rande erwähnt. Eine funktionierende Verwaltung aufzubauen, gelang ihnen nicht. Die Spuren dieses Versagens sind noch heute zu besichtigen. Ottos Herrschaft währte nur 20 Jahre, danach war Schluss, und er kehrte nach Bayern zurück.

Dunkles Zeitalter

1941, keine hundert Jahre später, stehen deutsche Soldaten in Athen, auch unter ihnen viele Griechenland-Begeisterte, was den brutalen Massakern der Nazi-Deutschen an der griechischen Bevölkerung nicht im Wege stand. Die Deutschen, schreibt Gogos, inszenierten sich als die "wahren Erben des antiken Griechenland", während Hunderttausende verhungerten oder erfroren. In wenigen Ländern wüteten die deutschen Besatzer so brutal wie in Griechenland. Orte wie Ligiades oder Distomo als Schauplätze ihrer Gräueltaten sind erst in jüngster Zeit bekannter geworden.

Es schien zunächst, dass nicht einmal dieses dunkle historische Kapitel die Beziehungen hätte nachhaltig trüben können. Moskovou stellt fest: "Das eigentlich Erstaunliche ist, dass nach dem Krieg in Griechenland keine Kultur des Ressentiments gegenüber Deutschland entstanden ist. Im Gegenteil: Die Griechen vergaben den Deutschen verblüffend schnell."

Und dann kamen die Gastarbeiter. 1960 wurde das Anwerbeabkommen mit Griechenland unterzeichnet. Heute leben über 300 000 griechisch- stämmige Menschen in Deutschland. Manche verließen ihre Heimat auch wegen der Herrschaft der Generäle, die sich 1967 an die Macht geputscht hatten. Wer als Deutscher noch nicht urlaubsbedingt ein Liebhaber von Santorin und Epidaurus war, der wurde zu Hause Fan von Gyros und Souflaki.

Die Sache ist kompliziert

Die deutsche Liebe zu Griechenland dauerte an. Doch dann kam die Eurokrise und die Angst der Deutschen, für die Schulden der Griechen einstehen zu müssen. Der "Focus" zeigte die Venus von Milo mit ausgestrecktem Mittelfinger auf dem Titel, dazu die Zeile "Betrüger in der Euro-Familie". Die griechische Zeitung "Eleftheros Typos" veröffentlichte eine Fotomontage mit einem Hakenkreuz auf der Berliner Siegessäule. Kanzlerin Angela Merkel in Hitler-Pose war ein populäres Motiv. Neben Entrüstung bestimmt seitdem wohl auch das Gefühl enttäuschter Liebe das Verhältnis. 

So dramatisch hatten sich die Beziehungen zwischen Athen und Berlin inzwischen verschlechtert, dass sogar der Besuch von Bundespräsident Joachim Gauck 2014 in Athen von der Forderung nach Reparationszahlungen überschattet wurde. 278,7 Milliarden Euro fordert Griechenland von Deutschland wegen Altlasten des Zweiten Weltkriegs. Die kompletten Staatsschulden des Krisenlandes könnten damit beglichen werden.

Die Sache ist kompliziert. Die Bundesregierung weist die Forderung entschieden zurück, aber Juristen sehen die Sache durchaus differenziert. Ironie der Geschichte: Ausgerechnet mit dem Londoner Abkommen von 1953, in dem Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg ein Schuldenschnitt gewährt wurde, wird die Ablehnung der griechischen Forderung begründet. Deutschland war eben auch schon mal ein Pleitestaat, mehrmals sogar. Genau wie Griechenland.

Quelle: ntv.de, Thomas Lanig, dpa

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