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Alleinerziehende unter Druck Mutter, Kind, Hartz IV

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Fast jede fünfte Familie mit minderjährigen Kindern ist eine Ein-Eltern-Familie.

(Foto: imago/Westend61)

Rund 2,3 Millionen Kinder in Deutschland wachsen bei Alleinerziehenden auf - davon knapp 90 Prozent bei der Mutter. Fast die Hälfte dieser Kinder lebt von Hartz IV. Schuld daran ist die Politik.

Vater, Mutter, Kind - das ist zwar mit rund 80 Prozent das häufigste Familienmodell in Deutschland. Dennoch steigt die Zahl der Alleinerziehenden deutlich. Rund 2,3 Millionen Kinder leben heute in einer Ein-Eltern-Familie - davon knapp 90 Prozent bei der Mutter. Weil besonders Alleinerziehende ein sehr hohes Armutsrisiko haben, droht diesen Kindern häufiger ein Leben in Armut als Gleichaltrigen, die mit beiden Elternteilen zusammen leben. Das Problem: Die politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen machen diesen Ein-Eltern-Familien das Leben zusätzlich schwer. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie der Bertelsmann Stiftung.

Insgesamt wachsen knapp eine Million Kinder bei Alleinerziehenden auf, die von Hartz IV leben. Knapp 38 Prozent der Alleinerziehenden beziehen der Studie zufolge staatliche Grundsicherung, bei den Paarhaushalten seien es nur sieben Prozent.

Das Armutsrisiko von Alleinerziehenden hat sich in den letzten zehn Jahren sogar weiter verschärft: 42 Prozent bezogen 2014 ein Einkommen, das weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens entsprach. Das sind 6,6 Prozentpunkte mehr als 2005. Bei Paarfamilien ist das Armutsrisiko im selben Zeitraum um 11,7 Prozentpunkte gesunken.

Alleinerziehende arbeiten mehr

Dabei gehen 61 Prozent der alleinerziehenden Mütter arbeiten. Doch aufgrund der häufig allein getragenen Verantwortung für die Kinder, die Erwerbsarbeit und den Haushalt beträgt ihr durchschnittlicher Stundenumfang durchschnittlich 29,5 Stunden pro Woche - das ist deutlich größer als der von Müttern in Paarhaushalten (24,5 Stunden). Dennoch reicht das Einkommen vielfach nicht aus, um den eigenen Unterhalt und auch noch den der Kinder zu decken.

Schuld an der Situation ist aus Sicht der Experten die Politik. Um Armut in Ein-Eltern-Familien schnell und wirksam zu bekämpfen, müssten die die Regelungen für den Kindesunterhalt geändert werden, so die Autoren der Studie.

Ihren Recherchen zufolge erhält die Hälfte der Alleinerziehenden überhaupt keinen Unterhalt für ihre Kinder. Weitere 25 Prozent bekommen nur unregelmäßig Unterhalt oder weniger als den Mindestanspruch. Die Gründe dafür wurden bislang nicht untersucht.

Gesetze gehen an Lebensrealität vorbei

Alleinerziehende haben in diesem Fall zwar Anspruch auf staatliche Unterstützung, doch der sogenannte Unterhaltsvorschuss kann maximal sechs Jahre lang bezogen werden. Und das auch nur, wenn das Kind noch nicht zwölf Jahre alt ist.

"Die Regeln zum Unterhaltsvorschuss gehen häufig an der Lebensrealität der Betroffenen vorbei und haben die Kinder und Jugendlichen nicht im Blick. Alle Kinder haben unabhängig vom Alter und dem Trennungszeitpunkt ihrer Eltern Bedürfnisse, die gedeckt sein müssen. Deshalb sollten auch alle Kinder und Jugendlichen von 0bis 18 Jahren Anspruch auf Unterhaltsvorschuss haben", sagt Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung.

Folgende fünf Schritte empfehlen die Autoren, um die Lebenslage von alleinerziehenden Familien zu verbessern:

  1. Vertiefte Analysen: Gründe müssen ermittelt werden, warum Unterhalt regelmäßig nur bei einem Viertel der Alleinerziehenden ankommt.
  2. Bessere Durchsetzung: Bei mangelnder Zahlungsbereitschaft der nicht betreuenden Elternteile muss die Durchsetzung der Unterhaltsansprüche der Kinder verbessert werden. Ein Modell dafür könnte der britische Child Maintenance Service sein.
  3. Staatliche Unterstützung: Bei fehlender Zahlungsfähigkeit der nicht betreuenden Elternteile muss der Staat für den Unterhalt der Kinder aufkommen.
  4. Reform Unterhaltsvorschuss: Der Unterhaltsvorschuss muss grundlegend reformiert werden. Die altersgerechten Bedürfnisse der Kinder müssen gedeckt und Leistungen von 0 bis 18 Jahren gewährt werden. Das Kindergeld sollte nur bis zur Hälfte auf den Unterhaltsvorschuss angerechnet werden.
  5. Geteilte Sorge: Die tatsächlich gelebten Betreuungsmodelle in getrennten Familienmüssen im Unterhalts- und Sozialrecht stärker berücksichtigt werden. Teilen sich Eltern die Sorge, entstehen Mehrkosten: zwei Kinderzimmer, doppelte Kleidung und Spielzeug, Bus- und Bahnfahrten sind teuer und müssen finanziert werden.

Quelle: n-tv.de, dsi

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