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Aldi hinterfragt Schutzmaßnahmen Staatsanwaltschaft ermittelt bei Tönnies

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Aktuell steht der Betrieb im Schlachthof von Clemens Tönnies still.

(Foto: picture alliance/dpa)

Der Corona-Ausbruch im Schlachthof von Clemens Tönnies ist ab sofort ein Fall für die Justiz: Bei ihr sind mehrere Anzeigen eingegangen. Für den Schalke-Boss wird es zudem im familiären Umfeld ungemütlich. Und auch Aldi hat viele Fragen zu den Sozialstandards des Konzerns.

Die Staatsanwaltschaft Bielefeld untersucht den massenhaften Corona-Ausbruch beim Fleischkonzern Tönnies in Rheda-Wiedenbrück. Sie ermittelt wegen des Anfangsverdachts der fahrlässigen Körperverletzung und Verstoßes gegen das Infektionsschutzgesetz. Es seien fünf Strafanzeigen eingegangen, sagte Oberstaatsanwalt Martin Temmen. Darunter sei auch eine Anzeige der Bielefelder Bundestagsabgeordneten Britta Haßelmann von den Grünen. Ermittelt wird zunächst gegen Unbekannt.

Durch den Tönnies-Skandal geraten auch andere große Fleischfabriken zunehmend in Bedrängnis. Das Bundesarbeitsministerium arbeite mit Hochdruck an einem Gesetzentwurf für die geplanten Verschärfungen beim Arbeitsschutz und einem weitgehenden Verbot von Werkverträgen in der Fleischbranche, sagte eine Sprecherin. Agrarpolitiker der Union forderten mehr regionale Schlachthöfe. Die NRW-Landesregierung will Billigangeboten beim Fleisch einen Riegel vorschieben.

Auch im Lebensmittelhandel wird die Lage beim größten deutschen Schlachtunternehmen genau verfolgt. Die Discounter Aldi Süd und Nord teilten mit, sie stünden aufgrund des Corona-Ausbruchs mit Tönnies und auch weiteren Lieferanten in Verbindung. "Dabei ist es von besonderer Relevanz für uns zu erfahren, ob alle Schutzmaßnahmen umgesetzt und eingehalten wurden", erklärte eine Sprecherin. Aldi habe seine Überprüfungen zum Tierwohl um soziale Aspekte erweitert. "Damit kontrollieren wir die Einhaltung der Sozialstandards und der Sorgfaltspflicht in den Schlachthöfen."

Auf die Versorgung der Verbraucher wird der Ausfall der Schlachtmengen in Rheda-Wiedenbrück nach Einschätzung der Lebensmittelketten und Discounter sowie von Marktbeobachtern keine kurzfristigen Auswirkungen haben. "Fleisch wird in Deutschland nicht knapp, auch nicht Schweinefleisch", sagte Tim Koch von der Agrarmarkt Informations-Gesellschaft in Bonn. "Die Situation bei Tönnies hat aktuell keine Auswirkungen auf unser Angebot", betonte Lidl. Bei Aldi hieß es, die Filialen würden "weiterhin täglich mit frischen Fleischartikeln beliefert". Sprecher von Rewe und Real äußerten sich ähnlich. Auch das NRW-Landwirtschaftsministerium versicherte, es drohten keine Versorgungslücken.

"Regionalisierung der Schlachtstruktur"

Offen blieb zunächst, welche Folgen die Schließung bei Tönnies auf die Fleisch- und Wurstpreise hat. Das könne derzeit "nicht verlässlich vorhergesagt werden", sagte ein Rewe-Sprecher. Auch bei Aldi hieß es: "Ob und wie sich die aktuelle Situation des Lieferanten auf die Verkaufspreise von Fleischartikeln auswirken wird, können wir zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen."

Ob es zu Preisanhebungen kommt, ist nach Einschätzung von Marktbeobachter Koch erst in einigen Wochen abzusehen. Der Handel habe in der Regel mit den Schlachtunternehmen längerfristige Verträge zu Mengen und Preisen abgeschlossen, sagte er. NRW-Landwirtschaftsministerin Ursula Heinen-Essen will mit einer Bundesratsinitiative Dumpingangebote beim Fleisch unterbinden. "Es gibt haarsträubende Sonderaktionen, bei denen Fleisch deutlich unter seinem Wert verkauft wird. Das müssen wir stoppen", sagte die CDU-Politikerin der "Rheinischen Post". Es gehe darum, die im Gesetz gegen unlauteren Wettbewerb vorgesehenen Ausnahmen deutlich zu erschweren. Der Preisdruck aus dem Lebensmittelhandel wirke sich auf die gesamte Kette aus, eben auch auf die Schlachtbetriebe.

Aus der Unionsfraktion im Bundestag kamen Forderungen nach einer "Regionalisierung der Schlachtstruktur" in Deutschland. Damit lasse sich nicht nur der Ausfall von einzelnen Kapazitäten wesentlich leichter verkraften, betonte der agrarpolitische Sprecher der CSU, Artur Auernhammer. Durch kürzere Transportwege werde auch mehr beim Tierwohl erreicht.

Das NRW-Agrarministerium und die Lebensmittelbranche versicherten, es gebe weiterhin keine Anhaltspunkte, dass das Coronavirus über Fleischprodukte übertragen werden könne. Dem Bundesinstitut für Risikobewertung seien bisher keine Infektionen mit Sars-CoV-2 über einen Übertragungsweg über Lebensmittel bekannt. Tönnies ist mit einem Marktanteil von gut 30 Prozent das mit Abstand größte Schlachtunternehmen in Deutschland. Im vergangenen Jahr kam es auf 16,7 Millionen geschlachtete Schweine, Nummer zwei der Branche ist Westfleisch mit 7,7 Millionen Schlachtungen. Im Coesfelder Westfleisch-Betrieb hatte es im Mai einen großen Corona-Ausbruch gegeben.

Tönnies' Neffe fordert Führungswechsel

Nach dem Corona-Ausbruch in Deutschlands größtem Schlachtbetrieb hat Robert Tönnies seinen Onkel Clemens Tönnies in einem persönlichen Brief zudem aufgefordert, als Geschäftsführer der Gesellschaft zurückzutreten. Dessen Sohn Max Tönnies solle die Arbeit übernehmen, heißt es in dem Schreiben vom 19. Juni, das der Deutschen Presse-Agentur vorliegt. In einem anderen Schreiben vom 17. Juni wirft Robert Tönnies der Geschäftsleitung und dem Beirat des Konzerns weiterhin unverantwortliches Handeln sowie die Gefährdung des Unternehmens und der Bevölkerung vor. Er fordert die Einberufung einer außerordentlichen Gesellschafterversammlung.

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Am Mittwoch war bekannt geworden, dass es unter den Mitarbeitern des Schlachtbetriebs in Ostwestfalen zu einem Ausbruch mit einer Vielzahl von Corona-Infizierten gekommen ist. Nach der Ursache wird noch gesucht. Der Kreis Gütersloh ordnete Quarantäne für die Betroffenen an und schloss bis zu den Sommerferien als Vorsichtsmaßnahme Schulen und Kindergärten.

Robert Tönnies hält wie sein Onkel Clemens die Hälfte an dem Unternehmen. Seit Jahren streiten sich die beiden um die Führung und Ausrichtung des Konzerns. Robert, Sohn des verstorbenen Firmengründers Bernd Tönnies, wirft der Geschäftsleitung und dem kontrollierenden Beirat vor, seit 2017 geltende Unternehmensleitsätze zur Abschaffung von Werkverträgen nicht umzusetzen.

Quelle: ntv.de, lri/chr/dpa