Panorama

Video zeigt Hygieneverstöße Tönnies verstrickt sich in Widersprüche

Der Fleischverarbeitungsriese Tönnies führt den Corona-Ausbruch in seiner Hauptfabrik auf niedrige Temperaturen und Mitarbeiter-Heimreisen zurück. Nun deckt ein Video massive Hygienemängel auf. Es stamme vom Pandemie-Beginn, betont das Unternehmen - und muss kurz darauf kleinlaut zurückrudern.

Wegen eines schockierenden Videos sowie einer Falschinformation gerät das heftig in die Kritik geratene Schlachtereiunternehmen Tönnies weiter unter Druck. Ein kürzlich aufgetauchtes Video aus der Betriebskantine der Tönnies-Fleischfabrik in Rheda-Wiedenbrück hatte zahlreiche Hygieneverstöße der Mitarbeiter in Zeiten der Corona-Pandemie aufgedeckt. Das Unternehmen bestätigte die Echtheit des Videos, verwies aber zunächst darauf, es sei "ganz zu Beginn der Pandemie" aufgenommen worden und zeige einen "alten Stand der Hygienemaßnahmen". Nach Recherchen des SWR stammt das Video jedoch vom 8. April - zu diesem Zeitpunkt waren die neuen Hygienevorschriften des Landes Nordrhein-Westfalen bereits seit über einer Woche in Kraft.

Ein Tönnies-Pressesprecher revidierte die erste Aussage am Donnerstag und räumte ein, das Video stamme von Anfang April, nur um einen Tag später zu betonen, dass das im Netz kursierende Video dem Unternehmen seit dem 28. März 2020 bekannt sei. Der Sprecher stellte klar, dass es in der Krisenkommunikation eine Panne gegeben habe. Eine Bestätigung, dass das Video von April stamme, sei falsch gewesen. Das Video müsse im März gedreht worden sei, da es seit dem Monatsende bei Tönnies bekannt sei.

Auf dem Video sind Hunderte Mitarbeiter des Fleischbetriebs zu sehen, die dicht an dicht sitzen, ohne den Mindestabstand einzuhalten. Dabei gibt es in NRW klare Vorgaben für Betriebskantinen. Diese dürften nur betrieben werden, "wenn die erforderlichen Vorkehrungen zur Hygiene, zur Steuerung des Zutritts, zur Vermeidung von Warteschlangen und zur Gewährleistung eines Mindestabstands von 1,5 Metern gewährleistet sind." Laut Tönnies hatten sich die Arbeiter damals in der Kantine nur mit Kollegen aufgehalten, mit denen sie auch in einer Abteilung zusammen gearbeitet hatten. Dieses Verhalten, das sogenannte Clustern, sei mit dem Arbeitsschutz abgestimmt gewesen.

Der Konzern hatte die niedrigen Temperaturen durch Kühlung in den Produktionsräumen und Heimreisen der Beschäftigten nach Osteuropa an den zurückliegenden langen Wochenenden als mögliche Gründe für den Infektionsausbruch genannt. Ein Sprecher des Kreises Gütersloh betonte jedoch gegenüber dem SWR, dass "die Kantine nicht umsonst neben der Zerlegung zu den ersten Bereichen gehört, die seit zwei Tagen getestet werden".

Die mangelhaften hygienischen Zustände in der Tönnies-Fabrik sollen dem Kreis bereits bekannt gewesen sein. In einer Antwort auf eine Anfrage der Grünen im Stadtrat von Rheda-Wiedenbrück wurde auf "den Versorgungsauftrag mit kritischer Infrastruktur" des Unternehmens hingewiesen. Das führe dazu, dass der Mindestabstand nicht an allen Stellen eingehalten werden könne. Volker Brüggenjürgen, der für die Grünen im Stadtrat sitzt, habe bei einer Werksführung Mitte April ähnliche Zustände wahrgenommen, wie auf dem Video zu sehen waren.

Tönnies hatte am Mittwoch nach dem Corona-Großausbruch seinen Hauptproduktionsbetrieb vorläufig stoppen müssen. Der Branchen-Riese meldete mehr als 650 Infektionen. Für rund 7000 Menschen wurde eine Quarantäne verfügt.

*Datenschutz

Dem neuesten RKI-Datenstand zufolge überschreitet der Kreis Gütersloh inzwischen die zwischen Bund und Ländern vereinbarte Obergrenze von 50 Neuinfektionen je 100.000 Einwohnern binnen sieben Tagen. Für die Fortsetzung von Corona-Tests fragte der Kreis bei der Bundeswehr Hilfe an. Sie soll ab Freitag Soldaten mit medizinischen Vorkenntnissen für Tests und andere Helfer für die Dokumentation schicken. Laut einem Tönnies-Konzernsprecher sollen künftig pro Tag 1500 bis 2000 Mitarbeiter auf das Coronavirus getestet werden. Nach dem Start der behördlich angeordneten Reihe sind noch rund 5300 Tests offen.

Quelle: ntv.de, mba