Panorama

Corona regional betrachtet Stadt oder Land - wo sind Inzidenzen höher?

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Nur in Einzelfällen spielt ein erhöhtes Testaufkommen eine Rolle.

(Foto: imago images/Rupert Oberhäuser)

Hotspots in Thüringen, Sachsen oder Bayern lassen vermuten, dass derzeit vor allem auf dem Land die Inzidenzen nach oben schnellen. Aber ist das tatsächlich so oder gibt es in Wahrheit viel mehr Ansteckungen in den Ballungsräumen? Und was sind die Gründe für das eine oder andere?

Eigentlich sollte man annehmen, dass die Pandemie vor allem in Großstädten wütet, wo viele Menschen auf engem Raum zusammenwohnen und es im Alltag auch viel mehr Gelegenheiten gibt, sich anzustecken. Die aktuellen Hotspots sind allerdings in eher ländlichen Gegenden, vor allem in Thüringen, Bayern und Sachsen. Andererseits findet man auch die Kreise mit den niedrigsten Inzidenzen in der Provinz, in erster Linie in Schleswig-Holstein und Niedersachsen. Tatsächlich gibt es im Detail also ein Stadt-Land-Gefälle, allerdings in beide Richtungen. Im Großen und Ganzen sind die Unterschiede allerdings geringer als man erwartet und andere Faktoren spielen vermutlich eine wichtigere Rolle.

Höchste Inzidenzen auf dem Land

Schaut man ausschließlich auf die Extreme, sieht man an der Spitze der Corona-Hotspots den Saale-Orla-Kreis in Thüringen (Inzidenz 403), gefolgt vom bayerischen Landkreis Kronach (355) und den thüringischen Kreisen Gotha (343) und Greiz (334). Erst auf Platz 8 steht in der Liste mit Kempten im Allgäu (311) eine kreisfreie Stadt, die mit knapp 70.000 Einwohnern aber auch nicht gerade ein Ballungszentrum ist.

Während die Hotspots überwiegend im Südosten brodeln, findet man die Regionen mit den niedrigsten Inzidenzen alle im hohen Norden. Die aktuell kleinsten Fallzahlen hat derzeit der Landkreis Lüchow-Dannenberg in Niedersachsen mit 33 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner. Es folgen die schleswig-holsteinischen Kreise Schleswig-Flensburg (38) und Nordfriesland (39). Der niedersächsische Landkreis Wittmund (42) belegt den vierten Platz, der Kreis Plön (47) auf Rang 5 liegt ebenso in Schleswig-Holstein wie die kreisfreie Stadt Flensburg (50).

Große Unterschiede innerhalb von Großstädten

Die große Masse befindet sich irgendwo dazwischen und je weiter man in den ntv.de-Tabellen klickt, desto mehr vermischen sich ländliche und städtische Regionen. Berlin beispielsweise befindet sich im Ganzen mit einer Inzidenz um die 150 im Bundesdurchschnitt und in guter Gesellschaft mit den Landkreisen Alzey-Worms in Rheinland-Pfalz oder dem Salzlandkreis in Sachsen-Anhalt. Mit Treptow-Köpenick hat die Hauptstadt einen Bezirk mit einer Inzidenz unter 100 (92), andererseits zählt Neukölln über 200 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner und Woche.

Die großen Unterschiede innerhalb von Großstädten sind vermutlich zu einem hohen Anteil soziodemografisch bedingt. Eine Analyse des Berliner Senats kam im vergangenen Herbst zu dem Ergebnis, dass ein geringes Einkommen beziehungsweise Arbeitslosigkeit, beengte Wohnverhältnisse und ein hoher Migrantenanteil maßgebliche Faktoren für höhere Inzidenzen sind. "Grundsätzlich ist festzustellen, dass Bezirke, die eine ungünstigere Sozialstruktur aufweisen sowie dichter besiedelt sind und in denen weniger Frei- und Erholungsflächen zur Verfügung stehen, signifikant stärker von der Covid-19-Epidemie betroffen sind", heißt es im Fazit der Analyse.

Die Unterschiede im Detail hat auch das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) festgestellt. Es beobachtet die Pandemie seit Beginn und hat zwar verschiedene Auswirkungen auf die Regionen in den drei Wellen, aber keine signifikanten Unterschiede zwischen Land und Stadt festgestellt.

Lokale Ausbrüche fallen jetzt weniger ins Gewicht

"Während der ersten Phase der Corona-Pandemie von Februar bis Sommer 2020 verbreitete sich das Virus im städtischen und ländlichen Raum nahezu ähnlich stark", schreibt das BBSR. "Auch in der zweiten Welle gab es keine grundlegende Abweichung von diesem Muster. Während im Herbst die 7-Tage-Inzidenz des städtischen Raums leicht über der des ländlichen Raums lag, war hier die 7-Tage-Inzidenz seit Ende des Jahres bis etwa Mitte März etwas höher. Seither gleichen sich die Werte wieder an." Lokale Ausbrüche mit vielen Infizierten, beispielsweise in Schlachtbetrieben oder in der Landwirtschaft, spielen laut BBSR jetzt kaum noch eine Rolle.

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Im Großen und Ganzen gibt es keine nennenswerten Unterschiede zwischen Stadt und Land.

(Foto: BBSR)

Zwar haben dünn besiedelte Gegenden wenig überraschend einen Vorteil gegenüber Ballungsräumen. Grundsätzlich hat das BBSR aber wichtigere Faktoren ausgemacht. An erster Stelle nennt es die regionalen Altersstrukturen: Je jünger die Bevölkerung im Durchschnitt, desto höher ist tendenziell die Zahl der Neuinfektionen.

Junge in der Stadt und auf dem Land stärker betroffen

In den ersten beiden Wellen waren in der Stadt oder auf dem Land die über 80-Jährigen besonders stark betroffen. Durch den Fortschritt bei den Impfungen ist ihr Anteil aber inzwischen stark zurückgegangen. In der dritten Welle sind die Fallzahlen bei Kindern und Jugendlichen nach oben geschnellt und übersteigen jetzt die Bevölkerungsanteile der jeweiligen Altersgruppen. Von September 2020 bis März dieses Jahres lagen sie noch stabil darunter. Die mittleren Altersgruppen haben zwar nicht ganz so hohe Inzidenzen wie die jungen, dafür hat das BBSR beobachtet, dass ihre Inzidenzen bereits in der zweiten Welle kräftig stiegen und auch jetzt deutlich nach oben gehen.

Tatsächlich kann man in einer interaktiven Deutschlandkarte der Technischen Universität München aber nur teilweise eine Übereinstimmung mit der Höhe der Inzidenz erkennen, wenn man die entsprechenden Altersgruppen aktiviert. Es passt nicht wirklich, weil andere Faktoren fehlen.

Hohe Inzidenzen in Grenznähe

Dazu zählt das BBSR die Nähe zu Grenzen. Während die bayerischen Kreise an der Grenze zu Österreich in der ersten Welle im Frühling besonders hohe Fallzahlen verbuchten, zeigten sich nun vermehrt hohe Fallzahlen im Grenzraum zu Tschechien und Polen, schreibt es. Auch Landkreise in der Grenzregion zu den Niederlanden seien zum Teil betroffen. Dagegen wiesen die norddeutschen Kreise, die an Dänemark und den Ostseeraum angrenzen, abgesehen von kurzzeitig höheren Werten keine erhöhten Infektionszahlen auf.

Warum die höchsten Inzidenzen in den östlichen Grenzregionen gemessen werden, erklärt das BBSR nicht. Fakt ist, dass die Fallzahlen in Tschechien extrem hoch waren, inzwischen aber deutlich gefallen sind. Aktuell beträgt die Inzidenz dort rund 180. Auch in Polen sinkt die Inzidenz seit Anfang April kräftig, ist mit knapp 235 aber immer noch relativ hoch. Allerdings ist an der Grenze zu Polen eigentlich nur der Spree-Neiße-Kreis mit einer Inzidenz von rund 220 ein Hotspot.

Pendler im Verdacht

Trotzdem stehen Pendler aus den Nachbarländern im Verdacht, die Pandemie in den deutschen Nachbarregionen anzufachen. Aber ist das wirklich der Fall? Aus Tschechien kommen beispielsweise täglich rund 30.000 nach Bayern. Im Februar waren im damaligen Hotspot Tirschenreuth laut BR nur 1,4 Prozent der 1539 getesteten tschechischen Staatsbürger infiziert. Heute hat der Landkreis mit einer Inzidenz von 75 in der Region die niedrigsten Fallzahlen.

Für Bayerns Staatsminister Joachim Herrmann ist es "eines der Mirakel dieser Pandemie, das ich mir nicht so recht erklären kann, warum der letztes Jahr extrem gebeutelte Landkreis Tirschenreuth heute den besten Wert in ganz Bayern hat, während es in seiner unmittelbaren tschechischen, oberfränkischen und oberpfälzischen Nachbarschaft zum Teil geradezu brodelt", schreibt er im Newsletter Kommunales aus dem Innenministerium (KIM).

Viele Tests senken langfristig Inzidenzen

Möglicherweise spielen soziale Komponenten eine wichtige Rolle, die das BBSR aber nicht messen kann. Der Jenaer Infektiologe Matthias Pletz sagte dem MDR, auf dem Land gäbe es eher eine Vereinskultur, "die Menschen kennen sich besser". Die Intensität der Kontakte sei dann entscheidend. Das Virus halte sich auf dem Land viel länger.

Viel passiere im privaten Bereich, die Menschen träfen sich, weil der soziale Zusammenhalt stark sei, sagte die Pressesprecherin des Greizer Landkreises, Illona Roth, ntv.de. Für ehemals besonders abgeschiedene Grenzregionen könnte dies besonders zutreffen.

Ein erhöhtes Testaufkommen kann vorübergehend für erhöhte Inzidenzen verantwortlich sein, nicht aber in einem längeren Zeitraum. So äußerte Mitte März die Greizer Landrätin Martina Schweinsburg die Hoffnung, durch zahlreiche Tests auf Dauer die Fallzahlen drücken zu können. Zu diesem Zeitpunkt hatte ihr Kreis eine Inzidenz von rund 530. Heute beträgt der Wert knapp 270 bei stark fallender Tendenz. Dabei hilft allerdings auch ein Sonderkontingent von Impfstoffen für Thüringer Hotspots, von denen Greiz 7000 Dosen erhielt.

Viele AfD-Wähler - hohe Inzidenzen?

Schließlich gibt es die Theorie, dass Regionen mit einem hohen Anteil von AfD-Wählern auch besonders hohe Inzidenzen haben. Forscher am Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft (IDZ) Jena machten im Dezember einen Zusammenhang zwischen hohen Corona-Zahlen und AfD-Hochburgen aus. "Die Ergebnisse der Regressionsanalysen zeigen einen starken und höchst signifikanten Zusammenhang zwischen Corona-Inzidenz und dem Bundestagswahlergebnis der #AfD 2017 auf der Kreisebene", twitterte IDZ-Chef Matthias Quent. "Dies gilt für Ost- und mit wenigen Ausnahmen auch für Westdeutschland."

Das ist nicht von der Hand zu weisen, die Partei und deren Anhänger stehen den einschränkenden Maßnahmen oft ablehnend gegenüber, halten Covid-19 für harmlos oder leugnen sogar die Existenz einer Pandemie. Zuletzt war dies bei den Protesten gegen das neue Infektionsschutzgesetz zu sehen.

Der evangelische Pfarrer eines besonders stark betroffenen Hotspots schrieb ntv.de: "Man sieht ständig und überall Menschen in Geschäften, in Bussen, an Schulen, in Büros, die entweder überhaupt keine Maske tragen oder nur unter die Nase gehängt. Dabei wären hier im Hotspot die Folgen eigentlich unmittelbar erkennbar, wenn nicht so viele vor der Realität die Augen verschließen würden."

Bei ihrem kürzlich stattgefundenen Parteitag habe "die AfD in den Corona-Maßnahmen eindeutig ihr neues Feindbild gefunden, dem sie das Narrativ einer vermeintlich heilen Normalität entgegensetzt", schreibt Daniel Mullis vom Leibniz-Institut Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK) in einem Blogbeitrag. Darin geht es um die Theorie, dass die AfD ihr Glück vor allem in Randgebieten der Gesellschaft sucht. Sei es in abgehängten Stadtrandsiedlungen oder im ländlichen Raum.

Es ist nicht so einfach

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Ein Vergleich mit den Stimmenanteilen bei der Europawahl zeigt allerdings nur eine teilweise Übereinstimmung von AfD-Hochburgen und Corona-Hotspots, vor allem in Sachsen und Thüringen. Brandenburg dagegen hat eher durchschnittliche Inzidenzen und in Westdeutschland ist nur eine geringe Korrelation zu erkennen.

Einfache Antworten darauf, weshalb eine Region hohe Inzidenzen hat oder nicht, finden sich also nur in Ausnahmefällen. Ansonsten kommen mehrere Faktoren zusammen und es gibt noch viele Unbekannte, die erforscht werden müssen.

Quelle: ntv.de

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