Panorama

Die letzten Tage der DDR Wenn die Liebe verraten wird

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Eingesperrtsein, ein Gefühl, das in der DDR schnell schmerzhaft konkret werden konnte.

(Foto: picture alliance / dpa)

Kann man 15 Jahre alt und ein Staatsfeind sein? Setzt die Sorge um die eigene Familie alle menschliche Moral außer Kraft? Mit diesen Fragen beschäftigt sich die Autorin Grit Poppe. Die Antworten sind noch heute unbequem.

Ein Land, in dem unbequeme Gedanken nicht erwünscht sind. Eine Liebesgeschichte zwischen der Tochter systemtreuer und dem Sohn rebellischer Eltern und die Entdeckung eines ungeheuerlichen Verrats. Die Geschichte, die die Autorin Grit Poppe in ihrem neuen Buch "Schuld" erzählt, klingt nach einem düsteren Fantasy-Szenario oder nach einem Plot aus der Nazi-Zeit. Doch Poppe hat das Jugendbuch über die letzten Monate der DDR geschrieben. Während der Recherche zu den Vorgängerbüchern "Weggesperrt" und "Abgehauen" war sie auf immer neue Zeitzeugengeschichten gestoßen, die sie nicht mehr losließen. "Das hat mich empört, dass da Menschen eingesperrt wurden, die fast noch Kinder waren. Die sind bis heute traumatisiert und führen kein normales Leben", sagt die Autorin. So könnte es auch Jakob gehen, dem Jungen aus Poppes Buch.

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"Schuld" ist im Dressler-Verlag erschienen und kostet 9,99 Euro.

Jakobs Eltern haben einen Ausreiseantrag gestellt, und mit jedem Tag, den die Familie länger in der DDR leben muss, wächst die Wut des Jungen. Schließlich will er für Meinungs- und Reisefreiheit demonstrieren. Doch das ist in der DDR eine staatsfeindliche Aktion. Er wird verhaftet und wegen Beeinträchtigung staatlicher Tätigkeit zu 12 Monaten Freiheitsstrafe verurteilt. Die Strafe soll er in einem sogenannten Jugendhaus, dem Jugendstrafvollzug der DDR, verbüßen.

Hat Jana mit seiner Verhaftung zu tun? Das Mädchen, das neu in seine Klasse gekommen war und in das er sich verliebt hatte? Grit Poppe nennt "Schuld" eine "Liebesgeschichte unter erschwerten Bedingungen", weil die Politik weit in das Private hineinragt. Ihre jugendlichen Helden geraten in eine existenziell bedrohliche Situation und müssen sich da herauskämpfen. Das verstehen die Leser auch 25 Jahre nach dem Fall der Mauer.

Nicht nur Geschichten

Wenn die 50-Jährige mit ihren Büchern auf Lesereise ist, wird sie meist von Zeitzeugen begleitet, die ihre DDR-Geschichten erzählen. "Das wird von Jugendlichen gut angenommen, weil sie merken, das ist nicht nur eine Geschichte. Das ist passiert, und das ist noch nicht so lange her." Natürlich gebe es welche, die das nicht interessiert. Aber es gibt allen Studien über schwindendes DDR-Wissen zum Trotz auch viele, die sich sehr intensiv mit dem Thema beschäftigen.

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Poppe gestaltete die friedliche Revolution mit.

(Foto: picture alliance / dpa)

Und manch ein Schüler findet sich schneller im Denken der DDR wieder, als er sich selbst hätte träumen lassen. Wer die eigenen Eltern oder Lehrer nach ihrer ostdeutschen Realität fragt, löst möglicherweise Konflikte aus. "Wenn jemand in das System verstrickt war, will er unter Umständen heute noch nicht darüber reden." Diese Erfahrung macht Poppe immer wieder. Stattdessen werde die Idealisierung der DDR in die nächste Generation hineingetragen. Dann entsteht das Bild eines Landes, in dem Vollbeschäftigung und Gleichberechtigung herrschten, alle die gleichen Bildungschancen und Wohlstand hatten. Das kann doch kein Unrechtsstaat gewesen sein.

Die Tochter des Bürgerrechtlers Gerd Poppe glaubt, dass diese Verharmlosung nur deshalb wirken kann, weil die Opfergeschichten noch gar nicht richtig erzählt wurden. Dabei wurde in der DDR so tief in die Biographien von Menschen eingegriffen, dass das für die Betroffenen kaum noch zu kompensieren war. "Die konnten die Schule nicht abschließen, keine richtige Ausbildung machen. Sie waren nach der Haft oft psychisch angeschlagen und hatten auch körperliche Probleme. Dann hat es oft nicht geklappt, wieder Fuß zu fassen." Die Geschichten, die Poppe gehört hat, sind hart und zerren an den Nerven. Im Buch finden sie sich wieder: brutale Schläge, sexuelle Übergriffe, Tage in Einzelhaft. "Sie konnten ihn einsperren, aber an sein Inneres ließ er sie nicht herankommen" - das schwört sich Jakob.

Ohnmacht, Angst und Misstrauen

Währenddessen muss Jana ohnmächtig verfolgen, wie Jakob einfach verschwindet. Briefe, Besuche, alles wird vollkommen willkürlich gewährt oder entzogen. Angst und Misstrauen machen sich breit, dagegen scheint selbst die größte Liebe machtlos. Doch dann fällt die Mauer.

Die damals 25-jährige Grit Poppe gehörte zu denjenigen, die die friedliche Revolution als Wunder und Befreiung erlebten. "Gerade in der Jugend lebt man ja besonders intensiv. Und 1989 ist in wenigen Tagen mehr passiert als in den Jahren davor. Ich bin immer noch sehr froh, dass ich damals in der DDR war. Das war ein guter Abschluss, auf die Straße zu gehen und die Demokratiebewegung mitzumachen und die Euphorie der Menschen zu spüren. Für mich war das eine Revolution, und das vergisst man ja nicht."

In die Politik wollte sie trotzdem nicht gehen. Statt sich in ein Parlament wählen zu lassen, bekam sie Kinder und schrieb. Inzwischen hat sie Romane, Kinder- und Jugendbücher veröffentlicht. Längst sind noch nicht alle DDR-Geschichten erzählt, ist sich Grit Poppe sicher. "Wenn man will, findet man da noch jede Menge hammerharte Geschichten." Sie selbst will jetzt trotzdem erstmal über etwas anderes schreiben. Es ist ein bisschen wie 1989, es geht einfach auf eine andere Art weiter.

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Quelle: n-tv.de