Panorama

Lungenarzt über Long Covid "Wir behandeln lediglich die Symptome"

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ntv-Moderatorin Doro Steitz in Gespräch mit dem Berliner Pneumologen Christian Gogoll.

Noch immer steht die Medizin bei der Erforschung von Long-Covid-Beschwerden ganz am Anfang. Lungenarzt Christian Gogoll legt erste Leitlinien zur Behandlung vor, denn oft wird das Syndrom spät erkannt. Der beste Schutz ist aber noch immer, durch Impfen eine Infektion zu vermeiden.

ntv: Was weiß man aktuell über Long- oder Post-Covid?

Christian Gogoll: Wir wissen noch gar nicht so viel darüber. Wir gehen davon aus, dass so 10 bis 15 Prozent der Patienten, die akut an Covid-19 erkrankt waren, Long- oder Post-Covid-Beschwerden haben. Und das ist eine große Gruppe, wenn man sich überlegt, dass diese Patienten gegebenenfalls Rehabilitation benötigen. Bei vier Millionen ursprünglich an Covid-19-Erkrankten würden wir davon ausgehen, dass gut eine halbe Million oder ein bisschen weniger Betroffene auftauchen.

Wer leidet unter Long-Covid?

Es betrifft insbesondere Patienten, die zwischen 30 und 50 Jahre alt sind, und etwas mehr Frauen als Männer. Und das Ganze ist unabhängig von der Schwere des Verlaufs der Covid-19-Erkrankung. Das ist interessant, weil man ja annehmen würde, wer schwer erkrankt, der hat danach schwere Folgen. Das ist im direkten Verlauf auch so. Ich bin selbst erkrankt gewesen, war beatmet und insgesamt vier Monate lang krank, die Rehabilitation eingeschlossen. Ich dachte auch, das dauert ewig. Aber es hat sich jetzt nach fünf Monaten deutlich gebessert. Und das ist auch die Erfahrung: dass man unterscheiden muss zwischen den Folgen der Intensivbehandlung, davon war ich zumindest betroffen, und anderen Symptomen. Diese Dinge aber sind noch Gegenstand der Forschung, weil Symptome auch erst nach einem halben Jahr, acht oder zwölf Monaten nach der initialen Erkrankung auftreten können.

Welche Symptome kommen am häufigsten vor?

Die häufigsten Symptome sind Kurzatmigkeit nach Belastung, rasche Erschöpfbarkeit nach Belastung und die sogenannte Fatigue. Es ist kein Müdigkeitssyndrom, sondern ein schwerer Erschöpfungszustand, in dem die Patienten sich befinden. Das kommt bei einigen anderen Erkrankungen ganz ähnlich vor, zum Beispiel bei der Multiplen Sklerose. Das gibt es aber auch nach anderen Virusinfekten.

Sie haben jetzt Leitlinien erstellt für die Behandlung von Long-Covid-Patienten. Wieso war das nötig, woran hat es vorher gehapert?

Das Syndrom ist ja neu. Das stellt ein interdisziplinäres Problem für die Herangehensweise an den Patienten dar, mit dem letztlich die Hausärzte im ersten Schritt allein gelassen werden.

Ist es richtig, dass es für Ärzte und Ärztinnen schwierig ist, das Syndrom zu erkennen?

Ja, das ist tatsächlich das Problem. Gerade dann, wenn Symptome sehr lange nach der Infektionserkrankung auftauchen, kann es ja auch immer etwas anderes sein. Es gibt zudem auch keine Checkliste, welche Untersuchungen durchzuführen sind.

Gibt es dann da verschiedene Therapien-Ansätze für die unterschiedlichen Symptome?

Im Moment wird lediglich symptomatisch behandelt, weil keine behandelbare Ursache zu erkennen ist. Es zeichnet sich zwar etwas ab, dass es sich um ein immunologisches Problem handelt. Aber das bedeutet jetzt nicht, dass man die Patienten immunsuppressiv behandeln sollte.

Mit dem Einsatz eines Herzmedikaments sollen vier Long-Covid-Patienten geheilt worden sein. Was sagen Sie dazu?

Das ist toll für diese Patienten, das sind aber Einzelfälle. Wenn man sich überlegt, dass gut 400.000 - nur, um jetzt eine Zahl zu nennen - solcher Patienten einer Therapie bedürfen.

Der DIVI meldet heute, die Zahl der Beatmungsplätze sinke. Das läge daran, dass zu wenig Personal da ist. Ist das eine Entwicklung, die Sie auch beobachten?

Soweit ich weiß, gibt es im Moment keinen Mangel an Intensivbetten für Patienten mit akuten Coronavirus-Infektionen. Aber es gibt sicherlich politisch ein ganz großes Problem: die Wertschätzung des Personals, die Ausbildung des Personals und überhaupt die Präsenz des Personals. Bei uns in den Einrichtungen ist auch sehr viel Personal erkrankt, was jetzt wegfällt.

Durch Überlastung erkrankt? Oder was wissen Sie über die Ursachen?

Die sind nicht durch Überlastung erkrankt, sondern es haben sich unglaublich viele Kolleginnen und Kollegen infiziert und leiden eben immer noch unter den Folgen ihrer Coronavirus-Infektionen. In dem Krankenhaus, in dem ich selbst gelegen habe, sind auch zwei Schwestern an Corona verstorben.

Was kann man denn den Menschen raten: Vor Long-Covid am besten schützen, indem man sich impfen lässt?

Ja, das ist das Beste, sich impfen lassen, damit man überhaupt keine Infektion bekommt. Es gibt sicherlich Konstellationen, in denen das nicht möglich ist. Dann helfen natürlich nur die Abstands- und Hygieneregeln und Mundschutz tragen. Aber Impfen steht im Vordergrund. Aus der praktischen Erfahrung weiß ich auch, dass die Impfung sehr gut verträglich ist. Es gibt gar keinen Grund zu diskutieren, wieso man sich nicht impfen lassen möchte, weil man Schmerzen am Arm befürchtet. Und die schweren Nebenwirkungen sind wirklich selten.

Mit Christian Gogoll sprach Doro Steitz

Quelle: ntv.de

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