Politik

Islamisten erhöhen Anschlagtempo Anspannung vor Wahlen in Afghanistan

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In Afghanistan herrscht vor den Präsidentschaftswahlen Angst vor Gewaltangriffen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Am Samstag wird in Afghanistan in neuer Präsident gewählt. Auf dem Stimmzettel stehen 18 Kandidaten, darunter ein ehemaliger Warlord, der aktuelle Präsident und zahlreiche Ex-Geheimdienstler. Viele Afghanen befürchten, dass der Ausgang der Wahl die Krise im Land verstärken könnte.

Sarwar Malang sitzt in seinem Wohnzimmer zwischen bunten Plastikblumen und unter einem Glasschrank mit Puppen und Ziegenfiguren. Am Fenster zwitschern grüne Singvögel fröhlich in ihren hübschen Käfigen. Malang selbst ist weniger gut gelaunt. "Fünf Jahre war Aschraf Ghani jetzt an der Macht", sagt er, als er aus dem Fenster über das karge Feld unter sich blickt, auf dem junge Männer mit selbstgebastelten Schlägern Cricket spielen. "Das war doch unsere unglücklichste Zeit überhaupt."

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Sarwar Malang möchte bei der Präsidentenwahl dazu beitragen, seinem Land eine bessere Zukunft zu ermöglichen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Die Zahl der Morde sei gestiegen und die der Selbstmordanschläge auch. "Wie viele Kinder sind gestorben!", ruft der 63-Jährige aus und schüttelt den Kopf. Und wie viele Menschen heute in Mülltonnen wühlten. Das seien keine Drogensüchtigen. "Das sind Menschen, die versuchen, ihre Familien zu ernähren." Malang kennt sich aus mit dem Tod und der Verzweiflung. Er ist Totengräber in Kabul, der Hauptstadt Afghanistans.

Am Samstag will er bei der Präsidentenwahl helfen, sein kriegszerrissenes Land in Richtung einer besseren Zukunft zu lenken. Er wirft seine zerfledderte Taskera, einen Zettel im A4-Format, der in Afghanistan als Personalausweis dient, auf den Teppich vor sich. Das Dokument ziert ein glänzender, blauer Sticker der Wahlregistrierungsbehörde. 9,6 Millionen Afghanen haben sich nach Angaben der Wahlkommission für die Wahl registriert. 18 Kandidaten stehen auf dem Stimmzettel.

Viele von ihnen waren bereits an der Macht, sind ehemalige Minister oder Geheimdienstler, einer ist der ehemalige Warlord Gulbuddin Hekmatjar. Eine wirkliche Chance auf einen Wahlsieg haben nur zwei: der amtierende Präsident Aschraf Ghani und sein Regierungsgeschäftsführer Abdullah Abdullah. Beide waren nach der umstrittenen Präsidentenwahl 2014, bei der sie bereits gegeneinander angetreten waren, unter Vermittlung - manche sagen auch unter Zwang - des damaligen US-Außenministers John Kerry eine Regierung der nationalen Einheit eingegangen.

Wahl vor erneuter Eskalation

Das verhinderte zwar eine Krise und vielleicht sogar einen neuen Bürgerkrieg, aber auch substanzielle Fortschritte. Die beiden Lager hätten sich die meiste Zeit mit Streit über die Postenverteilung gegenseitig gelähmt, sagt der Afghanistan-Experte Thomas Ruttig von der Kabuler Denkfabrik Afghanistan Analysts Network. "Die beiden wichtigsten Ziele konnten sie nicht erreichen: den Krieg zu beenden und die sozialökonomische Situation der Menschen zu verbessern."

Ghani selbst sagte im Januar, 45.000 Polizisten und Soldaten seien seit seinem Amtsantritt Ende 2014 im Kampf gegen die aufständischen Taliban oder die Terrormiliz Islamischer Staat umgekommen. Zudem starben UN-Angaben zufolge mehr als 15.000 Zivilisten in dem Zeitraum. Gleichzeitig leben heute wieder mehr als die Hälfte der Afghanen unterhalb der Armutsgrenze - ebenso viele wie im Jahr 2003, bevor Milliardenhilfen aus dem Ausland flossen.

Die Wahl findet zu einer Zeit statt, in der der Krieg in dem Land nach dem Abbruch der Friedensgespräche zwischen den USA und den Taliban erneut eskaliert. Die Islamisten, die weite Landstriche kontrollieren oder beeinflussen, haben Gewalt am Wahltag angekündigt und auch im Vorfeld der Wahlen ihr Anschlags-Tempo erhöht. Rund ein Drittel der Wahlzentren wird am Wahltag wegen Unsicherheit geschlossen bleiben. Viele Menschen haben aus Angst bereits entschieden, nicht wählen zu gehen.

Erste Wahl ohne Wahlbetrug?

Viele weitere werden der Wahl fernbleiben, weil sie von der Regierung enttäuscht sind. Die bekommt die Wirtschaftslage und die Korruption nicht in den Griff. Und versagt auch beim Thema Sicherheit, wenn vor allem in ländlichen Gebieten immer wieder Dutzende Zivilisten bei fehlgeleiteten Luftschlägen den Tod finden. Afghanische Analysten prognostizieren, dass von den 9,6 Millionen registrierten Wählern gerade mal 1,5 Millionen wirklich eine Stimme abgeben werden. Dabei erhofft sich gerade Ghani durch die Wahl ein starkes Mandat für mögliche innerafghanische Friedensverhandlungen mit den Taliban.

Das geringe Wählerinteresse mag auch daran liegen, dass jede Wahl im vergangenen Jahrzehnt von Betrug geprägt war. Der Einsatz biometrischer Geräte zur Wählererfassung - jeder Wähler wird fotografiert und ihm werden zwei Fingerabdrücke abgenommen - soll diesmal verhindern, dass Wahlurnen mit Stimmzetteln gestopft werden. Dennoch wittern Kandidaten bereits vor der Wahl Manipulationen zugunsten des Amtsinhabers Ghani. Schon jetzt drohen sie mit Protesten und Gewalt im Falle eines Wahlbetrugs oder seines Wahlsieges in der ersten Wahlrunde.

Kann kein Kandidat mehr als 50 Prozent plus eine Stimme auf sich vereinen, gehen die beiden Erstplatzierten in eine Stichwahl, die für Ende November angesetzt ist. Vorläufige Resultate der ersten Wahlrunde sollen Mitte Oktober von der Wahlkommission bekanntgegeben werden.

Internationale Gemeinde müsste eingreifen

In Kabul sind dieser Tage viele Warnungen vor einer "garantierten Krise" nach der Wahl zu hören. Ex-Warlord Hekmatjar drohte diese Woche unverhohlen mit Gewalt, sollte es Wahlbetrug geben. Auch Abdullah, der sich als Sieger der zwei vergangenen Präsidentschaftswahlen wähnt, sagte zu Medien, seine Anhänger seien dieses Mal nicht bereit, einen legitimen Wahlsieg zu opfern.

"Kommt es bei der Wahl wieder zu Problemen oder einem knappen Ausgang, dann sortiert sich wieder alles ethnisch", sagt der Experte Ruttig. Die ehemaligen, nun in das politische System integrierten Warlords, hätten genug Macht und Geld, um Proteste oder auch Gewalt unter ihren Anhängern loszutreten.

Die internationale Gemeinschaft werde am Ende wieder gezwungen sein, das Allerschlimmste zu verhindern, prognostiziert Ruttig. "Das wird wieder zu einem Kompromiss zwischen den stärksten Lagern führen". Damit verhindere man den politischen Zusammenbruch. "Aber dann geht es so weiter wie bisher." Auch Totengräber Sarwar Malang ist beunruhigt. "Wenn Ghani in der ersten Runde gewinnt, wird es so viele Tote geben, wie wir sie nicht zählen können", sagt er und schüttelt wieder den Kopf. "Aber wenn alle tot sind, über wen werden sie herrschen?"

Quelle: ntv.de, Veronika Eschbacher, dpa