Politik

Historisches aus Philadelphia Clinton ist nominiert - begeistert aber nicht

20de61ee05909d0943010b37ff8efa6b.jpg

Clinton lässt sich aus New York zuschalten - und dankt ihren Anhängern.

(Foto: REUTERS)

Am Ende meldet sich Hillary Clinton selbst zu Wort. Doch sie ist nicht auf dem Parteitag der Demokraten - sie spricht per Videoschalte aus New York. Diese Distanz ist symptomatisch für die ehemalige Außenministerin. Leicht wird es gegen Trump deshalb nicht.

Philadelphia ist ein geschichtsträchtiger Ort in den USA. 1776 wurde dort die Unabhängigkeit von den englischen Kolonialherren verkündet, eingeläutet mit der Liberty Bell, der Freiheitsglocke. 240 Jahre später macht die Metropole an der Ostküste erneut Geschichte. Von Philadelphia aus wird erstmals eine Frau von einer der großen US-Parteien offiziell in den Kampf um das Weiße Haus entsandt: Hillary Clinton soll die 45. Präsidentin der Vereinigten Staaten werden - so will es die Mehrheit der über 4700 Delegierten des Parteitages.

Und Clinton bedankte sich am Ende des zweiten Tages noch per Videobotschaft, zugeschaltet aus New York: "Das ist euer Sieg", rief sie ihren Anhängern zu. "Ich mag die erste Präsidentin der Vereinigten Staaten werden", sagte sie an junge Mädchen gerichtet, die zu später Stunde noch zusahen. "Aber eine von euch ist die nächste."

Clinton geht ins Rennen gegen den schillernden Republikaner Donald Trump. Vor einem Jahr hätte sich vermutlich kaum ein Buchmacher gefunden, der eine Wette auf das scheinbar ungleiche Duell angenommen hätte. Hier der erfahrene, mit allen Wassern gewaschene Politprofi, geschliffen als First Lady, gehärtet als Senatorin von New York, als die Stadt ihre schlimmste Zeit durchmachte, und geprüft als Außenministerin. Dort der Seiteneinsteiger, der Polit-Clown ohne Vision, ohne tief greifendes Wissen, ohne funktionierendes Netzwerk.

9b6fe7899cac5399b756bf3aa6e6d77d.jpg

Bill Clinton ist für die persönlichen Töne auf dem Parteitag zuständig.

(Foto: dpa)

Doch das Blatt hat sich längst gewendet. In Umfragen holte Trump zuletzt auf, nach seiner medienträchtig inszenierten Nominierung in Cleveland übernahm er sogar die Führung. Meinungsforscher-Guru Nate Silver sieht inzwischen eine 57-prozentige Wahrscheinlichkeit für einen Wahlsieg Trumps, wenn die Wahl jetzt stattfinden würde. Das muss allerdings nichts heißen und kann nach dem fein inszenierten Demokraten-Parteitag schon ganz anders aussehen.

Eine Liebeserklärung von Bill

Clinton gab auf "ihrem" Konvent allen eine Stimme. Die Botschaft an das Volk lautet: "Wir sollen alle zusammenstehen, Schwarze und Weiße, Behinderte und Nichtbehinderte, Alte und Junge." Sorgsam choreografiert, mit Prominenz aus Musik, Sport und Showbusiness geschmückt, geriet der Parteitag zu einem Spektakel mit Strahlwirkung. Viele, wenngleich längst nicht alle, vereinigten sich hinter dem gemeinsamen Ziel, das nicht zuletzt Clintons hartnäckiger Widersacher Bernie Sanders formulierte: "Donald Trump darf nicht Präsident werden."

Clinton holte viele Fürsprecher auf die Bühne. Michelle Obama war eine, ihr Ehemann Bill ein anderer: "Im Frühjahr 1971 traf ich ein Mädchen. Ich wusste, es war nicht nur eine weitere Schulter, die ich packte", sagte Bill Clinton in einer Rede über das Kennenlernen, die fast zur Liebeserklärung geriet. Hillary Clinton, der Mensch, nicht nur die kalte Rechnerin. Auch Feuerwehrleute, die sich beim Einsatz bei den Anschlägen vom 11. September in New York Lungenkrankheiten holten, Mütter von Opfern von Polizeigewalt, Vergewaltigungsopfer mit Abtreibungswunsch - alle wussten viel Positives zu berichten über Clinton und ihre menschlichen Züge. "Sie hält den Amerikanischen Traum am Leben", fasste ihr einstiger Senatoren-Kollege aus New York, Chuck Schumer, zusammen.

0682493cd1318b8eee56c6fb662d156c.jpg

Auch Hollywood-Prominenz wie Meryl Streep war gekommen.

(Foto: dpa)

Doch das Eis ist dünner geworden für die 68-Jährige. Die Möglichkeit, dass auch der zweite Anlauf auf das Weiße Haus nach der Vorwahlniederlage 2008 gegen Barack Obama nicht zum Erfolg führen könnte, ist eine reale Vorstellung geworden. Clinton hat bisher nicht viele Fehler gemacht im Wahlkampf 2016. Einer der größten war, ihren parteiinternen Kontrahenten Bernie Sanders zu unterschätzen - um ihn dann mit grenzwertigen Methoden ausbremsen zu lassen. Sie musste bis sprichwörtlich zur letzten Sekunde auf dem Parteitag kämpfen, um den Sieg zu sichern. Parteichefin Debbie Wasserman Schultz, eine Vertraute Clintons, blieb nach der E-Mail-Affäre auf der Strecke.

Keine Aufbruchstimmung mit Clinton

Noch am Tag der Nominierungsabstimmungen kämpften die Spindoktoren hinter verschlossenen Türen und versuchten, Sanders von einer Kampfabstimmung abzubringen - fast vergebens. Immerhin rief der Senator aus Vermont zum Schluss des "Roll Calls" im Parteitagsplenum dazu auf, mündlich nach Lautstärke abzustimmen. Die Delegierten johlten, die Schlacht war geschlagen, auch Sanders hatte noch einmal seinen Moment. Und Clinton vermied zumindest offiziell und für die Annalen ein geteiltes Votum.

Doch Sanders' Anhängerschaft will von den Abmachungen in den Hinterzimmern nichts wissen. "Das hier ist ziviler Ungehorsam", sagt Deane Evans aus dem Staat Washington, als Dutzende Delegierte das Pressezentrum des Parteitags blockieren. Sanders hat mit seiner Politik Hunderttausende junger, rebellischer US-Amerikaner angezogen - Clinton fehlt der Zugang zu ihnen.

Skeptiker unter den Demokraten, wie etwa der Filmemacher Michael Moore, glauben, dass viele von ihnen zwar zu Clinton überspringen. "Aber ihnen fehlt die Begeisterung, noch vier, fünf andere mitzunehmen", sagt Moore. Clinton, die kühle, abgebrühte Karrierefrau, scheint nur begrenzt zu dem fähig, was vor acht Jahren als Obama-Effekt bezeichnet wurde - eine Art Aufbruchsstimmung in der jungen Wählerschaft. Für Emotionen im US-Wahljahr 2016 ist eher das Lager Donald Trumps zuständig.

Quelle: ntv.de, Michael Donhauser, dpa