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Was denken Tsipras-Unterstützer? "Der Grexit ist nicht das Schlimmste"

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Am Sonntag auf dem Syntagma-Platz vor dem griechischen Parlament.

(Foto: dpa)

Während die griechische Regierung und die Gläubiger um weitere Milliardenhilfen verhandeln, steht für viele Griechen fest: Eine Fortsetzung der Sparpolitik ist schlimmer als ein Austritt aus der Eurozone.

"Das Land steht nicht zum Verkauf", "Unsere Leben gehören nicht den Gläubigern", "Den Erpressern nicht nachgeben!" Die Transparente, die am Sonntagabend auf einer Kundgebung vor dem Parlament in Athen zu sehen sind, lassen nur einen Schluss zu: Ministerpräsident Alexis Tsipras bleibt keine andere Wahl, als den Gläubigern die Stirn zu bieten.

Am Abend vor den Verhandlungen in Brüssel wollen mehr als 5000 Menschen ihrer Regierung den Rücken stärken. Es sind vor allem ältere Griechen, die gekommen sind. Sie treibt die Furcht vor Rentenkürzungen auf den zentralen Syntagma-Platz – so wie Eleni und Stavroula.

"Wir wollen kein weiteres Memorandum", sagen die beiden älteren Damen, die gemeinsam gekommen sind und sich schon lange kennen. Die Sparauflagen hätten zu hoher Arbeitslosigkeit und zu Armut geführt. Sie habe zwei Kinder im Alter von 40 und 42 Jahren, sagt Stavroula. Beide seien arbeitslos, eines versuche sein Glück in der Schweiz. "Sie verlassen sich auf mich", sagt sie und verweist auf ihre Rente, die die Familie über Wasser halte. Diese sei um 40 Prozent gekürzt worden, sagt Stavroula. Die stellvertretende griechische Arbeitsministerin Theano Fotiou hatte n-tv.de gesagt, mehr als die Hälfte der Griechen lebten von der Rente ihrer Großeltern.

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Soll die EU Griechenland pleitegehen lassen?

Aber würde die Situation mit einem Grexit nicht noch schlimmer? Eleni und Stavroula glauben das nicht. In ihrem Wohnviertel habe wegen der Krise bereits rund die Hälfte der Geschäfte geschlossen. "Bei einem Grexit leidet womöglich eine Generation", sagt Stavroula. Wenn die Sparpolitik fortgesetzt werde, ziehe sich das Leiden über zwei oder drei Generationen hin.

Das sehen Georgia und Mary ähnlich. Eine von ihnen hält ein Schild in die Höhe, auf der ein Zitat des griechischen Dichters Aischylos zu lesen ist: "Erhebe Dich, allzu lange lagst Du am Boden!" Ihre Nichte wohne in Belgien, erzählt Georgia. "Dort wird gedacht, die Griechen wollen ihre Schulden nicht zurückzahlen. Wir haben sie aber bereits mehrfach zurückgezahlt", sagt sie und verweist auf die sozialen Auswirkungen der Sparmaßnahmen. Auch Mary schreckt ein Grexit nicht. "Es kann nicht schlechter werden", sagt sie. Der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble solle nicht den Zeigefinger erheben. "Sonst machen wir das auch."

"Wir haben genug gelitten"

Kostas ist noch nicht im Rentenalter und hofft, dass Tsipras in den Verhandlungen einen "ehrenhaften Kompromiss" erzielt. Wie der aussieht? "Keine Kürzungen der Renten, keine Erhöhung der Steuern für die Mittelschicht, Schuldenschnitt." Aber muss die griechische Seite für einen Kompromiss nicht auch etwas bieten? "Wir haben genug gelitten", sagt Kostas. 40 Prozent der Griechen würden unterhalb der Armutsgrenze leben. Er ist optimistisch, dass eine Lösung gefunden wird. "Ein Grexit würde allen schaden", sagt er.

Die Menschen applaudieren, als Parlamentspräsidentin Zoi Konstantopoulou von der Regierungspartei Syriza vorbeikommt. "Mut", wird gerufen, "Macht weiter so!" Einer der klatschenden Männer sagt: "Sie kommen aus Deutschland? Schreiben Sie die Wahrheit auf!" Und was ist die Wahrheit? "Dieses Europa ist nicht das Europa des Volkes, sondern das der Eliten", sagt Perikles, der freiberuflich arbeitet. Das ganze Thema sei doch politisch. "Die wollen nicht, dass eine linke Regierung erfolgreich ist." Was er Schäuble und Bundeskanzlerin Angela Merkel sagen würde? "Hände weg von den europäischen Völkern!"

Auf dem Syntagma-Platz vor dem griechischen Parlament verkaufen Händler derweil Getränke und Essen – ohne die eigentlich obligatorischen Quittungen auszustellen. Es wirkt wie ein kleiner Triumph des zivilen Ungehorsams, wie ein Aufbegehren gegen die mächtigen Kreditgeber.

Er glaube zwar an Europa, aber Griechenland solle nicht um jeden Preis im Euro bleiben, sagt der 28-jährige Aggelos, der Politikwissenschaften studiert. Die vom Ausland durchgesetzte Form der Sparpolitik müsse aufhören. "Der Grexit ist nicht das Schlimmste, was passieren kann", sagt er. "Wenn die Gläubiger hart bleiben, lohnt es sich, das Risiko einzugehen."

Quelle: n-tv.de

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