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Keiner stoppte Hitler Der Weg in die große Katastrophe

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Unterzeichnung des Münchner Abkommens Ende September 1938: Adolf Hitler steht zwischen (v.l.n.r.) Neville Chamberlain, Édouard Daladier, Benito Mussolini und Graf Galeazzo Ciano.

(Foto: picture-alliance / dpa)

Am 1. September 1939 überfällt die deutsche Wehrmacht Polen. Der von Hitler entfesselte Zweite Weltkrieg führt zu einem noch nie dagewesenen Völkergemetzel. Der Krieg ist auch das Ergebnis eines großen diplomatischen Versagens.

Am frühen Morgen des 1. September 1939 fallen die ersten Schüsse des Zweiten Weltkrieges. Von dem in der Danziger Bucht ankernden deutschen Marineschiff "Schleswig-Holstein" wird der polnische Militärposten auf der Halbinsel Westerplatte unter Beschuss genommen. Etwa zur selben Zeit bringen deutsche Bomben Hunderten schlafenden Einwohnern der zentralpolnischen Kleinstadt Wielun den Tod. Sie sind die ersten Opfer eines noch nie dagewesenen Völkergemetzels, bei dem bis zum Ende weltweit rund 55 Millionen Menschen ihr Leben verlieren.

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Beim Einmarsch deutscher Truppen in Polen am 1. September 1939 beseitigen Soldaten der deutschen Wehrmacht einen Schlagbaum an der ehemaligen Zoll-Grenze von Zoppot nach Gdingen.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Der Krieg begann mit einer Lüge: Der Überfall des nationalsozialistischen Deutschlands auf das Nachbarland wurde von der deutschen Propaganda als Reaktion auf einen polnischen Angriff umgedeutet. "Seit 5 Uhr 45 wird jetzt zurückgeschossen", sagte Adolf Hitler in seiner Rundfunkansprache. Geschossen wurde aber bereits eine Stunde zuvor. Und der angebliche Angriff auf den Rundfunksender der deutschen Grenzstadt Gleiwitz wurde von SS-Leuten in polnischen Uniformen verübt.

Der Diktator sah nun die Zeit gekommen, seine verbrecherischen Ziele mit Gewalt umzusetzen. Polen war das erste Opfer, das Hitlerdeutschland mit Waffengewalt unterwarf. Die Untätigkeit der Polen-Verbündeten Großbritannien und Frankreich sowie ein Nichtangriffspakt mit der Sowjetunion machten den Blitzsieg der Wehrmacht über das militärisch unterlegene Polen möglich.

Dieser Aggression vorangegangen waren intensive militärische Vorkehrungen des Hitler-Regimes auf den Waffengang und erfolglose diplomatische Bemühungen der Westmächte und der UdSSR zur Verhinderung dieses Krieges. Der Diktator in Berlin wollte den Krieg. Er hat sein außenpolitisches Denken bereits 1926 im zweiten Band seines Machwerks "Mein Kampf" öffentlich gemacht. Schaffung von "Lebensraum" im Osten, die Zerstörung der Sowjetunion und die Beseitigung des Judentums waren seine Hauptziele. Als Vorstufe für einen Eroberungskrieg strebte Hitler ein Bündnis mit Großbritannien und Italien an. Er lockte London mit der deutschen Garantie für den Bestand des britischen Imperiums, um den Rücken frei zu bekommen für seine expansionistischen Ziele auf dem europäischen Kontinent.

"Lebensraum im Osten"

Hitlers Außenpolitik folgte einer Linie, die bereits nach dem Ersten Weltkrieg, bei dem das kaiserliche Deutschland eine schwere Niederlage erlitt, begann. Weil der Friedensvertrag von Versailles kein Werk von gegenseitiger Verständigung, sondern ausschließlich eine machtpolitische und wirtschaftliche Bestrafung Deutschlands war, konnten die Revanchisten ihre unheilbringende Saat ausbringen, die in den Zweiten Weltkrieg münden sollte.

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General Hans von Seeckt

(Foto: AP)

Die "Neue Zürcher Zeitung" berichtete erst kürzlich über Forschungen von Historikern seit etwa 1970, die belegten, dass die deutsche Wiederaufrüstung bereits in der Vor-Hitler-Zeit begonnen hatte - hinter dem Rücken von Regierung und Parlament der Weimarer Republik. So habe es einen im Jahre 1923 vom Chef der Heeresleitung der Reichswehr, General Hans von Seeckt, initiierten Dreistufenplan für den Aufbau eines 102 Divisionen starken deutschen Heeres gegeben. Die Zielvorgabe war die Vorbereitung Deutschlands auf einen Angriffskrieg, um die "Schande" des "Versailler Diktats" auszulöschen, verlorenes Gebiet zurückzuerobern und die Großmachtstellung von 1914 wieder einzunehmen.

Hitler forcierte nach seinem Machtantritt am 30. Januar 1933 diese Vorhaben. Nur vier Tage nach seiner Ernennung zum Reichskanzler sprach er am 3. Februar vor Reichswehroffizieren über die Eroberung von "Lebensraum im Osten". Um Rückenfreiheit für die Zerschlagung der "jüdisch-bolschewistischen Sowjetunion" zu erlangen, sahen seine Pläne ein Bündnis mit Großbritannien vor. Betonte er öffentlich immer wieder seine Friedensbereitschaft, so förderte er insgeheim die Kriegsvorbereitungen. Das wurde auch in der geheimen Denkschrift zum Vierjahresplan vom August 1936 deutlich: Die deutsche Armee müsse "in vier Jahren einsatzfähig, die deutsche Wirtschaft in vier Jahren kriegsfähig sein", hieß es. Zugleich empfahlen sich die Nazis den Westmächten als Bollwerk gegen den Bolschewismus.

Die Westmächte mussten allerdings zur Kenntnis nehmen, dass Hitlerdeutschland Fakten für seine Expansionspolitik schuf. 1933 erfolgte der Austritt aus dem Völkerbund, einem Vorläufer der heutigen Vereinten Nationen. 1935 kündigte Deutschland die vom Versailler Vertrag auferlegten Verpflichtungen: Es wurden keine Reparationszahlungen mehr getätigt, die Rüstungsbeschränkungen wurden nicht mehr eingehalten, und Hitler führte die allgemeine Wehrpflicht wieder ein. Das braune Regime betrieb eine massive Aufrüstung. Vollständig düpierte Hitler die Siegermächte des Ersten Weltkrieges 1936 mit dem Einmarsch ins entmilitarisierte Rheinland. Großbritannien und Frankreich ließen sich durch Hitlers Friedensbeteuerungen ruhigstellen, sie scheuten einen Krieg gegen Deutschland.

Der "Narr" von Westminster

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Großbritanniens Kriegspremier Winston Churchill (links) mit dem Hitler-Beschwichtiger Neville Chamberlain.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Die britische Regierung, die in der Sowjetunion den Hauptgegner sah, setzte seit 1936 gegenüber Berlin auf die Politik des "Appeasements" (Beschwichtigung), deren Hauptverfechter Premierminister Neville Chamberlain wurde. Diese Politik war aber innerhalb seiner Konservativen Partei umstritten. Der damalige sowjetische Botschafter in London, Iwan Maiski, schrieb in seinen Memoiren, dass der spätere Kriegspremier Winston Churchill seinen Amtsvorgänger einen "Narren" genannt habe, der "einen Tiger reiten wollte". Er, Maiski, vertrete die Meinung, Chamberlain habe die Geisteshaltung eines "simplen Kaufmanns" gehabt. Außerdem gab der Diplomat zum Besten, dass der frühere Premierminister David Lloyd George einmal zu ihm gesagt habe: "Neville Chamberlain hat die Ansichten wie ein Fabrikant von Bettgestellen aus der Provinz."

Churchill und Lloyd George hatten recht. Denn im November 1937 erklärte Hitler vor den Oberbefehlshabern, dass er "in absehbarer Zeit" gewaltsam vorgehen wolle. Abhängig vom Stand der deutschen Wirtschaft und Aufrüstung sowie von der außenpolitischen Lage sah der Diktator den Kriegsbeginn für das folgende Jahr, spätestens aber für 1943 vor. Hitlers Militäradjutant Oberst Friedrich Hossbach schrieb das Ergebnis des Treffens nieder (Hossbach-Protokoll).

Zugleich registrierte Hitler das Bemühen der Regierungen in London und Paris, einen Waffengang zu verhindern und nutzte dies für seine expansionistischen Ziele. Im März 1938 erfolgte der Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich. Noch vor dem deutschen Einmarsch in der Nacht vom 11. zum 12. März hatten in Wien die Nationalsozialisten das austrofaschistische Ständesystem beseitigt. Gleichzeitig betrieb Hitler die Abspaltung des Sudetenlandes von der Tschechoslowakei. Am 3. September gab er der Wehrmacht die Weisung, sich nach dem 27. des Monats für einen Angriff auf die Tschechoslowakei bereitzuhalten. Die Regierung Chamberlain behielt ihren Appeasement-Kurs bei. Der Premier, der das Fliegen hasste, bestieg gleich zwei Mal das Flugzeug, um bei Treffen mit Hitler auf dem Berghof (15. September) und in Godesberg (22. bis 24. September) den Anschluss des Sudetenlandes an Deutschland zu verhandeln. Diese gipfelten am 30. September 1938 in das Münchner Abkommen. Chamberlain, Frankreichs Regierungschef Édouard Daladier und Italiens Faschistenführer Benito Mussolini stimmten dem Anschluss des Sudetenlandes an das Deutsche Reich zu. Die Tschechoslowakei wurde nicht gefragt.

Obwohl er der Weltöffentlichkeit versichert hatte, keine weiteren territorialen Ansprüche mehr zu verfolgen, befahl Hitler am 15. März 1939 den Einmarsch der Wehrmacht in die "Resttschechei". Am Tag zuvor hatten die Slowaken auf seinen Druck hin einen eigenen Staat gegründet und ihn dem Schutz des Deutschen Reiches unterstellt.

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Josef Stalin zwischen den Außenministern Joachim von Ribbentrop und Wjatscheslaw Molotow. Links ist der deutsche Außenamts-Staatssekretär Friedrich Gaus.

(Foto: AP)

Es gab lediglich Protestnoten aus London und Paris. Die Politik der Zurückhaltung und Besänftigung durch die dortigen Regierungen war gescheitert. Hitler hielt sich nicht an geschlossene Verträge. Dennoch war auch ihm klar, dass eine weitere Ausdehnung des deutschen Machtbereichs nur noch mit militärischen Mitteln erfolgen konnte.

Polen war nun im Visier des Diktators, das Land mit dem er Januar 1934 einen auf zehn Jahre befristeten Nichtangriffspakt abgeschlossen und das Deutschland in der Sudetenkrise unterstützt hatte. Polen, das nach seiner Zerstückelung Ende des 18. Jahrhunderts für mehr als 100 Jahre von der Landkarte verschwand, hatte sich auch vertraglich nach Osten abgesichert. Im Mai 1934 war das Nichtangriffsabkommen mit der Sowjetunion verlängert worden. Großbritannien und Frankreich hatten der Regierung in Warschau nach Hitlers Vertragsbruch hinsichtlich der Tschechoslowakei eine Garantieerklärung im Falle einer Aggression Deutschlands abgegeben.

Hitler-Stalin-Pakt

Hitler verlangte nun von Polen Zugeständnisse in der Danzig- und Korridorfrage - Warschau lehnte ab. Weil Großbritannien und Frankreich nach den Ereignissen von März 1939 ihre Appeasement-Politik begruben, suchte Hitler die Verständigung mit seinem ärgsten Feind, dem sowjetischen Machthaber Josef Stalin, um im Osten den Rücken freizubekommen. Die Moskauer Führung befand sich mit Japan in einem Grenzkonflikt, der im Juli/August 1938 in der Schlacht am Chalchyn-Gol mündete. Mit Mühe gelang es der Roten Armee, die japanischen Truppen zurückzudrängen. Zudem war die Aufrüstung der sowjetischen Streitkräfte noch nicht abgeschlossen. Fähige Militärführer waren von 1936 bis 1938 den "politischen Säuberungen" Stalins zum Opfer gefallen.

Beide Diktatoren hatten somit also ein großes Interesse an einem bilateralen Vertrag. Stalin ging in "Vorleistung" und ersetzte am 3. Mai 1939 seinen Außenminister Maxim Litwinow, der einer jüdischen Bankiersfamilie entstammte, durch Wjatscheslaw Molotow. Am 23. August wurde in Moskau der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt, besser bekannt als Hitler-Stalin-Pakt, durch Molotow und seinem deutschen Amtskollegen Joachim von Ribbentrop unterzeichnet. Zu diesem Vertrag gab es ein geheimes Zusatzprotokoll, in dem die Interessensphären beider Staaten abgegrenzt wurden. Damit war Polen verloren. Nicht einmal zwei Jahre später sollte Hitler mit dem Überfall auf die Sowjetunion auch diesen Vertrag brechen.

So schlitterten Europa und die Welt in eine große Katastrophe. Für Deutschland endet dieser Zweite Weltkrieg mit einer totalen Niederlage.

Quelle: n-tv.de

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