Politik

"Sind wir nicht auch Opfer?" Die Amnesie der Mörder von Auschwitz

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Mehr als eine Million Menschen, die meisten von ihnen Juden, wurden in Auschwitz umgebracht.

(Foto: imago stock&people)

Es ist einer der spektakulärsten Prozesse der Bundesrepublik: In der "Strafsache gegen Mulka und andere" salutieren Polizisten den angeklagten SS-Männern, Auschwitz-Überlebende müssen sich rechtfertigen - und die Urteile gegen die Mörder im Sommer 1965 fallen gnädig aus.

Fast zwei Jahre lang verhandelt der Vorsitzende Richter Hans Hofmeyer in Frankfurt am Main den größten Auschwitz-Prozess in der Geschichte der Bundesrepublik. Als er schließlich am 19. und 20. August 1965 das Urteil gegen die 20 Angeklagten verkündet, bricht auch ihm die Stimme: "Das Gericht musste in 20 Monaten der Prozessdauer noch einmal im Geiste all die Leiden und die Qualen erleben, die die Menschen dort erlitten haben und die mit dem Namen Auschwitz auf immer verbunden sein werden." Kaum einer werde wohl künftig in Kinderaugen blicken können, ohne nicht auch die "angsterfüllten Augen der Kinder" von Auschwitz zu sehen.

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Er galt als einer der schlimmsten Sadisten des Lagers: Wilhelm Boger (Mitte) hängte Häftlinge kopfüber an einer Schaukel auf.

(Foto: picture-alliance / dpa)

Tatsächlich leben in den Monaten des ersten Frankfurter Auschwitz-Prozesses die Grauen des Vernichtungslagers nochmals auf. 211 Überlebende treten vor Gericht auf und berichten von Leichen in Gaskammern, von Vergewaltigungen, vom "Abspritzen" der Häftlinge. Historiker referieren über die nationalsozialistische Judenpolitik, das Gericht begutachtet Lagepläne des Vernichtungslagers und eine Gerichtsdelegation reist sogar – in Zeiten des Kalten Krieges eine Sensation – zur Tatortinspektion ins sozialistische Polen. Und natürlich kommen auch jene 20 Männer zu Wort, deretwegen der Mammutprozess überhaupt angestrengt worden war: die Adjudanten des Vernichtungslagers, SS-Ärzte, der Arrestverwalter im Todesblock und der berüchtigte SS-Oberscharführer Wilhelm Boger, der sich gerne einer besonders perfiden Foltermethode bediente - er hängte Häftlinge kopfüber an einer Schaukel auf.

Bis zu ihrer Anklage ist es ein langer Weg. Hat sich doch die Bundesrepublik behaglich im Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit eingerichtet. In der Justiz sitzen noch viele Staatsanwälte und Richter, die schon in der Nazizeit ihren Dienst getan hatten; der Mitverfasser der Nürnberger Rassegesetze, Hans Globke, ist von 1953 bis 1963 Chef des Bundeskanzleramtes. Die meisten Deutschen, so eine Umfrage vom Oktober 1963, wollen "einen Schlussstrich" unter die Vergangenheit ziehen.

Dass es überhaupt zu dem Mammutprozess kam, ist vor allem der Hartnäckigkeit von Generalstaatsanwalt Fritz Bauer zu verdanken. Bauer flieht als Sohn jüdischer Eltern vor den Nazis und setzt sich nach seiner Rückkehr nach Deutschland unermüdlich für eine Bestrafung der Täter ein. Dabei will er allen Deutschen einen Spiegel vorhalten, von einem großen Auschwitz-Verfahren erhofft er sich vor allem eine pädagogische Wirkung.

"Menschen wie du und ich"

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Von Oswald Kaduk (stehend) sagt ein Zeuge: "Er war fast immer betrunken, auf der Suche nach Schnaps und schlug, erschlug, erdrosselte und erschoss Häftlinge".

(Foto: picture alliance / dpa)

Nach jahrelangen Ermittlungen wird am 20. Dezember 1963 die Strafsache gegen "Mulka und andere", wie es fast harmlos heißt, im Rathaus von Frankfurt eröffnet: Auf der Anklagebank sitzen die kleineren Handlanger des Holocausts, "Männer mit Durchschnittsgesichtern, keine Monster mit blutunterlaufenen Augen", so beschreibt es der Journalist und Prozessbeobachter Kurt Nelhiebel. "Kaufleute waren darunter, Handwerker, Apotheker und Zahnärzte, Menschen wie du und ich. Aber sie verkörperten ein Grauen, das mich bis in den Schlaf hinein verfolgte."

Vor Gericht treten sie selbstbewusst auf. "Die Angeklagten kamen eine kleine Holztreppe heruntergepoltert wie eine Schulklasse, stießen sich an und lachten", beschreibt die Dichterin Marie Luise Kaschnitz. Filmaufnahmen zeigen, wie Polizisten den nicht inhaftierten Angeklagten den militärischen Gruß entbieten.

Wenn sie nicht zu den Vorwürfen schweigen, leiden sie unter einer weitgehenden Amnesie: "Ich persönlich habe von Exekutionen im Lager nichts gehört, nichts gemeldet, nichts befohlen. Ich habe Schüsse nie gehört", erklärt der ehemalige Lageradjudant Robert Mulka, immerhin die rechte Hand von Lagerkommandant Rudolf Höß. Von Gaskammern habe er gehört, gesehen habe er sie nie.

"Befehl und Gehorsam"

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Die Staatsanwälte vor einem Lageplan von Auschwitz.

(Foto: picture-alliance / dpa)

  Mulka ist nicht der Einzige, der sich außergewöhnlich vergesslich zeigt. Nichts gesehen, nichts gehört - so der Tenor der Männer vor Gericht. Wenn ihnen doch eine Tat nachgewiesen werden kann, berufen sie sich auf "Befehl und Gehorsam", den sogenannten Befehlsnotstand - eine Argumentation, die Gutachter bald widerlegen. In Auschwitz war es durchaus möglich, sich dem Morden zu entziehen, ohne mit dem Tode bestraft zu werden. So berichtet etwa der Zeuge Otto Wolken von einem SS-Arzt, der nach einem Tag in Auschwitz offenbar schnell das Weite gesucht hatte.

Echtes Bedauern zeigt keiner, dafür finden die Angeklagten umso mehr Worte des Selbstmitleids, wie etwa der SS-Unterscharführer Johann Schoberth. Er bittet das Gericht, zu bedenken, was er mitgemacht habe: "Fünf Verwundungen, acht Operationen, russische Gefangenschaft, ich weiß nicht, was ich da noch sagen soll. Sind wir nicht auch Opfer des Nationalsozialismus?"

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Victor Capesius (hinten links) war zuständig für den Erwerb und die Anwendung von Zyklon B. und arbeitete eng mit dem berüchtigten Arzt Josef Mengele zusammen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Unterstützung erhalten sie von Dutzenden ehemaligen SS-Männern, die als Zeugen aussagen. Sie sind peinlichst darum bemüht, weder sich noch die Angeklagten zu belasten. In ihren Aussagen erscheint der Massenmord als eine Art Naturkatastrophe, "vom Führer befohlen", wie sie betonen. Immerhin: Die Existenz der Gaskammern leugnen sie nicht. Der SS-Richter Konrad Morgen beschreibt vielmehr ihre "sachliche, neutrale, technische, wertfreie Atmosphäre". "Es war alles spiegelblank, geleckt, und einige Häftlinge in Monteuranzügen, die polierten da ihre Armaturen, machten sich da künstlich Bewegung."

Für die Holocaust-Überlebenden, die als Zeugen auftreten, ist die Konfrontation mit ihren ehemaligen Peinigern schwer erträglich. Nach rund 20 Jahren müssen sie das Grauen vergegenwärtigen und sich an jedes Detail erinnern. Wann genau wurde wer wo von wem gepeinigt? Finden sie keine detaillierte Antwort, versuchen die Verteidiger oft genug ihre Aussagen in Zweifel zu ziehen und ihre Glaubwürdigkeit zu erschüttern. Besonders schmerzhaft ist dabei für die Zeugen: Treten sie zu emotional auf, gelten sie der deutschen Justiz als wenig überzeugend.

Das Schweigen durchbrochen

Und doch sind gerade ihre Aussagen das große Vermächtnis des Prozesses. Erstmals führen sie den Deutschen alle Schrecken des Völkermords vor Augen, für den Auschwitz zum Synonym geworden ist. Das große Schweigen ist gebrochen – auch wenn viele Deutsche nach wie vor von der Vergangenheit nichts hören wollen. Für viele sei die Nazi-Zeit "eine peinliche Erinnerung" gewesen, sagt der Historiker David O-Pendas. "Sie wollten einen Neubeginn machen. Und sie dachten, dass dabei die kritische Auseinandersetzung nicht sehr hilfreich wäre."

Die Justiz haben sie dabei auf ihrer Seite: Da der Tatbestand der Tötung am 8. Mai 1960 verjährt war, muss das Gericht den Tätern Mord nachweisen - und damit die individuelle Schuld und niedrige Beweggründe. Genau das aber sei die Schwierigkeit gewesen, so Pendas. "Kein Zeuge weiß, was im Kopf eines anderen vorgeht." Erst Jahrzehnte später, als kaum mehr Täter leben, wird dies geändert. Seit dem Prozess gegen John Demjanjuk im Jahr 2011 liegen die Beweishürden für eine Mordanklage bei einer Arbeit in einem Vernichtungslager wesentlich niedriger.

Der Vorsitzende Richter Hofmeyer weiß um die unmögliche Aufgabe, mit den Mitteln des Strafrechts den in der Geschichte einzigartigen Völkermord aufzuarbeiten. Die moralische oder politische Schuld festzustellen, übersteige die Kompetenzen des Gerichts, sagt er bei der Urteilsverkündung. Angesichts der beispiellosen Verbrechen von Auschwitz könne kein menschliches Gericht Gerechtigkeit erreichen. Selbst lebenslange Strafen reichten nicht aus, um dem Ruf nach Gerechtigkeit Genüge zu tun.

Die Strafen, die er am 19. und 20. August im Namen des Volkes verkündet, erweisen sich dann aber als äußerst milde: Sechs Mal lebenslang, eine zehnjährige Jugendstrafe, zehn Freiheitsstrafen zwischen dreieinhalb und vierzehn Jahren. Drei Angeklagte können als freie Männer den Gerichtssaal verlassen. Ende 1970 sitzen gerade noch sechs der verurteilten Männer im Gefängnis.

Quelle: ntv.de