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Mutmaßlich Giftgas eingesetzt EU sieht Assad hinter Attacke

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Ein Mann atmet nach dem mutmaßlichen Giftgasanschlag durch eine Sauerstoffmaske.

(Foto: REUTERS)

In der syrischen Stadt Chan Scheichun sollen Dutzende Menschen durch einen Giftgasangriff gestorben sein. Die EU-Außenbeauftragte macht Syriens Machthaber Assad dafür verantwortlich. Frankreich ruft den UN-Sicherheitsrat an.

Die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini sieht "die vorrangige Verantwortung" für den mutmaßlichen Giftgasangriff in Syrien bei der Regierung von Machthaber Baschar al-Assad. Mogherini bezeichnete die Nachricht über den Angriff in der Stadt Chan Scheichun in der nordwestlichen Provinz Idlib als "entsetzlich". Nach Angaben von Aktivisten starben dabei mindestens 58 Menschen.

Der Angriff sei eine "Erinnerung an die Tatsache, dass die Lage vor Ort weiter dramatisch ist", sagte Mogherini am Rande eines Gesprächs zu einer Syrien-Hilfskonferenz in Brüssel. Die Verantwortung für die Tat liege "offensichtlich" beim "Regime" Assads, weil es die Verantwortung habe, "sein Volks zu schützen und nicht sein Volk anzugreifen". Die syrische Armee erklärte, sie habe in Chan Scheichun keine chemischen Stoffe eingesetzt und werde dies auch in Zukunft an keinem Ort tun.

Auch der britische Außenminister Boris Johnson vermutet die syrische Regierung hinter dem mutmaßlichen Giftgaseinsatz. "Das trägt alle Anzeichen eines Angriffs durch das Regime, das wiederholt chemische Waffen eingesetzt hat", sagte Johnson. Die USA machten Assad ebenfalls für den Angriff verantwortlich. Diese Attacke sei unverantwortlich und könne von der "zivilisierten Welt" nicht ignoriert werden, sagte der Sprecher des US-Präsidenten. Was die USA wegen des Angriffs unternehmen werden, sagte er nicht.

Bundesaußenminister Sigmar Gabriel sagte, sollten die die Vorwürfe bestätigen, "wäre dies ein Akt kaum zu überbietender Grausamkeit". Im Kampf gegen den Terrorismus dürfte deshalb nicht auf die syrische Regierung von Assad gesetzt werden, forderte der Minister. Deutschland setze darauf, dass der UN-Sicherheitsrat eindeutig Stellung beziehe, sollte sich der Verdacht bewahrheiten.

Inzwischen geht die Organisation für das Verbot von Chemiewaffen (OPCW) den Berichten über den Chemiewaffeneinsatz nach. Die Waffenexperten der internationalen Organisation "sammeln und analysieren Informationen aus allen verfügbaren Quellen", teilte die OPCW in Den Haag mit.

Dringlichkeitssitzung beim UN-Sicherheitsrat

Frankreich beantragte wegen des "besonders schwerwiegenden Chemiewaffenangriffs" eine Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrats. Außenminister Jean-Marc Ayrault betonte, der Einsatz von Chemiewaffen sei "ein neues Zeugnis der Barbarei, der das syrische Volk seit Jahren ausgesetzt ist". Auch die syrische Exilopposition machte die Regierung in Damaskus für den Angriff verantwortlich. Die Syrische Nationale Koalition (SNC) forderte den UN-Sicherheitsrat auf, den Angriff "sofort" zu untersuchen.

Nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte ist bislang unklar, ob der Angriff von syrischen oder russischen Kampfjets geflogen wurde. Sie geht davon aus, dass Giftgas eingesetzt wurde. Moskau unterstützt die Assad-Regierung militärisch im Kampf gegen die Aufständischen In Syrien.

Erdogan telefoniert mit Putin

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan sagte in einem Telefonat mit seinem russischen Kollegen Wladimir Putin, "unmenschliche" Angriffe dieser Art seien "inakzeptabel" und könnten die diplomatischen Bemühungen um eine Beilegung des Konflikts zunichtemachen.

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Dutzende Menschen sollen verletzt worden sein.

(Foto: REUTERS)

Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu schrieb über Twitter: "Die schrecklichen Bilder aus Syrien müssen jeden Menschen erschüttern." Israel rufe die internationale Gemeinschaft dazu auf, "entsprechend der Zusage von 2013 alle Chemiewaffen aus Syrien zu entfernen". Israelische Experten für Massenvernichtungswaffen vermuten, dass bei dem jüngsten Angriff das Nervengas Sarin eingesetzt wurde.

Laut der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte war in den frühen Morgenstunden ein Wohnviertel von Chan Scheichun bombardiert worden. Dabei sei das Giftgas freigesetzt worden. Die Angaben der Rebellen nahe stehenden Organisation lassen sich von unabhängiger Seite nur schwer überprüfen.

Die Beobachtungsstelle erklärte, die Verletzten zeigten typische Symptome von Giftgas-Opfern wie Atemnot, Ohnmachtsanfälle, Übelkeit und Schaum vor dem Mund. Dies deckt sich mit Angaben von einem Reporter der Nachrichtenagentur AFP: Er sah in einer Klinik in Chan Scheichun vier Tote mit Schaum vor dem Mund, darunter ein Mädchen und eine Frau. "Wir hörten Bombardierungen und liefen in den Häusern zusammen", sagte Augenzeuge Abu Mustafa. "Familien sind in ihren Betten gestorben, wir haben Kinder, Frauen und Männer tot auf den Straßen gesehen." Die Rettungshelfer der Organisation Weißhelme berichteten sogar von 240 Verletzten.

Reporter: Klinik bombardiert

Dem AFP-Bericht zufolge wurde später noch ein Krankenhaus der Stadt beschossen, in dem Opfer des Angriffs um ihr Leben kämpften. Eine Rakete sei am Eingang der Klinik eingeschlagen und habe Teile des Gebäudes zerstört, erklärte der Reporter. Über mögliche weitere Opfer ist noch nichts bekannt.

Die Provinz Idlib wird zu großen Teilen von einem Rebellenbündnis kontrolliert, das vom ehemaligen Al-Kaida-Ableger Al-Nusra-Front angeführt wird. Im Syrien-Konflikt haben sowohl die Regierung als auch die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) bereits Giftgas eingesetzt, wie eine Untersuchungskommission der UNO in einem Bericht festhielt. Ein Bericht der Untersuchungskommission des Menschenrechtsrates sprach von mindestens fünf Chlorgas-Angriffen regierungstreuer Kräfte seit Anfang dieses Jahres. 

Quelle: n-tv.de, hul/AFP/dpa

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