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Divi-Zahlen können täuschen Freie Betten - aber nicht für jeden

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Inzwischen weist das Divi-Register die belegbaren Erwachsenen-Intensivbetten gesondert in Klammern aus.

(Foto: picture alliance/dpa)

Kritiker verschärfter Corona-Regeln berufen sich gern auf die Anzahl freier Intensivbetten. Doch das Argument hinkt. Zwar gibt es laut Divi-Register noch belegbare Betten. Doch die können nicht für jeden Schwerkranken genutzt werden.

"Jeden Morgen ist es ein Kampf, ob eine Operation stattfinden kann", sagt Andreas Mertin*. "Vor allem dann, wenn man danach ein Intensivbett braucht." Der Mediziner arbeitet an einem großen Klinikum in Ostdeutschland. Drei Intensivstationen gibt es in dem Haus - mit insgesamt 50 Betten. Das ist nicht wenig. Trotzdem müssen inzwischen planbare Operationen abgesagt werden. "Das ist anders als im Frühjahr", so Mertin. "Da waren wir nicht so ausgelastet wie jetzt." Zwar gibt es noch ein paar wenige freie Betten, doch die werden auf der komplett isolierten Covid-19-Station für Infizierte freigehalten. An andere Notfälle - etwa Herzinfarkte - können sie wegen der Infektionsgefahr nicht vergeben werden. Für akut Erkrankte kann das bedeuten, dass sie in ein anderes Krankenhaus gebracht werden müssen. Und das kostet Zeit, die manche nicht haben.

Was ist das Divi-Intensivregister?

Das Divi-Register ist ein Datenerfassungssystem der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin, das die aktuelle Belegungssituation in den Intensivstationen von insgesamt rund 1300 Krankenhäusern in Deutschland abbildet. Erfasst werden auch mit Covid-19-Erkrankten belegte Betten. Das Meldesystem basiert auf der Zuarbeit durch die Krankenhäuser.

Im Divi-Intensivregister sieht die Lage weniger ernst aus - dem Ampelsystem sei dank: Für das Klinikum, in dem Mertin arbeitet, wird zwar die Verfügbarkeit von Betten in der niedrigsten Betreuungsstufe mit Rot für "belegt" angegeben, doch bei den höheren Betreuungsstufen steht die Anzeige weiter auf Gelb für "begrenzt". Mertin ärgert das. Ihm geht es nicht allein um die realistische Darstellung der Situation in der Intensivpflege, betont er. "Mein Problem ist, dass Gegner der Corona-Maßnahmen diese Angaben zum Anlass nehmen, um zu sagen: 'Ach, ist doch alles gar nicht so schlimm'." Dass sich die Lage in den Krankenhäusern zunehmend verschärft, betonen Mediziner schon seit Wochen. Doch alle Appelle scheinen nichts zu bewirken. Die Infektionszahlen bleiben hoch. Erst am Morgen meldet das Robert-Koch-Institut mit mehr als 29.000 Neuinfektionen einen Höchststand.

Noch immer wiegen sich zu viele Menschen in trügerischer Sicherheit. Einige glauben offenbar, allein die Tatsache, dass sie nicht zur Risikogruppe gehören, mache sie unverwundbar. "Dabei haben wir inzwischen auch viele Patienten in ihren 40ern und 50ern auf der Station", sagt Mertin. Andere vertrauen auf das deutsche Gesundheitsssystem - und das Divi-Intensivregister liefert ihnen gute Argumente. Vielerorts steht die Divi-Ampel weiter auf Grün. Auch in Aachen, wo die Lage am Uniklinikum eigentlich schon allein deshalb angespannt ist, weil auch Patienten aus kleineren Krankenhäusern dorthin verlegt werden. Zwar könne man noch Erkrankte aufnehmen, sagte der Intensivmediziner Gernot Marx der "Aachener Zeitung" vergangene Woche. Doch das Personal müsse sich "schon sehr strecken, zumal wir uns weiterhin um andere Patienten kümmern wollen".

*Datenschutz

Kinder-Intensivbetten mitgezählt

Müsste sich diese zugespitzte Lage nicht auch stärker in der Divi-Ampel widerspiegeln? Tatsächlich ist die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) an die gesetzliche Verordnung vom 16. April 2020 gebunden - und die ignoriert ein wesentliches Problem. Denn als "betreibbar" werden vom Divi nach eigenen Angaben all jene Intensivbetten ausgewiesen, für die es auch die notwendigen Räumlichkeiten, die Geräte und das Pflegepersonal gibt. In die Gesamtzahl fließen also auch Kinder- und neonatologische Intensivbetten ein - und das verfälscht das Bild. Denn Kinder erkranken erfahrungsgemäß sehr viel seltener an Covid-19. Gleichzeitig können die freien Kinderintensivbetten nicht einfach an Erwachsene vergeben werden.

Der Grund dafür ist nicht unbedingt die unterschiedliche technische Ausrüstung, sondern chronischer Personal- und Bettenmangel. "In der Kinderintensiv ist seit Jahren aufgrund des Personalmangels in der Pflege bereits jedes fünfte Bett nicht betriebsbereit, also gesperrt", erklärt eine Divi-Sprecherin auf Nachfrage von ntv.de. "Noch weniger Betten, das würde die Leben weiterer schwerstkranker Kinder kosten." Das Umschulen und "Ausleihen" von Pflegekräften aus Kinderintensivstationen sei zwar möglich. Doch die wenigen Fachkräfte, die es gibt, seien hochspezialisiert - und deshalb für die Pflege der Kinder unentbehrlich. "Wir dürfen in der Kinderintensiv keinen einzigen Pfleger verlieren", so die Sprecherin.

Mitgezählt werden müssen die Betten wegen der gesetzlichen Vorgaben trotzdem. Aber die Divi hat reagiert. In einem ersten Schritt wurde die Bettenanzahl für Erwachsene im Register in Klammern dargestellt. Ab kommender Woche soll die Anzeige nun komplett auf "Erwachsenen-Kapazitäten" umgestellt werden, wie die Sprecherin bestätigt. Trotzdem spiegeln die Divi-Zahlen nach Ansicht von Mertin nur die günstigste Einschätzung der Krankenhäuser wider. Kritik, die von der Medizinervereinigung durchaus angenommen wird. Aus der reinen Betrachtung der Zahlen werde das Bettenmanagement einer Klinik nicht deutlich, heißt es. So könne ein Intensivbett beispielweise als dauerhaft "belegt" angezeigt werden, obwohl es innerhalb von 24 Stunden für drei Patienten genutzt wurde. Andererseits werde nicht abgefragt, ob ein freies Bett nur für Corona-Infizierte infrage kommt.

"Was nützt ein freies Bett irgendwo?"

Mertin betont, dass er keineswegs Panik verbreiten wolle. "Was die Infektionszahlen betrifft, stehen wir in der Region noch ganz gut da", sagt er. Doch ob das auch nach Weihnachten so bleibt, weiß niemand. Sollte die Zahl der Intensivpatienten weiter steigen, hält der Mediziner auch die komplette Schließung von OP-Sälen an seinem Klinikum für möglich. Viele weitere planbare Operationen müssten dann verschoben werden. Außerdem ist das Krankenhaus eines von nur zwei Häusern im weiteren Umland, wo sogenannte Ecmo-Geräte für Patienten mit akutem Lungenversagen zur Verfügung stehen. Für schwere Fälle gibt es also nicht viele Optionen zur Verlegung.

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Noch ist der Anteil von Covid-19-Patienten an der Gesamtzahl der Intensivpatienten relativ gering: Von deutschlandweit 22.542 belegten Intensivbetten werden laut Divi-Register aktuell nur 4339 für Covid-19-Erkrankte benötigt (Stand: 10. Dezember 2020). Doch nicht nur für sie könnte eine weiter steigende Bettenauslastung Folgen haben. Schon jetzt müssen im Klinikalltag schwerwiegende Entscheidungen getroffen werden - zum Beispiel, ob ein schwerkranker Patient überhaupt aufgenommen werden kann oder nicht. Erst vergangene Woche, erzählt Mertin, habe man einen Notfall ablehnen müssen. Auch im nächstgelegenen Klinikum war kein Bett mehr frei. Was aus dem Patienten geworden ist, weiß Mertin nicht. Aber die Frage bleibt: "Was nützt mir ein freies Bett irgendwo?"

*) Name geändert

Quelle: ntv.de