Politik
Brennende Barrikade im Schanzenviertel: Sehenden Auges ins Verderben?
Brennende Barrikade im Schanzenviertel: Sehenden Auges ins Verderben?(Foto: imago/Tim Wagner)
Montag, 10. Juli 2017

G20-Talk bei "Anne Will": Hat Scholz die Hamburger verhökert?

Von Julian Vetten

Tagelang halten linksextreme Randalierer Hamburg in Atem, während die mächtigsten Regierungschefs der Welt auf keinen grünen Zweig kommen. Entschädigen die Ergebnisse des G20-Gipfels für die "Hamburger Chaostage"?

Mindestens 130 Millionen Euro hat es gekostet, die mächtigsten Menschen der Welt für zwei Tage beim G20-Gipfel in Hamburg auf Augenhöhe miteinander diskutieren zu lassen. Auf politischer Ebene ist dabei wenig Zählbares herausgekommen, im kollektiven Gedächtnis werden vielmehr die dramatischen Bilder aus einer Stadt haften bleiben, in der teilweise kriegsähnliche Zustände herrschten - und deren Bürger einer Gewaltexplosion ausgesetzt waren, die zuvor wenige für möglich gehalten hatten. Ob die Ergebnisse des Gipfels für die "Hamburger Chaostage" entschädigen, will Anne Will in ihrer gleichnamigen Sendung am Sonntagabend von ihren Gästen wissen.

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Zu Gast im Studio sind der Hamburger Bürgermeister Olaf Scholz (SPD), Bundeskanzleramtschef Peter Altmaier, die Fraktionschefin der Grünen, Katrin Göring-Eckardt, der ehemalige US-Botschafter John Kornblum, "Monitor"-Moderator Georg Restle sowie der Hamburger Landesvorsitzende des Bundes Deutscher Kriminalbeamter, Jan Reinecke.

Vorwurf der Zweiklassengesellschaft

"Ich glaube, dass der Polizeieinsatz sehr sorgfältig vorbereitet wurde, es hat niemals an Struktur und Kapazitäten gefehlt, und trotzdem ist das passiert", verteidigt Olaf Scholz seine Entscheidung, den Gipfel nach Hamburg zu holen. Reinecke schüttelt dagegen energisch mit dem Kopf, der Kriminaler ist mit den Entscheidungen der SPD-geführten Regierung alles andere als zufrieden: "Wir sind sehenden Auges ins Verderben geschickt worden", sagt Reinecke und führt mit den anarchischen Zuständen in der Schanze von Freitag auf Samstag ein besonders brisantes Beispiel ins Feld: "Die Spezialkräfte sind deshalb so spät herangeführt worden, weil es bei ihrem Einsatz zwei Prioritäten gab: Erst sollten die Gipfelteilnehmer geschützt werden, dann die Stadt. Beides zusammen war nicht möglich."

"Es ging der Polizei sehr wohl darum, die Sicherheit in allen Vierteln zu gewährleisten", entgegnet Scholz, ohne Reineckes Vorwurf zu dementieren. Um die Frage der Moderatorin, ob er den Kontrollverlust bewusst zugelassen habe, versucht sich der SPD-Politiker herumzulavieren, wird aber von Anne Will in die Ecke gedrängt: "Wir haben immer gesagt, wenn es dann in der Peripherie zu Sachbeschädigung kommt, dann muss man das auch teilweise hinnehmen, um den Zweck zu erreichen, nämlich den Gipfel zu schützen, den Gipfel zu gewährleisten", zitiert die Moderatorin den Hamburger Polizeipräsidenten Ralf Martin Meyer. Das Raunen im Publikum ist verständlich - "Zweiklassengesellschaft" ist das Wort, das übrigbleibt, wenn man den Satz aus dem Beamtendeutsch übersetzt.

"Die Welt ist aus den Fugen geraten"

Bis dato gleicht die Diskussion einem echten Thriller: Scholz wird nach und nach in die Ecke gedrängt, ihm treten Schweißperlen auf die Stirn - man hat das Gefühl, dass nur noch ein wenig mehr Druck nötig ist, um den Teflonmann zu einem Schuldeingeständnis zu bringen. Urplötzlich jedoch ändert Will das Thema und kommt auf die politische Dimension des Gipfels zu sprechen. Klar, auch darüber muss man reden - aber nicht jetzt und hier, möchte man durch den Bildschirm rufen. Olaf Scholz jedenfalls freut's, dass jetzt alle wieder im gewohnten Talkshow-Fahrwasser sind, nur die Sendung verliert von jetzt auf gleich quasi ihre Daseinsberechtigung: In der letzten halben Stunde wird Bekanntes hin- und hergewälzt.

Peter Altmaier und Olaf Scholz sind wenig überraschend von der Wichtig- und Richtigkeit des G20-Gipfels überzeugt ("Solche Treffen machen Sinn, weil die Welt aus den Fugen geraten ist"), während Grünen-Politikerin Göring-Eckardt irgendwo in der Mitte steht ("Für den Klimaschutz war dieser Gipfel ein Rückschritt") und Ex-Botschafter Kornblum das G20-Format für überholt hält ("Die Politik muss kleinere und sachbezogenere Treffen durchführen").

Am eloquentesten bringt der Journalist Restle seine Meinung zum G20-Format auf den Punkt: "Der Gipfel war den Aufwand nicht wert und auch kein Erfolg. Er ist immer weiter aufgebläht worden zu einem Forum für die politischen Fragen der Welt, ohne dass ein Großteil der Welt überhaupt dabei war." Der "Monitor"-Moderator schließt mit einem markigen Fazit: "Dieses Format sollte endgültig auf der Müllkippe der Geschichte landen."

Quelle: n-tv.de

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