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Schotten werden gehen Jetzt kommt Kleinbritannien

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(Foto: dpa)

Das Vereinigte Königreich steht nicht nur vor dem Austritt aus der EU, sondern auch vor dem Zerfall. Wales wird zwar sicher nicht gehen. Aber für Nordirland ist der Brexit ein Alptraum. Und Schottland? Dort wird bereits eifrig taktiert.

Nachdem er den Austritt Großbritanniens aus der EU nicht verhindern konnte, wollte David Cameron wenigstens ein deutliches Signal senden, dass das Vereinigte Königreich nicht zerfällt. An den Austrittsverhandlungen mit der EU sollten die Regierungen von Schottland, Wales und Nordirland "vollständig" beteiligt sein, sagte der Premierminister, nachdem die Briten mehrheitlich für den Brexit gestimmt hatten.

Die Mehrheiten sind regional jedoch höchst ungleich verteilt. In Schottland votierten 62 Prozent für den Verbleib in der EU, in Nordirland knapp 56 Prozent. "Die Briten haben dafür gestimmt, die Europäische Union zu verlassen, und ihr Wille muss respektiert werden", sagte Cameron. Das Problem dabei ist nur: Im Königreich gibt es viele, die gar nicht Briten sein wollen.

Wales bleibt auf jeden Fall britisch

Das betrifft vor allem Schottland und Nordirland – in Wales gibt es zwar auch eine Partei, die die Unabhängigkeit anstrebt, Plaid Cymru. Aber die Waliser haben ganz ähnlich abgestimmt wie die Briten insgesamt – hier gab es eine Mehrheit von 52,5 Prozent für den Brexit.

"Plaid Cymru wird sich dafür einsetzen, dass jeder Penny und jede wichtige Entscheidungsgewalt von Brüssel direkt nach Wales weitergereicht wird", kündigte Parteichefin Leanne Wood an. Von einem Referendum über die Unabhängigkeit ihres Landesteils sagte sie nichts. Kein Wunder: In Wales sind die Separatisten nur eine Minderheit.

In Schottland liegt ein Unabhängigkeitsreferendum "auf dem Tisch"

Ganz anders ist die Situation in Schottland. Die Scotish National Party (SNP) ist die mit Abstand stärkste Partei des Landes, sie stellt auch die Regierungschefin. Dennoch zögerte "First Minister" Nicola Sturgeon, ein zweites Unabhängigkeitsreferendum zu fordern. Sie sagte lediglich, ein solches Referendum sei eine "Option".

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Schon vor den Parlamentswahlen im Mai hatte die SNP gefordert, das schottische Parlament solle das Recht haben, ein weiteres Referendum anzusetzen, wenn sich die Umstände, die bei der ersten Abstimmung 2014 herrschten, entscheidend ändern – wie zum Beispiel, dass Schottland gegen seinen Willen aus der EU gezerrt wird. "Mit dieser Aussicht ist Schottland jetzt konfrontiert", sagte Sturgeon. Es sei offensichtlich, "dass die Option eines zweiten Referendums auf dem Tisch liegen muss". Sie fügte hinzu: "Und sie liegt auf dem Tisch."

Sturgeon hat gute Gründe, sich ein bisschen Zeit mit einem zweiten Unabhängigkeitsreferendum zu lassen. Zum einen müssten erst mal die britische Regierung beziehungsweise das Unterhaus in London zustimmen. Camerons Nachfolger, wer auch immer es wird, dürfte zunächst andere Prioritäten haben. Zum anderen gibt es in Umfragen bereits seit Monaten keine Mehrheit für eine schottische Unabhängigkeit. Bevor sie ein rasches Referendum fordert, wird die SNP sich genau anschauen, wie die Umfragewerte sich entwickeln.

Für Nordirland ist der Brexit ein Alptraum

Weitaus komplizierter als in Schottland ist die Situation in Nordirland. Ulster hat zwar mehrheitlich für die EU gestimmt. Aber gespalten ist der irische Teil des Königreichs auch knapp zwanzig Jahre nach dem Karfreitagsabkommen, mit dem der nordirische Bürgerkrieg beendet wurde. Das zeigt sich schon auf der Ebene der Wahlbezirke. In Schottland hat der Brexit nirgends eine Mehrheit erreicht. In Nordirland entschieden sich elf Bezirke für "Remain" und sieben für "Leave".

Die irisch-nationalistische Partei Sinn Fein forderte bereits ein "Grenz-Referendum", also eine Volksabstimmung über einen Anschluss an die Republik Irland. Es sei demokratisch zwingend, dass die Region, die sich mehrheitlich für einen Verbleib in der EU ausgesprochen habe, die Möglichkeit haben müsse zu entscheiden, ob sie im Königreich bleiben wolle, sagte der stellvertretende Regierungschef von Nordirland, der Sinn-Fein-Politiker Martin McGuinness.

Rein rechtlich wäre eine solche Abstimmung möglich; die britische Nordirland-Ministerin Arlene Foster könnte sie ansetzen. Aber Foster erklärte bereits, dass sie das nicht tun wird. Sie nannte McGuinness "opportunistisch". Selbst wenn es ein Grenzreferendum geben würde, so Foster, würde es "niemals" zugunsten eines vereinigten Irlands ausfallen. Damit dürfte sie auf absehbare Zeit Recht haben. Zwar sind gut 40 Prozent der Nordiren Katholiken. Aber in einer Volkszählung vor fünf Jahren gaben nur 28 Prozent an, sich als Iren zu sehen. 48 Prozent gaben ihre "nationale Identität" als britisch an, 29 Prozent als nordirisch.

Auch Irland lehnt Grenzreferendum ab

Die unmittelbare Folge des britischen Referendums dürfte in Nordirland folglich nicht ein eigenes Referendum sein, sondern eine Verschärfung des politischen Klimas. Die in Dublin erscheinende "Irish Times" nennt den Ausgang des Brexit-Referendums daher einen "Alptraum".

Verschlimmert werden die inner-nordirischen Konflikte voraussichtlich noch durch die Probleme, die in den nächsten Jahren im irisch-nordirischen Verhältnis entstehen könnten. Die Grenze zwischen Großbritannien und Irland ist bislang frei passierbar – zwischen Nordirland und Irland merkt man vielerorts gar nicht, dass man eine Grenze überschritten hat.

Diese offene Grenze war ein Kernbestandteil des Friedensprozesses seit 1998. Die Politik in Irland hofft, dass sich daran nichts ändert. Irlands Premierminister Enda Kenny will sich für ein möglichst enges Verhältnis Großbritanniens zur EU einsetzen. Für ein Grenzreferendum sehe er keinen Anlass, sagte er.

Kurzum: Nordirland wird noch für lange Zeit im "Vereinigten Königreich Großbritannien und Nordirland", wie der offizielle Name des Staates ist, bleiben, Wales ohnehin. Doch die Schotten werden gehen – wenn Nicola Sturgeon und ihre SNP keinen Fehler machen. Die Bezeichnung "Großbritannien", die sich auf die größte der britischen Inseln bezieht, wird dann nur noch eine Anmaßung sein. Ohne Schottland bliebe nur das Vereinigte Königreich von England, Wales und Nordirland übrig. Kleinbritannien.

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Quelle: n-tv.de

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