Politik

Reker ist außer Lebensgefahr Kölner wählen im Zeichen des Anschlags

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Politologe Ulrich von Alemann glaubt, dass Reker einen "tragischen Bonus" bei der Wahl haben könnte.

(Foto: dpa)

In Köln findet die Oberbürgermeisterwahl - dem Attentat auf Kandidatin Rekers zum Trotz - wie geplant statt. Die parteilose Kandidatin selbst will im Krankenbett ihre Stimme abgeben. Reker hat beste Chancen auf den Sieg.

Ein Tag nach dem vermutlich fremdenfeindlich motivierten Attentat auf die parteilose Kandidatin Henriette Reker wählen die Kölner ihren neuen Oberbürgermeister. 812.000 Wahlberechtigte sind aufgerufen, ihre Stimmen abzugeben.

Das Attentat hat das spannende Duell um den Chefsessel im Kölner Rathaus in den Hintergrund treten lassen. Dabei könnte Reker die erste parteilose Oberbürgermeisterin und die erste Frau an der Spitze der Domstadt werden. Neben ihr hat einer Umfrage zufolge noch der SPD-Landtagsabgeordnete Jochen Ott Chancen auf den Wahlsieg.

Der Politikwissenschaftler Ulrich von Alemann glaubt, dass Reker nach dem Angriff in der Wählergunst noch einmal zulegen kann. "Sie wird wohl einen tragischen Bonus bekommen", sagte der Professor der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität im Westdeutschen Rundfunk. Allerdings sei Reker ohnehin die Favoritin gewesen, so dass die Wahl in ihrem Ausgang wohl nicht entscheidend verfälscht werde.

Positive Signale der Ärzte

Die parteilose Reker wird von CDU, Grünen und FDP unterstützt und liegt laut einer jüngsten Umfrage vor Ott. Sie will ihre Stimme auf der Intensivstation abgeben. Sollte keiner der beiden eine absolute Mehrheit erringen, entscheidet am 8. November eine Stichwahl.

  Eigentlich sollte schon Mitte September in der viertgrößten deutschen Stadt gewählt werden. Die Bezirksregierung hatte aber die Stimmzettel beanstandet, das Votum wurde um fünf Wochen verschoben.

Reker war am Samstag bei einer Wahlkampfveranstaltung von einem 44-Jährigen niedergestochen worden. Nach einer Notoperation ist sie nach Angaben ihrer Ärzte am Samstagabend außer Lebensgefahr. "Wir halten zum jetzigen Stand und bei normalem Verlauf die vollständige Wiederherstellung der Gesundheit von Frau Reker für wahrscheinlich", sagte Klinikdirektor Karl-Bernd Hüttenbrink.

Bericht: Attentäter war Ex-Mitglied der FAP

Der 44-jährige Täter hatte Reker am Samstagmorgen an einem CDU-Wahlkampfstand auf einem Wochenmarkt niedergestochen. Die 58-Jährige wurde nach offiziellen Angaben im Halsbereich schwer verletzt. Der Mann nannte für seine Tat fremdenfeindliche Motive - Reker ist als Kölner Sozialdezernentin für die Unterbringung von Flüchtlingen in der Domstadt zuständig. Neben Reker wurden auch eine Kölner CDU-Politikerin, eine FDP-Ratsfrau und zwei Bürger verletzt.

Der mutmaßliche Messerstecher von Köln soll nach einem unbestätigten Medienbericht in den 1990er Jahren bei einer Neonazi-Gruppe aktiv gewesen sein. Der aus Bonn stammende Mann soll bei der Freiheitlichen Deutschen Arbeitspartei (FAP) mitgemacht haben, berichtet "Spiegel Online". Die rechtsextreme Gruppe war 1995 vom Bundesinnenministerium verboten worden.

Sowohl 1993 als auch 1994 habe der mutmaßliche Täter offenbar an Rudolf-Hess-Gedenkmärschen in Fulda und Luxemburg teilgenommen. Die FAP galt als besonders aggressive Neonazi-Partei, aus deren Reihen auch rassistische Gewalttaten verübt wurden. Zuletzt sei der Mann mit ausländerfeindlichen Kommentaren im Internet aufgefallen, berichtet das Magazin unter Berufung auf Behörden.

"Vollstrecker des Volkswillens"?

Kölns scheidender Oberbürgermeister Jürgen Roters (SPD) rief zu Standhaftigkeit auf. "Es geht jetzt darum, dass wir uns nicht unterkriegen lassen", sagte Roters. Die Diskussion um Flüchtlinge in Deutschland werde heftiger, immer häufiger würden Asylbewerberheime angegriffen. "Wir müssen alle gemeinschaftlich darauf achten, dass das Klima des Zusammenlebens nicht beschädigt wird", appellierte Roters.

Das Attentat hatte bundesweit Sorge über zunehmende Gewalt in der Diskussion über die Aufnahme von Asylbewerbern in Deutschland ausgelöst. "Dieser feige Anschlag in Köln ist ein weiterer Beleg für die zunehmende Radikalisierung der Flüchtlingsdebatte", sagte Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU).

Der SPD-Bundesvorsitzender Sigmar Gabriel warnte in der "Rhein-Zeitung" vor einem Erstarken des rechten Randes in Deutschland. "Das ist schockierend, weil es zeigt, dass in einem Teil der Gesellschaft die Radikalisierung zugenommen hat", sagte er. "Man muss leider sagen, wenn solch eine Stimmung so wächst, dann gibt es Fanatiker, die sich selbst quasi als Vollstrecker des Volkswillens empfinden."

Quelle: ntv.de, jog/dpa

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