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Falsche Toleranz am Ramadan "Lehrer müssen nicht Islam-Experten werden"

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Als Moscheen-Gründerin nimmt Seyran Ates kein Blatt vor den Mund: Den Islam und religiöse Fasten-Zwänge zum Ramadan findet sie inzwischen aufdringlich. Lehrer sollten die Schüler davor beschützen, meint sie.

(Foto: picture alliance/dpa)

Seyran Ates ist vieles: Frauenrechtlerin, Rechtsanwältin, Moscheengründerin. Aber vor allem ist sie streitbar. Wenn jetzt der islamische Fastenmonat Ramadan beginnt, will die gebürtige Türkin mitfasten. Aber Lehrer warnt sie davor, die Frömmigkeits-Exzesse muslimischer Schüler zu dulden.

n-tv.de: Am Sonntagabend beginnt der islamische Fastenmonat Ramadan. Wie halten Sie es denn mit dem Fasten?

Seyran Ates: Soweit möglich mache ich mit. Allerdings muss ich regelmäßig Medikamente nehmen. Also kann ich aufs Trinken nicht verzichten. Aber meine persönliche Variante steht dem Sinn des Ramadan nicht entgegen. Im Grunde geht es beim Fasten um Entschleunigung, um den Verzicht auf Schnelligkeit. Dass man sich in vielen Dingen zurücknimmt. Weniger isst, weniger trinkt, um sich zu besinnen und um wesentliche innere Vorgänge besser zu verstehen. Nach den Vorschriften des Koran soll das jeder nach der Belastbarkeit seines Körpers selber festlegen.

Das klingt vernünftig.

Aber leider wird es bei vielen deutschen Muslimen nicht so gelebt und nicht so verstanden. Wir hören es in Berlin immer häufiger, dass schon kleine Kinder zum Fasten angehalten werden. Dabei ist es eine Vorschrift im Koran, dass Kinder nicht fasten dürfen. Sie sollen ja verstehen, was sie tun. Deshalb halten wir es in unserer Moschee anders. Wir sagen, es ist nicht in Ordnung, wenn Erwachsene Kinder zum Fasten animieren oder sogar Druck ausüben.

Wie ist das an Schulen? Der Ramadan fällt auch in diesem Jahr genau in die Prüfungszeit. Stürzt das die Schüler in Zwickmühlen?

Leider beobachten wir das zunehmend. Es gibt einen unglaublichen Druck unter Schülerinnen und Schülern. Wenn jemand nicht fastet, wird er als schlechter Moslem bezeichnet. Als Ungläubiger oder sogar - das ist ein Schimpfwort - als "Deutscher". In der Türkei etablieren Moscheevereine besondere Anreizsysteme: Den Kindern werden Geschenke versprochen, je nachdem wie viele Tage sie fasten. Wer den ganzen Ramadan durchhält, bekommt ein Fahrrad oder ein iPad. Und das machen hier auch immer mehr Eltern mit. In Glaubensangelegenheiten sind Kinder sehr schnell dabei, die Moralvorstellungen der Eltern zu übernehmen.

Gibt es da bei Mädchen und Jungen Unterschiede?

Eine weitverbreitete Moralvorstellung im Islam ist es, dass Mädchen weniger wert sind als die Jungs. Mädchen dürfen weniger und müssen kontrolliert werden, weil sie die Ehre der Familie verkörpern. Und vor diesem Hintergrund werden Mädchen gerade in religiösen Angelegenheiten bedrängt von Jungen, die sich auf einmal als Glaubenswächter aufspielen. Da wird dann das Fasten genauso wie das Kopftuch als Beweis verstanden, dass man eine gute Muslimin ist. Das ist ein Bündel von Verhaltensregeln, die zur Unterwerfung unter eine rigide Moralvorstellung dienen. Und dieser Gruppenzwang führt dann sogar dazu, dass hochschwangere Frauen fasten. Dabei steht in den religiösen Vorschriften eindeutig, dass es nicht erlaubt ist. Obwohl also das Baby ernsthafte Schäden davonträgt, ist es manchen Frauen nicht klarzumachen. Ich habe das selbst einmal hautnah erlebt. Es ist erschreckend.

Was raten Sie den Lehrern an deutschen Schulen zum Ramadan?

Es passiert häufig, dass Kinder in der Schule zusammenbrechen, weil sie den ganzen Tag nichts getrunken haben. Und manche Schulen reagieren dann so, dass sie Tests oder Prüfungen verschieben. Hier sage ich: Es kann nicht sein, dass eine Religionsgemeinschaft auf das Schulwesen so einen Einfluss gewinnt, dass der Unterricht nicht mehr richtig stattfinden kann. Deshalb geben wir den Lehrern an den Schulen mit: Lasst nicht zu, dass die Religion so viel Platz einnimmt. Es ist egal, welche Religion das ist. Im Interesse der Kinder sind hier deren Rechte zu wahren. Außerdem schätzen wir das Neutralitätsgesetz in Berlin: Lehrer und Lehrerinnen sollen mit ihrer Weltanschauung zurückhaltend auftreten. Ich finde, das sollte genauso für die Schüler und ihre Frömmigkeit gelten.

Brauchen Schulen diese Ermutigung?

Viele Lehrer fürchten inzwischen den Vorwurf, sie seien Rassisten und Islamfeinde. Den Schuh sollten sie sich gar nicht erst anziehen. Ich finde, es ist schon tragisch genug, dass sich hier in Deutschland alle dauernd mit dem Islam beschäftigen müssen, obwohl sie gar nichts damit zu tun haben. Es wird einem ja regelrecht aufgedrängt. Jeder muss inzwischen ein Islamkenner sein. Kaum jemand ist davon frei. Es wird erwartet, dass hier jedermann über die Feiertage über die Praktiken Bescheid weiß und dem Islam Respekt zollt. Ich denke, es ist an der Zeit, die Säkularität selbstbewusst zu verteidigen. Wir sind hier in Deutschland. Lehrer müssen nicht Experten im Islam werden. Erst Recht nicht, wenn sich die Religiosität immer mehr zu einer offenen Aggressivität wandelt. Lehrer, die dasselbe sagen wie ich gerade, werden mundtot gemacht und als Islamfeinde hingestellt.

Wie sehen Sie das Verhältnis von Bildung und Frömmigkeit generell: Gibt es einen Zielkonflikt? Je mehr Bildung, desto weniger fromm? Je gottesfürchtiger, desto weniger im Kopf?

Eigentlich ist es doch so, dass eine echte Frömmigkeit viel Wissen über die eigene Religion voraussetzt. Und hier sehe ich das Versagen vieler Islamverbände in Deutschland. Diese Autoritäten in Glaubensfragen hätten nämlich die Möglichkeit, den Muslimen viel mehr Wissen über ihre eigene Religion zu vermitteln. Stattdessen arbeiten sie an der Unmündigkeit der Muslime. Die Menschen werden dumm gehalten, neue Vorschriften werden erfunden und ein Gegensatz aufgemacht zwischen Bildung und Frömmigkeit. So verlangt die Ditib ausdrücklich, die Allgemeinbildung zugunsten der Frömmigkeit zu vernachlässigen. Das ist leider der Trend, der über die türkische Religionsbehörde nach Deutschland importiert wird.

Können Sie es nachvollziehen, dass aufgeklärte Menschen und gerade liberale Moslems am liebsten mit der Religion insgesamt abschließen wollen?

Ja, das verstehe ich absolut. Gerade war ich im Irak und habe auf einer Konferenz über die liberale Moschee gesprochen. Und da kamen danach viele zu mir und sagten: "Wir wollen nach der Herrschaft des Islamischen Staates nie wieder etwas mit dem Islam zu tun haben. Damit sind wir durch - für immer."

Sie haben der Religion nie eine solche Absage erteilt?

Ich habe nicht die Abkehr gewählt, sondern den Weg in die Öffentlichkeit. Mein Glaube ist eher spirituell, und früher habe ich das als Privatangelegenheit angesehen. Heute meine ich, wir brauchen eine Reformation. Es gibt unheimlich viele Luthers, Martins und Martinas in der islamischen Welt. Und ein winziger Teil davon bin ich.

Mit Seyran Ates sprach Barbara Mauersberg

Die liberale Berliner Ibn Rushd Goethe-Moschee bietet am 8.5. um 18:30 Uhr eine Infoveranstaltung zum Thema "Wie umgehen mit Ramadan in der Schule?". Es sprechen Ahmad Mansour und Seyran Ates. Mehr dazu auf der Website der Moschee.

Quelle: n-tv.de

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