Politik

"Schottland wie ein Kind behandelt" London sitzt in der Haggis-Falle

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Schottisches Nationalmahl: Haggis, Neeps und Tatties.

(Foto: Reuters)

Unter David Cameron könnte das Vereinigte Königreich zerbrechen. Der verzweifelte britische Premier ruft die Schotten zur Vernunft - und macht damit alles nur noch schlimmer.

Es ist fast egal, was man Alex Salmond fragt, seine Antwort ist ein Lächeln. Der "Erste Minister" Schottlands führt die Unabhängigkeitskampagne an und er fühlt sich sichtlich wohl in der Panik, die von London aus verbreitet wird. Die Banken werden Schottland verlassen, eine schottische Währung würde sofort abgewertet, das Erdöl könnte bald zur Neige gehen. Doch jetzt, wenige Tage vor der Abstimmung, macht nichts davon den Unterschied. "Es geht darum, wem wir mehr vertrauen, unser Land zu regieren", sagt Salmond.

Als David Cameron, Premierminister von Großbritannien, sich am Tag zuvor an die Schotten wandte, hob er als erstes darauf ab, dass diese Entscheidung unwiderruflich ist: "Sie schreiben die Geschichte des Königreiches mit unlöschbarer Tinte." Das soll ihm Aufmerksamkeit verschaffen, doch er macht damit schon wieder den Fehler, der ihm so sehr schadet: Er nimmt die "Yes"-Kampagne nicht ernst.

Die Strategie war nachvollziehbar, als nur ein kleiner Teil der Schotten einen eigenen Staat forderte. London wollte dieser Bestrebung nicht zu viel Aufmerksamkeit verschaffen. Doch je mehr Wähler bei den Umfragen "Yes" sagen, desto mehr ärgern sich auch über Cameron, der so tut, als würden sie die Tragweite ihrer Entscheidung einfach nicht überblicken.

"So ein dummes Klischee"

"Das schottische Volk wird wie ein Kind behandelt", sagt eine Frau, die sich für die Unabhängigkeit einsetzt. Als ob es hier nur um Folklore ginge! Besonders geärgert hat sie sich über die "Haggis"-Sache. Der britische Umweltminister setzt sich seit einigen Wochen dafür ein, dass britisches Lamm wieder in die USA exportiert werden darf. Das soll den Herstellern des schottischen Nationalgerichts Haggis neue Märkte erschließen. Albern finden das die Freiwilligen der "Yes"-Kampagne. "So ein dummes Klischee."

Salmond muss gar nicht mehr auf die Argumente aus London eingehen. Er tut sie als Angstmacherei ab und macht sich darüber lustig. "Sie feuern eine starke Kanone auf Edinburgh Castle ab", poltert er, als es um den Umzug von Banken geht. "Sie wird ihnen ins Gesicht platzen."

Es gab noch mehr merkwürdige Angebote. Etwa die Suche nach einem Standort für einen britischen Weltraumbahnhof für kommerzielle All-Expeditionen. Angeblich gibt es auf der Insel acht geeignete Orte, sechs davon in Schottland. Bislang starten Raketen allerdings aus technischen Gründen möglichst in Nähe des Äquators. Der Köder stinkt gewaltig.

Mehr Rechte für ein "Nein"?

Cameron ist verzweifelt - wie auch viele Schotten, die gerne Briten bleiben wollen. Zwar sagen die meisten Umfragen eine Ablehnung des Referendums voraus, doch sicher ist das nicht. Wer will schon als der Regierungschef in die Geschichte eingehen, unter dem ein 300 Jahre altes Bündnis zerbrach?

Jetzt, in letzter Minute, wirft London weitere Versprechen in die Waagschale, die über Haggis-Export und Raumfahrt hinausgehen. Vom Recht, eigene Schulden aufzunehmen, ist die Rede, von eigenen Steuern und Etathoheit. Wie das genau aussehen soll, ist allerdings nicht ausgearbeitet. Die Arbeiten an dem Gesetz sollen aber schon bald beginnen, verspricht Cameron - am Tag nach dem Referendum. "Wenn sie uns mehr Rechte geben wollten", antwortet die "Yes"-Kampagne lapidar, "hätten sie es schon längst getan."

Getrieben von den Umfragen erfindet Cameron im letzten Moment eine halbseidene Strategie. Wer die Europawahlen verfolgt hat, dem kommt das bekannt vor: Der Premier sah die rechtspopulistische Ukip erstarken und versprach, einen neuen "Deal" mit der EU auszuhandeln - trotz der Sonderrechte, die Großbritannien ohnehin schon hat. Genutzt hat es ihm damals nicht.

Quelle: ntv.de

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