Politik

Kampf um Cherson Noch ist die große Offensive der Ukraine keine

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Ukrainische Soldaten und eine US-amerikanische Haubitze.

(Foto: picture alliance/dpa/AP)

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Mit der Offensive im Süden sprechen Teile der ukrainischen Seite von einer Trendwende auf dem Schlachtfeld. Doch Militärexperte Wolfgang Richter ist noch zurückhaltend. Auch, weil es in der Region einen Rollentausch mit Russland geben könnte.

Für Moskau war Cherson der erste große Erfolg. Als die Kremltruppen ihren Überfall auf die Ukraine begannen, war es die erste Provinzhauptstadt, die sie Anfang März einnehmen konnten. Seither hat die südukrainische Stadt für beide Kriegsparteien hohen symbolischen Wert. Berichten zufolge plant Moskau bereits, in der Region ein Referendum abzuhalten. Analog zu Donezk und Luhansk soll Cherson damit die nächste sogenannte Volksrepublik werden. Die Besatzer sollen schon damit angefangen haben, russische Pässe auszuteilen.

Für die Ukraine hätte es dagegen wohl eine enorme Signalwirkung, sollte sie die erste gefallene Provinzhauptstadt wieder unter ihre Kontrolle bringen. In Cherson gab es seit der Eroberung immer wieder Proteste gegen die Besatzer. Erst kürzlich erzählte der Gouverneur Dmytro Butriy, dass Zivilisten teilweise von der Straße verschwunden seien. Erst recht wegen solcher Geschichten hatte Kiew bereits vor Wochen angekündigt, den Süden des Landes zurückzuerobern. Mittlerweile sehen westliche Geheimdienste dafür erste Erfolge. Ukrainische Vertreter sprechen sogar von der Wende auf dem Schlachtfeld.

Militärexperte Wolfgang Richter bleibt dagegen vorsichtig. "Ich gehe im Moment eher von taktischen Erfolgen aus, aber noch nicht von einem großen operativen Durchbruch", sagt der Oberst a. D. von der Stiftung Wissenschaft und Politik ntv.de. Denn derzeit geht es noch nicht um die etwa 300.000 Einwohner große Provinzhauptstadt, sondern erst die umliegende Region. "Eine operative Wende wäre es, wenn man größere raumgreifende Operationen durchführt, die dann ganze Regionen der Ukraine zurückgewinnen", sagt Richter.

Ukrainische Euphorie

Dennoch kommt die ukrainische Euphorie nicht von ungefähr. Erst am Montag meldeten die Streitkräfte, dass sie seit vergangener Woche mehr als 40 Siedlungen zurückerobert hätten. Die meisten davon lägen im Norden der Region und im Süden nahe des Schwarzen Meeres. Dabei machen sich die Streitkräfte auch die geografischen Gegebenheiten zunutze. Die Oblast Cherson wird durch den Dnipro geteilt. Auf der östlichen Seite liegt die gleichnamige Großstadt, in dem westlichen Gebiet erzielt die Ukraine ihre taktischen Erfolge.

Denn mithilfe westlicher Raketensysteme können sie russische Stellungen aus der Ferne ins Visier nehmen, die auf der anderen Seite des Flusses liegen. "Westliche Waffenlieferungen, insbesondere die Panzerhaubitzen, spielen eine wichtige Rolle", sagt Richter. "Und für die Ziele, die weiter in der Tiefe liegen, haben die HIMARS-Systeme der USA eine große Bedeutung."

Wie wirksam das sein kann, zeigt sich seit vergangener Woche. Die ukrainischen Truppen haben damit begonnen, die strategisch wichtigen Versorgungswege Russlands über den Fluss abzuschneiden. Die bedeutende Antoniwkabrücke direkt vor der Stadt Cherson wurde bereits so beschädigt, dass sie nicht mehr passierbar ist. Das Gleiche gilt für weitere wichtige Routen über den Dnipro. Als letzte Flussüberquerung ist eine Brücke bei Nova Kachowka verblieben, nördlich von Cherson.

Moskau reagiert

Auch deshalb gibt es in Moskau Bestrebungen, provisorische Pontonbrücken über den Fluss zu errichten. Denn ohne sichere Möglichkeit, logistische Güter und Reserven in den Westen Chersons zu bekommen, wird es auch schwerer, die Region zu halten. "Wenn es den Ukrainern gelingt, die russischen Versorgungslinien am Dnjepr zu unterbrechen, können sie westlich des Flusses die örtliche Überlegenheit zu erzielen", erklärt Richter. Dadurch lassen sich Kiews taktische Erfolge im Westen Chersons erklären.

Doch die Kremltruppen reagieren darauf. Die Ukraine meldet massive Truppenbewegungen. "Die Tatsache, dass die Russen Truppen aus dem Donbass in den Süden verlegen, ist ein Zeichen dafür, dass sie mit einer relativ starken Offensive der Ukrainer in bestimmten Gegenden rechnen", sagte Militärexperte Carlo Masala im "Stern"-Podcast "Ukraine - die Lage".

Masalas Ansicht nach kann die Ukraine mit dem Vorstoß im Süden die Massierung der russischen Truppen im Donbass schwächen. Damit werde auch die russische Strategie beeinträchtigt, "mit einer irrsinnigen Konzentration von Personal und Material relativ kleine Territorien zu verteidigen oder Gebiete zu erobern". Dafür seien die Kremltruppen dann zu sehr auseinandergezogen. Ohnehin ist die Ukraine im Donbass laut SWP-Experten Richter mittlerweile zu einer Verzögerungstaktik übergegangen. Nach dem Fall von Lyssytschansk vor einigen Wochen haben sie sich ihre Truppen auf bereits zuvor befestigte Verteidigungslinien zurückgezogen. Dabei hilft es ihnen, wenn Russland mit weniger Kräften versucht, nach Slowjansk und Kramatorsk durchzubrechen.

Beide im Süden vor Problemen

Zudem haben die Kremltruppen in den vergangenen fünf Monaten offenbar große Verluste erlitten. Richter zufolge gibt es dort Überlegungen einer Teilmobilisierung. Das soll auch für den Süden mehr Reservisten verfügbar machen. "Wir werden sehen, ob es die Russen trotzdem schaffen werden, ausreichende Reserven vor Ort zu bringen", sagt Richter. "Das heißt, am Ende stehen wir vor der Frage, wer mehr Materialreserven hat und sie schneller in die Schlacht bringen kann." Die Russen seien zwar in der Lage, aus den eigenen Reihen zu schöpfen, aber ob sie das Material schnell genug transportieren können, ist fraglich. Auf der anderen Seite ist die Ukraine abhängig von westlichen Waffenlieferungen.

Darüber hinaus kommen auf die Ukraine gleich zwei neue Rollen zu. Bislang sei die groß angekündigte Offensive Kiews im Süden operativ noch nicht erkennbar, sagt Richter. Die Gefechte beschränkten sich derzeit vor allem auf taktische Vorstöße. "Für eine großangelegte Offensive kommt es darauf an, überlegende Kräfte zu konzentrieren und Feuer und Bewegung zu koordinieren", erklärt der Militärexperte, "also Feuerschläge auch für die Vorwärtsbewegung zu nutzen." Es werde sich erst zeigen, ob die Ukraine das auch im operativen Maßstab beherrscht.

Das zweite Problem erwartet die Ukrainer, sollten sie die Provinzhauptstadt wirklich erreichen. "Es könnte zu einem spiegelbildlichen Szenario kommen", sagt Richter, "dass die Ukraine Städte angreifen muss, die von den Russen gehalten werden. Denn sie bieten dem Verteidiger den Vorteil der Deckung, während der Angreifer seine überlegene Reichweite nur begrenzt nutzen kann, die er in einer offenen Feldschlacht hätte." Das wäre die Umkehr der Lage im Donbass. Plötzlich wären es die Russen, die die Ukrainer in den strapaziösen Häuserkampf zwingen würden. "Wenn man diese Vorteile nicht aufgeben will und um jeden Straßenzug kämpft, führt das in der Regel auch zur Zerstörung der zivilen Infrastruktur in den Städten."

Wie das enden kann, zeigt sich bereits in den zurückeroberten Siedlungen in Cherson. Der ukrainische Gouverneur Butriy erklärte am Montag, dass einige dieser Ortschaften "zu 90 Prozent zerstört" seien und "noch heute unter ständigem Beschuss" stünden. Er bezeichnete die humanitäre Lage in der Region als "kritisch". Schon vor Wochen rief die ukrainische Militärverwaltung die Bevölkerung dazu auf, das Gebiet um Cherson zu verlassen, das galt auch für die Provinzhauptstadt. Doch Richter sagt: "Wir sind noch lange nicht da."

Quelle: ntv.de

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