Politik

Protestaktion mit Leichen? Tote Flüchtlinge suchen Berlin heim

Eine Künstlergruppe buddelt die Leichen von Bootsflüchtlingen aus und bringt sie nach Berlin. Das behauptet sie zumindest und zelebriert eine erste menschenwürdige Beerdigung in der Hauptstadt. Ein Angriff auf die europäische Flüchtlingspolitik.

Friedhof Berlin-Gatow: Iman Abdallah Hajjir blickt hinab in ein Grab. "Sie ist versunken im Meer", sagt er. "Wir versinken in Ungerechtigkeit". Hajjir zeigt auf den Sarg, der dort unten im Boden liegt und verkündet: "Die Toten sprechen für sich."

Die Toten sprechen für sich - davon ist auch das Zentrum für politische Schönheit (ZPS) überzeugt. Die Künstlergruppe hat diese Beerdigung organisiert - oder besser gesagt inszeniert. Es geht nicht in erster Linie darum, einen Menschen beizusetzen, diese Beerdigung ist ein Angriff auf die europäische Flüchtlingspolitik.

Bei der Toten handelt es sich laut der Künstlergruppe um eine 34 Jahre alte Syrerin, die vor dem Bürgerkrieg in ihrer Heimat geflohen sein soll. Sie reiste durch Ägypten nach Libyen, um letztlich Schutz in Europa zu finden. Doch wie Tausende anderer Flüchtlinge verlor sie ihr Leben bei der Überfahrt mit einem jener seeuntüchtigen Schleuserboote. Das ZPS hat ihre Leiche und weitere Tote jetzt nach Deutschland geholt. Das behaupten die Aktivisten zumindest. Es gehe dabei nicht um "medienwirksame Bilder", sagt Stefan Pelzer, "Eskalationsbeauftragter" der Gruppe, sondern um den "europäischen Mauerfall", das Ende der Abschottungspolitik.

Die Gruppe bereitete die Aktion mit der Bezeichnung "Die Toten kommen" seit mehr als einem halben Jahr vor. Am Anfang der Recherchen stand die Frage: Was passiert mit den Leichen, die die italienische oder griechische Küstenwache aus dem Wasser ziehen oder die an den Stränden der Mittelmeeranrainer angespült werden. Das Ergebnis der Recherchen: Die Leichen landen in Plastiksäcken, werden in Kühlhäusern gestapelt. Dann werden sie als "unbekannte Tote" deklariert, mit einer Nummer versehen und in Massengräbern verscharrt. Würden die Behörden sie identifizieren, müssten sie schließlich aufwändig ihre Angehörigen suchen, womöglich gar eine Überführung und ein ordentliches Begräbnis sicherstellen. In den Augen des ZPS ist der Umgang mit den toten Flüchtlingen der Gipfel der Unmenschlichkeit. Und um darauf aufmerksam zu machen, haben sich die Aktivisten etwas einfallen lassen.

"Befremdlich und pietätlos"

Eigenen Angaben zufolge hat das ZPS einige der Leichen exhumiert, identifiziert und Kontakt zu den Angehörigen hergestellt. Im Falle jener 34-Jährigen waren das ein Mann und drei Söhne, die die Bootsfahrt überlebt haben. Die zwei Jahre alte Tochter soll wie die Mutter ihr Leben im Mittelmeer verloren haben, ihr Leichnam blieb in den Tiefen verschollen. Im Auftrag der Angehörigen zwangen sie die Behörden in Italien, die Dokumente zu ändern und die Toten beim Namen zu nennen. Dann organisierte das ZPS angeblich die Überführung nach Deutschland.

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Zum 25. Jahrestags des Mauerfalls entfernten Aktivisten Gedenkkreuze im Regierungsviertel. Sie behaupteten, sie würden sie an die europäischen Außengrenzen bringen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Der Grünen-Bundestagsabgeordnete Volker Beck bezeichnet die Aktion als "befremdlich und pietätlos". Linkspartei-Chefin Katja Kipping findet sie "hart an der Grenze". Pelzer hat auf solche Vorwürfe nur gewartet: "Ich sage ihnen, was pietätlos ist: das Massensterben, der Umgang mit den Toten vor Ort."

Die Aktion knüpft an das Projekt "Erster Europäischer Mauerfall" an. Zum 25. Jahrestag des Mauerfalls in Deutschland klauten die Aktivisten Gedenkkreuze aus dem Berliner Regierungsviertel und behaupteten, sie an die europäischen Außengrenzen gebracht zu haben. Tatsächlich lagerten sie die Originale in Deutschland und verbreiteten Bilder von Kopien, die unter anderem am Grenzzaun der spanischen Exklave Melilla hangen. Der Wirkung der Aktion tat das keinen Abbruch.

Angesichts der Inszenierung des "Ersten Europäischen Mauerfalls" ist auch dieses Mal nicht sicher, ob alles an der Aktion echt ist, ob die Aktivisten wirklich Leichen ausgebuddelt und durch ganz Europa gefahren haben. Doch es gibt Hinweise darauf, dass in dem Grab in Berlin-Gatow wirklich jene Syrerin liegt. Die Verkehrspolizei im bayerischen Freising hielt am Freitag einen Bestattungswagen aus Italien an. Er hatte Särge am Bord. Darin waren zwei Leichen syrischer Flüchtlinge auf dem Weg nach Berlin. Dagegen spricht: Die angeblichen Angehörigen, die mittlerweile in Deutschland leben, waren nicht bei der Beerdigung. Die Aktivisten erklären das damit, dass sie wegen der Residenzpflicht, die in vielen Bundesländern für Asylbewerber gilt, nicht anreisen könnten. Kontakt wollen die Aktivisten zum Schutz der Angehörigen nur "ausgewählten Medien" gewähren.

Vorplatz des Kanzleramts soll Friedhof werden

Stimmt es, was die Aktivisten sagen, müssten noch mehr solcher Transporter unterwegs sein. "Wir bestatten weiter", sagt Pelzer. Gipfeln soll die Aktion am Sonntag mit einem Marsch von der Neuen Wache in Berlin zum Bundeskanzleramt. Auf dem Vorplatz der Arbeitsstätte von Angela Merkel wollen die Aktivisten einen Friedhof samt Denkmal ("Den unbekannten Einwanderern") errichten. "In Italien und Griechenland stehen aufgrund der Vielzahl der Opfer des Europaischen Abwehrkrieges keine ausreichenden Bestattungsplätze zur Verfügung. Direkt vor den politischen Entscheidungsträgern ist aber noch genug Platz", heißt es auf der Webseite des ZPS. Die Berliner Polizei bestätigt, dass eine Demonstration geplant ist und dafür auch mehrere Fahrzeuge, darunter ein Bagger angemeldet wurden.

Bereits am Mittwoch will die Künstlergruppe ein Schild vor dem Kanzleramt aufstellen. Drei mal fünf Meter soll es groß sein. Darauf die Worte: "Hier baut die Europäische Union".

Der Weg zum Kanzleramt liegt gewissermaßen nahe. Das ZPS hat Vertreter der Bundesregierung bereits zur Beerdigung in Berlin-Gatow eingeladen und eine Gästeliste veröffentlicht. Sie bauten extra eine Loge für sie auf. Auf den Stühlen standen neben Kanzlerin Merkel auch die Namen von Innenminister Thomas de Maizière, Staatssekretären und diversen Ministerialbeamten, die für die Asylpolitik verantwortlich zeichnen. Die Stühle blieben leer.

Iman Hajjir macht deutlich, dass es aber nicht nur um eine Anklage gegen die Politik geht. In seiner Grabesrede sagt er: "Jeder muss sich fragen: Was habe ich getan?"

Quelle: n-tv.de

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