Politik

Russland stärkt Präsenz in Syrien Türkei: Kannten Nationalität des Jets nicht

RTR3VX86.jpg

Die Abwehr-Raketen vom Typ S-400 (hier bei einer Parade im Moskau) werden nach Syrien verlegt.

(Foto: REUTERS)

Nach dem Abschuss des russischen Kampfflugzeugs durch die Türkei ringen alle Seiten um eine Deeskalation. Das türkische Militär will die Nationalität des Jets gar nicht gekannt haben. Doch auch die Muskelspiele von Moskau, Ankara und Washington gehen weiter.

Das türkische Militär wusste nach eigenen Angaben nicht, dass das an der syrischen Grenze abgeschossene Kampfflugzeug russisch war. "Die Nationalität des Flugzeugs war nicht bekannt und die Einsatzregeln wurden auf automatische Weise angewendet", erklärten die türkischen Streitkräfte. Sie versicherten zudem, sich nach dem Abschuss am Dienstag bemüht zu haben, die Piloten zu finden und zu retten. Demnach kontaktierten sie auch das russische Militär, um ihre Bereitschaft zu "jeder Form der Kooperation" kundzutun.

Bereits zuvor hatte sich die türkische Regierung um Deeskalation bemüht. Präsident Recep Tayyip Erdogan erklärte, die Türkei habe "nicht die Absicht, diesen Zwischenfall hochzuspielen."

R ussland rüstet derweil in Syrien auf. Die Regierung in Moskau kündigte die Verlegung von Boden-Luft-Raketen in das Bürgerkriegsland an. Derweil ringen beide Seiten weiter um die Deutungshoheit der Ereignisse. Parallel dazu mühen sich die Beteiligten und ihre Verbündeten, die Situation nicht eskalieren zu lassen. Ungeachtet der Spannungen setzte die russische Luftwaffe ihre Angriffe über dem syrisch-türkischen Grenzgebiet fort.

Einen Tag nach dem Zwischenfall warf Außenminister Sergej Lawrow der Türkei vor, den Abschuss geplant zu haben. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan pochte derweil auf das Recht seines Landes, die nationale Sicherheit und die "unserer Brüder" zu verteidigen, womit er sich auf Turkmenen in Syrien bezog. In Berlin rief Bundeskanzlerin Angela Merkel zur Besonnenheit auf: "Wir müssen jetzt alles tun, um eine Eskalation zu vermeiden."

Die Bundesregierung treibt die Sorge um, der gerade angelaufene Syrien-Friedensprozess könne scheitern. Seit einigen Wochen verhandeln in Wien erstmals neben den Großmächten auch alle Regionalmächte über eine Lösung des 2011 ausgebrochenen Konflikts. Hauptstreitpunkt ist die Zukunft von Präsident Baschar al-Assad.

Russland rüstet auf

Unterdessen erklärte Russlands Präsident Wladimir Putin, er hoffe, dass die Verlegung des S-400-Raketensystems "zusammen mit anderen Maßnahmen ausreichen wird, unsere Flüge zu schützen". Ministerpräsident Dmitri Medwedew drohte, Wirtschaftsprojekte mit der Türkei zu kippen. Die russische Regierung hat ihre Bürger bereits dazu aufgerufen, auf Türkei-Urlaube zu verzichten. Lawrow sagte einen Türkei-Besuch am Mittwoch ab. Nach türkischen Angaben stimmte er jedoch einem Treffen mit seinem türkischen Kollegen Anfang Dezember am Rande eines OSZE-Treffens in Belgrad zu.

Erdogan beteuerte, sein Land sei an einer Zuspitzung der Lage nicht interessiert. Er warf aber Russland vor, in der syrischen Provinz Latakia nicht IS-Milizen sondern turkmenische Gegner Assads anzugreifen. Erdogan beansprucht eine Rolle als Schutzherr dieser Syrer mit türkischen Wurzeln.

Ankara konterte Politen-Behauptung

Nach wie vor widersprüchliche Darstellungen gab es über den Abschuss des russischen Kampfjets, der einen der schwerwiegendsten Zusammenstöße zwischen einem Nato-Staat und Russland in den vergangenen 50 Jahren darstellt. Der überlebende Pilot des Jets sagte, die türkische Luftwaffe habe keine Warnungen gesendet und er habe auch nicht türkisches Gebiet überflogen.

Dazu veröffentlichte das türkische Militär eine Tonaufnahme, die belegen sollte, dass die russischen Piloten sehr wohl gewarnt worden seien. Zu hören ist eine Stimme, die dazu auffordert, die Richtung zu ändern. Der zweite Pilot und ein russischer Marine-Infanterist waren bei dem Zwischenfall ums Leben gekommen.

In US-Regierungskreisen hieß es, der Jet sei kurz in den türkischen Luftraum eingedrungen, dann aber über Syrien abgeschossen worden. Zudem kritisierte das US-Militär die russische Intervention in Syrien scharf. Das Bombardement sei rücksichtslos, unverantwortlich und unpräzise, sagte der Sprecher der US-geführten Anti-IS-Koalition, Steve Warren. Ein Grund für die hohe Zahl von zivilen Opfern ist nach Einschätzung aus US-Regierungskreisen der Einsatz ungelenkter Bomben im Gegensatz zu Präzisionswaffen.

Wegen Unterstützung der syrischen Regierung würden Strafmaßnahmen gegen die russische Financial Alliance Bank verhängt, teilte das US-Finanzministerium mit. Andere Strafmaßnahmen treffen fünf weitere Institutionen und zwei Personen, die ebenfalls Assad unterstützten. Die USA haben bereits im Zuge des Ukraine-Konflikts Sanktionen gegen Russland verhängt.

Quelle: ntv.de, bdk/dpa/AFP