US-Wahl 2020

Epischer Showdown in den USA Wut und Versöhnung plötzlich nah beieinander

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Egal wie es ausgeht, die Aktivisten in Manhattan sind nicht zufrieden.

(Foto: Roland Peters)

Der entscheidende Tag der US-Wahl beginnt - zumindest was die Stimmenauszählung betrifft. Biden sieht sich schon als Sieger. Trump zieht andere Register. Am Trump Tower sind sich die Emotionen ganz nah.

Die Megafon-Sirene heult über den kleinen Platz. "Es ist völlig egal, ob Biden gewinnt", regt sich ein vermummter junger Mann auf. "Wir leben in keiner Demokratie!" Er lese viele ausländische Medien, erläutert er der Menge, und diese fragten zu Recht, wie es im Jahr 2020 noch immer solche Wahlunterdrückung geben kann, vor allem in den Südstaaten.

Am Mittwochabend Ortszeit haben sich "Black Lives Matter"-Aktivisten nahe des Trump Towers in Manhattan versammelt. Die Redner beschweren sich wütend über die Vorherrschaft der Weißen im Land, über die Polizei und die Macht des Geldes. Und darüber, dass Biden und Trump beide keine gute Wahl seien. Ihre Zuhörer recken die Fäuste in die Luft.

Es sieht derzeit danach aus, als würde Joe Biden die US-Präsidentschaftswahl knapp gewinnen. Äußerst knapp. Bei all dem, was rund um die Wahl geschieht, wird etwas zur Randnotiz: Trotz Corona und all dem Zweifel an der Briefwahl gab es eine Rekordbeteiligung. Biden hat eine nie zuvor erreichte Zahl von mehr als 70 Millionen Stimmen auf sich vereinigt. Was wäre gewesen, wenn alle Briefwahlstimmen ihr Ziel erreicht hätten? Es ist derzeit nicht klar, wie viele liegen geblieben oder zu spät zugestellt worden sind.

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Auf der Fifth Avenue bringt sich eine Polizeikette in "Riot Gear" in Stellung. Die Polizisten beobachten die Kundgebung aus sicherer Entfernung und wirken wachsam. Das Police Department hat die Straße am Trump Tower großzügig mit Wellenbrechern, Fahrzeugen und weiteren Polizisten abgesperrt. Auf der anderen Seite der Menge stehen Fahrradpolizisten; Teil einer Spezialeinheit, die eigens für die Wahl gegründet wurde. Gewinnt Trump, könnte sich die Wut auf den Straßen entladen. Viele Geschäfte in New York haben ihre Schaufenster verbarrikadiert.

Nervenaufreibendes Schneckenrennen

Erobert Biden die "blaue Mauer" zurück - neben den Bundesstaaten Wisconsin und Michigan im Mittleren Westen gehört auch Pennsylvania dazu -, wird die Wut eher woanders aufkommen. Lange Zeit lag Biden deutlich hinten, doch er holte immer weiter auf. Es ist ein nervenaufreibendes Schneckenrennen um die Stimmen, das vermutlich im Laufe des Donnerstags entschieden wird.

Als US-Medien am Mittwoch Bidens Sieg in Wisconsin und einige Stunden später auch Michigan prognostizieren, wird der Weg für Biden ins Weiße Haus bereits sehr breit. Der US-Humorist und Dokumentarfilmer Michael Moore, der aus Michigan kommt, jubelt auf Facebook: "Trumps Waterloo. Wir haben uns rehabilitiert." Der Republikaner hatte den Bundesstaat vor vier Jahren noch knapp für sich entschieden. Es war einer der Bausteine für seinen Gesamtsieg über Hillary Clinton.

Trumps Wahlkampfteam reicht am Mittwoch Klagen ein, um die zu Ungunsten des Präsidenten voranschreitenden Stimmauszählungen zu stoppen. In Wisconsin will er dagegen eine Neuauszählung erreichen. Irgendwann wird deutlich, dass der Präsident nur noch zwei Möglichkeiten auf eine Wiederwahl hat: Entweder er gewinnt die noch ausstehenden Staaten Pennsylvania, North Carolina und Georgia sowie entweder Arizona oder Nevada. Oder ein Gericht stoppt die Auszählungen, damit Biden nicht weiter aufholt. Die noch nicht gezählten Stimmen kommen vor allem aus demokratischen Hochburgen.

Tumult in Detroit

Die sich ankündigende Niederlage wollen manche Republikaner nicht akzeptieren. In der demokratischen Hochburg Detroit, die in Michigan liegt, versuchen Dutzende Menschen, die Auszählung zu verhindern, da sie Betrug wittern. Die Polizei stoppt sie am Eingang der Mehrzweckhalle, in der die Stimmen gezählt werden. Ohnehin waren schon Wahlbeobachter beider Parteien im Raum, berichtet die "Detroit Free Press". Trump hatte monatelang immer wieder behauptet, er könne nur durch Betrug verlieren. Auch jetzt macht er das, was er häufig getan hat in den vergangenen Jahren: Bei negativen Nachrichten suggeriert er vermeintliche Verschwörungen gegen sich.

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Biden und seine Mitarbeiter sind ziemlich sicher, dass sie gewinnen werden. Die Zahlen aus den Wahlkreisen sehen gut für sie aus. Ihre Website für den Regierungswechsel haben sie schon ins Netz gestellt: buildbackbetter.com, besser wieder aufbauen. Als Hauptprobleme des Landes werden dort die Pandemie, die Wirtschaftskrise, der Klimawandel und Rassismus aufgeführt. Biden kündigte bereits an, er wolle ein Präsident für alle US-Amerikaner sein, versuchen, das Land wieder zu versöhnen.

Nahe des Trump Tower in New York reißt sich ein Sprecher energisch seinen Mund-Nasen-Schutz herunter. "Ich verstecke mich nicht länger!" Die Zukunft liege an jedem selbst, mahnt er die Zuhörer, nicht an den anderen. Auch Biden werde die Probleme nicht lösen. Politiker wie Trump würden gewinnen, weil alle an sich selbst denken und in die eigene Tasche wirtschaften. "Macht stattdessen etwas für die Menschen in eurem Viertel. Schenkt ihnen eine Stunde pro Tag oder pro Woche!" Die Wut und die Versöhnung, die liegen in diesen Stunden offen beieinander.

Quelle: ntv.de