Politik

Zwei Jahre Deutschlandreise Und es ist doch nicht alles schlecht

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Hier wächst zwar nicht Europas größtes Handelszentrum in die Höhe, dafür aber jede Menge Gras und Unkraut.

(Foto: Julian Vetten)

Während die Städte verstopfen, blutet die Fläche aus: Zukunftsprognosen sorgen selten für gute Laune. Dabei gibt es auch abseits der Metropolen viele Positivbeispiele, die Mut machen. Wir blicken zurück auf ein spannendes Jahr.

Der Blick zurück ist etwas, was uns heutzutage nur noch selten vergönnt ist: zu schnell die Zeiten, zu getrieben wir selbst. Das ist schade, schließlich können wir nicht nur eine ganze Menge aus dem Erlebten lernen, oft zeigt sich in der Retrospektive auch, dass die vielen kleineren und größeren Geschichten, die sich überall und jeden Tag zutragen, auf erstaunliche Art und Weise miteinander verbunden sind. So wie bei unserer "Deutschlandreise", für die wir bereits das zweite Jahr in Folge zwölf Monate lang kreuz und quer durch die Bundesrepublik gereist sind, um auch abseits der Großstädte und unabhängig von schlagzeilenträchtigen Katastrophen oder großen Ereignissen nach Geschichten zu suchen, die es wert waren, aufgeschrieben zu werden.

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Die Peene-Werft in Wolgast: Hier werden bzw. wurden die Patrouillenboote für die Saudis produziert.

(Foto: Julian Vetten)

Gefunden haben wir davon eine ganze Menge, auch wenn der Exportstopp von Patrouillenbooten an die Saudis, die unglückselige Liaison einer mecklenburgischen Stadt mit einem megalomanischen Investor aus China und eine Open-Air-Theateraufführung im Allgäu auf den ersten Blick wenig bis nichts miteinander zu tun haben. Aber so unterschiedlich die Ausgangslagen für die jeweiligen Recherchen auch waren, so deutlich führten sie alle an der ein oder anderen Stelle zwangsläufig zur Grundfrage zurück: Was macht das Leben auf dem Land lebenswert - und welche Faktoren sorgen dafür, dass es auch so bleibt? Nicht jede der von uns besuchten Kommunen und Städte hat darauf eine zufriedenstellende Antwort, und nicht jede Antwort fällt gleich aus - spannend und lehrreich waren die Besuche aber allesamt. Um zu verstehen, was wir 2019 gelernt haben, müssen wir aber zunächst einen Schritt zurücktreten und die Lage von oben betrachten.

"Der Wandel kommt"

Alle vier Jahre veröffentlicht das Forschungsinstitut Prognos den sogenannten "Deutschland-Report", der eine Langzeitprognose zur Zukunft der deutschen Gesellschaft und Wirtschaft geben will. Im vergangenen Jahr fiel der Ausblick bis 2045 düster aus: Während die Städte verstopfen, blutet die Fläche aus - so die Kurzfassung. In einer Studie des RWI-Instituts für Wirtschaftsforschung ist dann auch zu lesen, dass seit Beginn des neuen Millenniums pro Jahr im Schnitt 250.000 Menschen mehr aus dem ländlichen Raum in die Städte zogen als von dort kamen - der Aderlass wird noch durch den Umstand verschärft, dass ein Gros der Zuzügler junge und gut ausgebildete Menschen sind. "Der demografische Wandel kommt. Er lässt sich gestalten, aber nicht wegreformieren", schreiben die Prognos-Forscher dazu.

Mit den Herausforderungen des demografischen Wandels und einer zunehmenden Landflucht wird zwar über kurz oder lang die gesamte Bundesrepublik zu kämpfen haben, Grund zur Panik ist das aber noch lange nicht - lediglich eine Frage der Perspektive. Die alten Industriehochburgen im Westen sowie fast der gesamte Osten kämpfen schließlich bereits seit drei Jahrzehnten gegen die Erosion ihrer Bevölkerungsstruktur und haben heute mehr oder weniger kreative Lösungen gefunden, damit umzugehen: Wer aufmerksam genug hinschaut, kann viel lernen und im Nachgang vielleicht einige der schmerzhaften Lektionen vermeiden.

Infrastruktur

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Der Eurocity aus Prag hält alle zwei Stunden in Ludwigslust - nachmittags herrscht vergleichbare Ruhe auf dem Bahnhof.

(Foto: Julian Vetten)

Im mecklenburgischen Ludwigslust lässt sich sehr gut ablesen, wie entscheidend eine gut ausgebaute Infrastruktur für die Überlebensfähigkeit ländlicher Regionen ist: Die 12.500-Einwohner-Stadt liegt an der vielbefahrenen ICE-Strecke zwischen Berlin und Hamburg, im günstigsten Fall brauchen Reisende gerade mal 42 Minuten von Ludwigslust bis zum Hamburger Hauptbahnhof. Deshalb wohnen auch heute noch fast genauso viele Menschen wie 1990 im "Versailles des Nordens", obwohl die Stadt wie so viele andere nach der Wende mit einer langanhaltenden strukturellen Arbeitslosigkeit zu kämpfen hatte.

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Das wuchtige Barockschloss ist das Ludwigsluster Wahrzeichen.

(Foto: Julian Vetten)

Eine Zeitlang pendelte das Gros der arbeitenden Bevölkerung deshalb zum Arbeiten nach Hamburg und konnte es sich dadurch leisten, weiter im Grünen zu wohnen. Mittlerweile ist die Arbeitslosenquote zwar bei sehr entspannten 5,3 Prozent angekommen, ein Ende des Pendelns ist aber nicht in Sicht, ganz im Gegenteil: "Die Preisexplosion in den Metropolen führt hoffentlich dazu, dass der eine oder andere sich dafür interessiert, hier bei uns zu wohnen und in Hamburg zu arbeiten", sagt Bürgermeister Reinhard Mach. Eine verkehrte Welt, die in infrastrukturell ähnlich gut versorgten Regionen auf dem Land Schule machen könnte.

Zusammenhalt

Nun hat beileibe nicht jede Gegend in Deutschland das Glück, so gut angebunden zu sein wie Ludwigslust. Der 5000-Seelen-Ort Altusried im Allgäu etwa ist nur mit dem eigenen Auto oder sehr mühsam per Bus zu erreichen. Mit Entvölkerung haben die Altusrieder aber trotzdem nicht zu kämpfen, ganz im Gegenteil, dem Marktflecken geht es gut. Das Rezept der Altusrieder heißt Zusammenhalt, der ist hier größer als anderswo - und das kommt nicht von ungefähr, sondern vom Theater: Rund 500 Menschen aus der ganzen Gemeinde machen alle drei bis vier Jahre bei den Sommerfestspielen mit, über eine Million Besucher sahen ihnen seit dem Bau der Freilichtbühne vor 20 Jahren bereits zu.

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Malerisch: Bei gutem Wetter kann man von Altusried die Allgäuer Alpen sehen.

(Foto: imago/Kickner)

Doch der Erfolg ist für die meisten Altusrieder Nebensache, wichtiger ist den Laienschauspielern, die allesamt ihren Sommerurlaub dem Theater opfern und ehrenamtlich mitspielen, das Miteinander: "Bei den Freilichtspielen ziehen alle an einem Strang, vom Hilfsarbeiter bis zum Bürgermeister. Im Theater gibt's keine Unterschiede", sagt etwa Spielersprecherin Anneliese Amann. Der Stolz auf die gemeinsam erbrachte Leistung und das Miteinander ist es, was Jung und Alt zusammenbringt - und in einigen Fällen auch zum Bleiben bewogen hat. In Zeiten, in denen sich die Menschen auch im ländlichen Raum immer mehr in ihre Filterblasen zurückziehen, scheinen sinnstiftende und gemeinschaftsbildende Ehrenämter wie das Freilichtspiel genau das richtige Gegengewicht zu sein.

Zukunft

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Das Veritas-Werk erinnert an das industrielle Erbe Wittenberges.

(Foto: imago images / Hohlfeld)

Während das Theater die Altusrieder schon seit Generationen verbindet, sucht eine Kleinstadt am anderen Ende Deutschlands gerade nach einer neuen Identität: Wittenberge. "Gerade um die Jahrtausendwende war die Grundstimmung: Wenn man was werden will, muss man raus aus der Stadt", fasst Bürgermeister Oliver Hermann die Probleme der Stadt nach der Wiedervereinigung zusammen. Heute haben die verbliebenen 17.000 Einwohner jede Menge Platz - und schauen mit neuem Mut in die Zukunft.

In der brandenburgischen Kleinstadt kommen gerade aber auch viele Dinge zusammen, die optimistisch stimmen: Weil Berlin und Hamburg immer voller werden, sucht eine wachsende Zahl junger und gut ausgebildeter Menschen nach alternativen Lebensmodellen. Und Dank der Digitalisierung hat diese Generation zum ersten Mal die Möglichkeit, im Prinzip von überall aus arbeiten zu können - womit Wittenberge zu einer echten Option wird. Dass Wittenberge den Digitalarbeitern den roten Teppich ausrollt und sehr aufgeschlossen gegenüber frischen Konzepten ist, macht die Stadt zu einem der spannendsten Gradmesser für mögliche Entwicklungen der kommenden Jahre. Wir bleiben in jedem Fall dran und freuen uns auf ein spannendes Jahr 2020.

Quelle: ntv.de

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