Politik

Salah und Ibrahim Abdeslam Und wieder ein Geschwisterpaar des Terrors

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Salah Abdeslam wird per internationalem Haftbefehl gesucht. Eine Aufnahme seines toten Bruders Ibrahim gibt es nicht.

(Foto: REUTERS)

Mit Salah und Ibrahim Abdeslam sind zwei Brüder in die Terrorattacken von Paris verstrickt. Wie bei der Attacke auf "Charlie Hebdo" und wie bei dem Bombenattentat von Boston. Was steckt hinter diesem Phänomen?

Europas Sicherheitsbehörden jagen einen Mann: Salah Abdeslam. Der 26-Jährige soll einer der Attentäter von Paris sein - er ist nach derzeitigem Kenntnisstand der letzte Überlebende von acht Terroristen. Und er hat einen in diesen Tagen mindestens ebenso prominenten Bruder: Ibrahim, der Mann, der sich vor der Bar "Comptoir Voltaire" im 11. Arrondissement von Paris in die Luft sprengte.

Die Spuren der beiden führen nach Belgien. Salah und Ibrahim wachsen gemeinsam im Brüsseler Vorort Molenbeek-Saint-Jean auf. Ein sozialer Brennpunkt, hier leben viele Migrantenfamilien. Ein dritter Bruder der beiden, Mohamed, wird wenige Stunden nach der Terrorserie in Gewahrsam genommen und kurz darauf freigelassen. Ihm ist derzeit kein Zusammenhang zu den Taten nachzuweisen.

Mohamed Abdeslam gibt ein Interview. Er sagt: "Wir sind eine Familie, wir sind eine offene Familie, wir hatten niemals Probleme mit der Justiz." Seine Eltern stünden unter Schock: "Sie können noch gar nicht verstehen, was da passiert ist." Erste Einblicke in eine Familie, die so normal, wie Mohamed Abdeslam es darstellt, ganz offenbar nicht ist.

Ibrahim, der Ältere der beiden, stand in engem Kontakt mit Abdelhamid Abaaoud, dem mutmaßlichen Drahtzieher der Anschläge. Salah wird als "gefährlich" beschrieben und hat eines der Autos gemietet, mit dem die Terrortrupps ihre mörderische Tour durch Paris antraten.

Liegt Radikalismus in der Familie?

Vieles spricht dafür, dass Salah und Ibrahim gemeinsam den Weg der Radikalisierung gegangen sind. Und sie sind ein weiteres Beispiel für ein Phänomen, das schon seit vielen Jahren zu erkennen ist: Terrorismus ist in vielen Fällen eine Familienangelegenheit.

Die beiden Maskierten, die am 7. Januar 2015 ein Massaker in der Redaktion der Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" verübten, waren die Brüder Said und Chérif Kouachi. Die beiden Männer, die im April 2013 am Rande des Boston-Marathons eine Bombe zündeten, waren die Brüder Dschochar und Tamerlan Zarnajew. Das sind nur die prominentesten Stellvertreter diese Erscheinung.

Solche Fälle gibt es in extremistischen Szenen häufig. Der "Guardian" berichtet, schon vor zehn Jahren hätte eine Studie des US-Militärgeheimdiensts ergeben: Einen radikalen Islamisten in der Familie zu haben, ist der wichtigste Einflussfaktor bei der späteren Radikalisierung junger Männer.

"Es ist nicht selten so, dass Geschwister sich gemeinsam radikalisieren", sagt Thomas Mücke n-tv.de. Sein "Violence Prevention Network" hat Tag für Tag mit jungen Männern zu tun, die in die islamistische Szene abgleiten. "Die Lebensumstände, die zu einer solchen Entwicklung geführt haben, sind bei Geschwistern meistens sehr ähnlich." Gerade, wenn es im Elternhaus Probleme gibt, halten Brüder oft zusammen: "Hass und Ablehnung entstehen auch in der eigenen Familienbiografie", sagt Mücke. Bei Geschwistern komme es oft zu einem gegenseitigen Verstärken der Radikalisierung.

Rekrutierung im engen Umfeld

Tatsächlich zeigen das auch viele Beispiele von Syrien-Reisenden: Fast alle unternehmen diese Reisen mit engen Freunden oder Familienmitgliedern. Oder sie holen ihre Geschwister nach. Abdelhamid Abaadoou, der Terrorplaner von Paris, holte im Januar 2014 seinen kleinen Bruder Younes zu sich nach Syrien. Der IS-Propaganda dient er als perfides Maskottchen: Sie bezeichnet den damals 13-Jährigen als "den jüngsten Dschihadisten der Welt".

Wie häufig Geschwister im Dschihad eine Inspiration für westliche Gotteskrieger sind, zeigt eine Untersuchung des US-Thinktanks New America. Demnach haben mehr als ein Viertel derjenigen, die vom Westen aus in den Dschihad ziehen, eine familiäre Verbindung zu jemandem, der bereits in Syrien oder im Irak kämpft.

Und das ist nur logisch: Denn die Rekrutierung in Europa findet im engen Umfeld der jungen Männer statt, die aus verschiedensten Gründen verführbar sind. Durch Freunde, in Moscheen, häufig im Gefängnis durch Zellengenossen - oder eben durch den eigenen Bruder. "Bei Radikalisierungsprozessen beobachten wir immer wieder, dass Extremisten - egal welcher Richtung - erst einmal versuchen, Familienangehörige zu überzeugen. Dann versuchen sie es in der erweiterten Familie und erst dann bei den Freunden", sagt Mücke.

Quelle: n-tv.de

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