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Wie ein Todesurteil für Flüchtlinge WFP stellt Lebensmittelhilfe für Syrer ein

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Jede nur möglich Behausung dient den syrischen Flüchtlingen als Unterschlupf für den nahenden Winter.

(Foto: nsc)

Das Überleben von mehr als drei Millionen syrischen Bürgerkriegsflüchtlingen sicherte bisher vor allem das "World Food Programme" der UN. Nun ist das Geld alle. Zum Beginn des Winters droht hunderttausenden Heimatlosen in Syriens Nachbarländern eine Katastrophe.

Das Welternährungsprogramm (WFP) gibt seine Lebensmittelhilfe für syrische Flüchtlinge auf. Das hat die Unterorganisation der Vereinten Nationen bekanntgegeben. Der Grund sei, dass das Geld für die Lebensmittelmarken fehle, teilte das WFP mit. Allein in diesem Monat würden 64 Millionen Dollar benötigt, um 1,7 Millionen bedürftige Syrer im Libanon, in Jordanien und in der Türkei zu versorgen.

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Ein Gemüsestand, der den Flüchtlingen bald nicht mehr zum Einkauf dienen wird, weil sie keine Lebensmittelmarken mehr bekommen.

(Foto: nsc)

Ohne die Gutscheine, für die in Geschäften Lebensmittel erworben werden konnten, müssten "viele Familien hungern", warnte WFP-Direktorin Ertharin Cousin. "Das könnte zu weiteren Spannungen und zu Instabilität in Syriens Nachbarländern führen, die Flüchtlinge aufgenommen haben." Viele Geberländer hätten zugesagte Gelder nicht überwiesen, beklagte sie. Der Chef des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR, António Guterres, rief die internationale Gemeinschaft dazu auf, mit weiteren Hilfszahlungen das Gutscheinsystem des WFP am Leben zu erhalten.

Ohne Lebensmittelhilfe ist zu Beginn des Winters das Überleben zehntausender syrischer Flüchtlinge in den Nachbarländern Syriens akut bedroht. Offiziell sind im Libanon 1,13 Millionen, in Jordanien 622.000 und in der Türkei 1,06 Millionen Syrer beim UN-Flüchtlingshilfswerk registriert. Die tatsächlichen Zahlen dürften aber deutlich darüber liegen.

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Dieser Wagen bringt Flüssiggas in das Lager, damit die Menschen dort Kochen und teilweise auch mal Heizen können.

(Foto: nsc)

Besonders im Libanon ist die Situation bedrohlich. Dort gibt es keine größeren offiziellen Flüchtlingscamps wie in Jordanien mit zentral gesteuerter Versorgung. Die geflohenen Syrer leben im ganzen Libanon verteilt überall dort, wo sie Platz gefunden haben. Neben beinahe jedem Feld steht eine Ansammlung von improvisierten Zelten, auch Bauruinen und alte Ställe dienen als Unterschlupf. Diese Menschen mit dem nötigsten zu versorgen, war schon bisher eine ungekannte Herausforderung für die Hilfsorganisationen, da viele auch nicht registriert sind.

Humanitäre Katastrophe in den Bergen

In den Gebirgsregionen ist die Situation schon jetzt katastrophal. Die Temperaturen erreichen tagsüber mitunter noch zweistellige Werte, doch nachts ist es gerade in den Tälern bitterkalt. In den vergangenen Wochen hat es überdurchschnittlich viel geregnet, in vielen Camps waten die Menschen nur noch im Schlamm. Die maroden Zelte sind nicht wasserdicht, die Feuchtigkeit dringt von allen Seiten in die einfachen Behausungen. Weil die Zelte gar nicht mehr trocken werden, sind viele schon von Schimmel befallen. Neben Lebensmitteln fehlt es an warmer Kleidung – die Hälfte der Kinder trägt noch Gummischlappen und hat nicht einmal Strümpfe – und Heizmaterial.

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Das muss man sich als typisches Winterschuhwerk von Kindern vorstellen, die in den Gebirgslagern ausharren.

(Foto: nsc)

Manche Gegenden in Grenznähe wurden von den UN-Organisationen in den vergangenen Monaten aufgegeben, weil sie wegen ihrer eigenen Sicherheitsrichtlinien dort nicht mehr arbeiten konnten. Einer der schlimmsten Orte für syrische Flüchtlinge im Libanon ist Arsal, eine 40.000-Einwohner-Stadt wenige Kilometer von der syrischen Grenze entfernt. Dort leben nach unbestätigten Angaben etwa doppelt so viele syrische Flüchtlinge.

Nahezu alle Syrer in Arsal sind auf UN-Hilfe angewiesen, doch die kommt nur noch spärlich an. Bisher jedoch fanden zumindest hin und wieder die Lebensmittelmarken über lokale Nichtregierungsorganisationen ihre Empfänger. Infolge des ersten Nachtfrosts sind in der vergangenen Woche bereits zwei Kinder gestorben. Ein etwa acht Jahre altes Mädchen erfror laut "Daily Star" in Schlaf, ein Neugeborenes starb an einer Infektion am Bauchnabel. Die eisige Umgebung hatte demnach dazu beigetragen, dass das kleine Mädchen trotz ärztlicher Behandlung nicht durchkam.

Einheimische stehen Syrern zunehmend feindlich gegenüber

Die Situation in Arsal ist besonders schwierig, weil die Flüchtlinge dort die Stadt nicht einmal verlassen können. Das libanesische Militär hat alle Eingänge abgeriegelt, weil IS- und Nusra-Milizen von Syrien kommend die Stadt im August kurzzeitig erobert hatten. Die libanesischen Streitkräfte schlugen sie nach blutigen Kämpfen in die Flucht. Doch die Situation bleibt angespannt. Noch immer hält die Nusra-Front 26 libanesische Soldaten gefangen.

Doch auch in etwas weniger lebensfeindlicher Umgebung sind hunderttausende syrische Flüchtlinge auf die Hilfe internationaler Organisationen angewiesen. Die Bevölkerungen der Aufnahmeländer sind den Syrern gegenüber zunehmend ablehnend bis feindlich gesinnt. Der libanesische Staat etwa gibt keinerlei Geld für Hilfsprogramme aus, da das Land infrastrukturell und innenpolitisch ohnehin kurz vor dem Kollaps steht. Jordanien schreibt Hilfsorganisationen eine Quote vor, nach der sie 50 Prozent ihrer Mittel für die jordanischen Aufnahmegemeinden ausgeben müssen. Mit dem Wegfall des größten Programms für Lebensmittelhilfe steht den heimatlosen Syrern ein Winter bevor, der katastrophale Folgen haben könnte.

Quelle: n-tv.de

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