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Merkel, Snowden und ein Guerillero Das sind die Friedensnobelpreis-Favoriten

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(Foto: picture alliance / dpa)

Wer bekommt den begehrten Friedensnobelpreis? Die Zahl der Anwärter ist in diesem Jahr besonders groß, selbst Donald Trump steht auf der Kandidatenliste. Am Ende könnte es wieder eine Überraschung geben.

Das Komitee für den Friedensnobelpreis hat in diesem Jahr eine besonders große Auswahl: Offiziell wurden 376 Kandidaten nominiert - 228 Personen und 148 Organisationen. Freitag Vormittag wird die Jury in Oslo ihren Favoriten nennen.

Der Friedensnobelpreis

Der Friedensnobelpreis wird jedes Jahr am 10. Dezember, dem Todestag von Alfred Nobel, in Oslo verliehen. Wer auf der Kandidaten-Liste steht, wird grundsätzlich nicht verraten, auch wenn gelegentlich Namen durchsickern. Nicht jeder darf Kandidaten nominieren; berechtigt sind unter anderem Mitglieder der Parlamente und Regierungen, Universitätsrektoren, Politik- und Geschichtsprofessoren und ehemalige Preisträger.

Für Michael Brzoska, Professor am Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg, steht dieser schon fest: "Die besten Chancen haben diejenigen, die den kolumbianischen Friedensprozess ausgehandelt haben: der kolumbianische Präsident Juan Manuel Santos und der Chef der linken Farc-Guerilla, Rodrigo Londono Echeverri", sagt er n-tv.de. Die beiden Kolumbianer hatten sich im Sommer auf ein Abkommen geeinigt, das den Beginn einer neuen Ära markieren sollte. Nach mehr als fünf Jahrzehnten Krieg, mehr als 220.000 Toten und Millionen Vertriebenen sollte künftig Frieden einkehren. Allerdings gibt es ein Manko: Eine hauchdünne Mehrheit der Kolumbianer lehnte das Abkommen Anfang Oktober in einem Referendum ab.

Deshalb ist es für einige Beobachter fraglich, ob Santos und "Timochenko", wie der Guerilla-Chef auch heißt, den Preis tatsächlich bekommen werden. Hätten die Kolumbianer den Vertrag angenommen, hätte das wohl kein anderer Kandidat übertreffen können, glaubt der norwegische Historiker Asle Sveen. "Das wäre ein klassischer Friedensnobelpreis." Jetzt steht dem Land allerdings wieder eine ungewisse Zukunft bevor – wobei für Brzoska das Engagement der beiden Kolumbianer nach wie vor preiswürdig bleibt. Es könnte auch sein, dass die Nobelpreis-Jury schon vor dem Referendum über den Kandidaten für den Preis abgestimmt hat. Dann wäre die Wahl nicht mehr anfechtbar.

Neben den Kolumbianern werden auch noch zwei Männer als heiße Kandidaten gehandelt: Ernest Moniz und Ali Akbar Salehi. Der US-Energieminister und der Chef der iranischen Atombehörde, die gleichzeitig am Massachusetts Institute of Technology in den USA waren, haben das Atomabkommen zwischen den westlichen Mächten und dem Iran ausgehandelt. "Trotz der Unterschiede und des lang andauernden Grolls zwischen ihren beiden Ländern" hätten sie als Chefunterhändler eine Einigung erreicht, lobt der Direktor des Friedensforschungsinstituts Prio, Kristian Harpviken. Das Nuklearabkommen vom Juli 2015 ist für ihn neben dem kolumbianischen Friedensvertrag "eine der bemerkenswertesten diplomatischen Leistungen in jüngster Zeit". Tatsächlich haben sich in der Folge die Spannungen zwischen dem Westen und dem Iran reduziert, es gibt wieder diplomatische Kontakte und einen Aufschwung der Handelsbeziehungen.

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Die USA wollen Edward Snowden wegen Geheimnisverrats anklagen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Ein Geheimfavorit ist in diesem Jahr für manche auch der Whistleblower Edward Snowden, der erst 2014 den Alternativen Nobelpreis bekommen hat. Der ehemalige US-Agent hatte ein Jahr zuvor die Überwachungsmethoden des Geheimdienstes NSA öffentlich gemacht. Dies sei ein unbestreitbarer Verdienst, meint Friedensforscher Harpviken vom Institut Prio, das seit 2002 jährlich eine Shortlist der aussichtsreichsten Kandidaten veröffentlicht. Brzoska ist da allerdings skeptisch: "Ein Friedensnobelpreis für Snowden würde mich sehr überraschen", sagt er. Er glaube nicht, dass sich das Nobelpreiskomitee im Bereich der Datensicherheit für kompetent halte, außerdem gebe es viele andere Organisationen und Menschen, die durchaus preiswürdig seien.

Eine dieser Organisationen sind die Weißhelme in Syrien. Die rund 3000 Freiwilligen, die für die Organisation arbeiten, retten in dem Bürgerkriegsland Verschüttete nach Bombenangriffen aus den Trümmern - oft unter Einsatz ihres eigenen Lebens. Mit den Hollywoodstars George Clooney und Ben Affleck haben sie prominente Unterstützer. Dass sie allerdings tatsächlich den Preis bekommen, glaubt Brzoska nicht. Auch wurden die Weißhelme erst im September mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet. Das Nobelpreiskomitee habe zwar schon Leute geehrt, die den Preis erhalten hätten, aber im selben Jahr sei das eher unwahrscheinlich. "Da gibt es offensichtlich eine kleine Konkurrenz." Und noch etwas spricht seiner Ansicht nach gegen die Weißhelme: Da man nicht wisse, wie der Konflikt in Syrien weitergehe, glaubt er nicht, dass sich das Nobelpreiskomitee im Moment exponieren will – zumal die Weißhelme eher auf der Seite der gemäßigten Regierungsgegner stehen.

Flüchtlinge und Menschenrechte im Fokus

Es kann auch durchaus sein, dass das Nobelpreiskomitee in diesem Rekordjahr, in dem weltweit mehr als 65 Millionen Menschen auf der Flucht sind, ein besonderes Zeichen setzt und Flüchtlingshelfer auszeichnet. So gilt das UNHCR, das schon zweimal den Friedensobelpreis bekommen hat, ebenso als Favorit wie die Internationale Organisation für Migration. Sogar die Bewohner der griechischen Ägäis-Inseln sind für den Preis im Gespräch und die Russin Swetlana Gannuschkina. Die Menschenrechtsaktivistin setzt sich in Russland seit 1990 unter anderem für die Rechte von Flüchtlingen und Asylsuchenden ein und hat nach Angaben der Stiftung mehr als 50.000 von ihnen rechtliche Unterstützung, humanitäre Hilfe und Bildung ermöglicht. Es wäre seit Michail Gorbatschow im Jahr 1990 der erste Nobelpreis, der wieder nach Russland ginge, und er würde zugleich die Aufmerksamkeit auf die problematische Menschenrechtslage in Russland ziehen. Allerdings gilt für Gannuschkina das Gleiche wie für die Weißhelme: Sie wurde bereits in diesem Jahr mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet.

Wegen ihres Engagements für Flüchtlinge könnte auch eine Frau ausgezeichnet werden, die im vergangenen Jahr die Favoritenliste mit angeführt hatte: Bundeskanzlerin Angela Merkel. "Das war schon ein großes Zeichen, was sie da gesetzt hat", sagt Brzoska. Allerdings hat sich inzwischen die deutsche Flüchtlingspolitik geändert und "irgendwann ist die Zeit auch abgelaufen". Das Gleiche gilt ihm zufolge auch für Papst Franziskus, der sich viel für Flüchtlinge und auch den kolumbianischen Friedensprozess eingesetzt hat. Und nicht zuletzt: "Von einem Papst kann man dieses Engagement eigentlich auch erwarten."

Daneben gibt es noch eine ganze Reihe anderer möglicher Kandidaten: Unter ihnen sind unter anderem Vorkämpfer gegen sexuelle Gewalt wie der kongolesische Gynäkologe Denis Mukwege und der Verhandlungsführer des Klimaabkommens von Paris, der französische Außenminister Laurent Fabius. Auch die Regierung der Marshallinseln, die für ein Verbot von Atomwaffen kämpft, und der südafrikanische Chefankläger im Jugoslawientribunal Richard Goldstone sind im Gespräch.

Bei einem Nominierten, den ein US-Politiker wegen seiner "Ideologie der Stärke als Abschreckung gegenüber dem radikalen Islam, dem IS, dem nuklearen Iran und dem kommunistischen China" vorgeschlagen haben soll, dürften die Chancen allerdings gen null tendieren: bei dem US-Präsidentschaftskandidaten Donald Trump. Der "Hassprediger", wie ihn Außenminister Frank-Walter Steinmeier nannte, fiel bisher vor allem durch rigorose Äußerungen zu Flüchtlingen und Muslimen auf. Letztlich, so erklärt es Brzoska diplomatisch, hat das Friedensnobelpreiskomitee doch "eher den klassischen Weg zum Frieden im Auge".

Auch wenn Trump mit Sicherheit nicht den Friedensnobelpreis erhalten wird, eines ist doch klar: Überraschungen sind beim Nobelpreiskomitee immer möglich.

Quelle: n-tv.de

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