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Rostock testet, was möglich ist "Wir können nicht immer nur abwarten"

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Zwei von 777 getesteten Fans, die im Ostsee-Stadion ein Spiel von Hansa Rostock sahen - im ersten Profispiel vor Publikum seit fünf Monaten.

(Foto: imago images/Fotostand)

Als erster Profiverein spielte Hansa Rostock vor einer Woche im heimischen Ostseestadion vor 777 getesteten Fans gegen den FC Halle. Kein Problem, weil auch in der Stadt selbst die Sieben-Tage-Inzidenz konstant um 20 lag. Erreicht durch eine agile Corona-Strategie: schnelle Nachverfolgung, scharfe Kontrollen und nun auch viele Tests. Das erlaubt Lockerungen. Fahrstunde, Massagetermin, Zoobesuch - all das ist in Rostock ohne weiteres möglich. Solch einen Erfolg kann jede Kommune erreichen, heißt es vom Bund, und darin schwingt ein Vorwurf mit. So einfach ist es nicht, widerspricht Rostocks Linke-Gesundheitssenator Steffen Bockhahn.

ntv.de: Rostock meldet heute eine Sieben-Tage-Inzidenz von 51,1. Vor fünf Tagen lagen Sie noch bei 17. Was jetzt?

Bockhahn: Wir haben aktuell die höchsten Werte, die wir je hatten. Das macht mich nicht panisch, aber es ist der klare Hinweis darauf, dass diejenigen, die sagen, wir müssen mit Öffnungen vorsichtig sein, nicht völlig ahnungslos sind. Wir spüren, dass das Virus stärker um sich greift.

Die Verschärfungen, die Ministerpräsidentin Manuela Schwesig gestern für Mecklenburg-Vorpommern angekündigt hat, gelten für Rostock erst zeitverzögert, ab Mitte April. Warum nicht gleich scharf gegensteuern?

Wenn man sonst permanent bei Inzidenz 20 liegt, wie wir bislang, wird man schon hellhörig, wenn der Wert plötzlich so hochschnellt, wie uns das vergangene Woche passiert ist - von 17 auf 31 auf 46. Aber wir sagen auch: Wir möchten Erfahrungen sammeln mit einer kontrollierten und begleiteten Öffnung. Wir wollen wissen, was passiert.

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Will aus den Erfahrungen mit dem Öffnungskurs lernen: Rostocks Senator für Gesundheit und Soziales Steffen Bockhahn (Die Linke).

(Foto: picture alliance/dpa)

Vermutlich werden die Zahlen weiter steigen?

Ja, aber wir können auch nicht immer nur abwarten. Wir sehen, dass wir alle immer dicker werden, weil wir uns nicht mehr bewegen. Wir stellen fest, dass wir uns alle nicht mehr leiden können, weil wir immer die gleichen Leute sehen. Ich überspitze jetzt, aber das ist doch kein Zustand für eine Gesellschaft. Es gibt richtig viele richtig gute Gründe für einen harten Lockdown in bestimmten Situationen, aber das kann man nicht für immer durchhalten. Darum wollen wir - als eine Region, die über sehr lange Zeit sehr niedrige Inzidenzen hatte - mal gucken, was möglich ist. Und wenn wir demnächst Hochrisikogebiet sind, wäre das auch eine Erkenntnis: Lockerungen - auch mit Teststrategie - können wir vergessen.

Wie weit dürfte der Inzidenzwert denn aus Ihrer Sicht noch steigen?

Wenn wir erkennen, dass wir bei den Öffnungsschritten, die wir gehen wollen, dauerhaft mit einer Inzidenz von 60 bis 65 leben müssten, aber das Gesundheitssystem trotzdem nicht überlastet ist, die Zahl der Intensivpatienten und Todesfälle nicht stark steigt, dann wäre das eine Gesprächsgrundlage. Dann können wir darüber reden, ob wir das aushalten wollen, bis die Impfkampagne einen zufriedenstellenden Effekt zeigt.

Sie gelten als Modellstadt und gleichzeitig als Unschuldsbeweis der Bundesregierung: "Es ist keinem Oberbürgermeister und keinem Landrat verwehrt, das zu tun, was in Tübingen und Rostock getan wird", hat Kanzlerin Angela Merkel in der vergangenen Woche gesagt. Ist es so einfach?

Einfach ist es sicher nicht. Die erste Schwierigkeit aktuell ist schon, die Testkapazität aufzubauen. Nach dem jahrzehntelangen Sparkurs im Öffentlichen Gesundheitsdienst - das werden Frau Merkel und Herr Spahn wissen - gibt es da keinerlei Ressourcen, um solche Testzentren selbst zu betreiben. Das Gesundheitsamt ist ausgebombt, pardon - ausgelastet, die Bundeswehr brauchen wir im Impfzentrum und in den Alten- und Pflegeheimen. Es geht nicht ohne Partner von außen.

Und bei dem Vorhaben, schnell einen Auftrag extern zu vergeben, steht Ihnen das Vergaberecht mitten im Weg?

Wenn ich das über Aufträge gemäß dem kommunalen Vergaberecht steuere, dann eröffnen wir das erste Testzentrum 2024. Das Vergaberecht ist eine sinnvolle Regelung, die sicherstellt, dass alles ohne Diskriminierung abläuft und man die Deals nicht immer nur mit denen macht, die man schon kennt. Derzeit bremst es aber auch sehr.

Was können Kommunen, die Rostock nacheifern wollen, also tun?

Sie müssen die Regeln nicht brechen, aber sie müssen sehr kreativ sein - Wege finden, wie sie trotzdem schnell arbeiten und Dinge ermöglichen können. Das geht, wenn die Kommune Leute zusammenbringt, Wege aufzeigt, also eine moderierende Funktion einnimmt ….

.... anstatt selbst Auftraggeberin zu sein?

Genau. Wenn der Betreiber der Shoppingmall noch eine Freifläche übrig hat, dann kann ich ihm die Vorteile aufzeigen, wenn dort ein kleines Testcenter aufgemacht wird und er dafür nicht die üblichen Mietpreise aufruft. Die kostenlosen Schnelltests selbst muss ich als Kommune nicht finanzieren, die bezahlt die Sozialversicherung, also Jens Spahn, wenn Sie so wollen. Ich bestelle die zwar jetzt wie verrückt, aber dann geb ich sie weiter.

Für niedrige Inzidenzen müssen Kommunen also kreativ sein beim Aufbau der Testlogistik. Was noch?

Sie müssen gut kontrollieren - die Quarantäne, das Gewerbe, die Einhaltung der Maskenpflicht. Wir sorgen dafür, dass es die Regeln nicht nur gibt, sondern dass sie auch eingehalten werden.

Wie muss das Gesundheitsamt arbeiten, um die Inzidenz unter 20 zu halten?

Das war von Anfang an der Kern unserer Strategie: Wir haben immer sichergestellt, dass unser Gesundheitsamt die Kapazitäten zur Nachverfolgung hat. Derzeit brauchen wir dafür nur sechs zusätzliche Personen. Wir sind aber vorbereitet und hätten auch im Falle von Inzidenz 200 genug Personal da.

Aber ist gerade das nicht Mangelware?

Das haben wir recht charmant gelöst, indem wir zum Beispiel geschaut haben, wo wir von freien Trägern Personal akquirieren konnten. In einer Situation, in der Bereiche der Sozialarbeit gar nicht stattfinden können, gibt es Leute, die eine Beschäftigung suchen. Die Bundesagentur für Arbeit hat auch extra ein Tool aufgemacht, um zu vermitteln.

Die zentrale Messlatte in Deutschland ist ja noch immer die Möglichkeit, Kontakte nachzuverfolgen.

Ich will das so deutlich sagen: Kontaktnachverfolgung ist eine wahnsinnig wichtige und unglaublich schwierige Aufgabe. Man muss dafür nicht Raketenphysik studiert haben, man muss aber extrem kommunikativ sein. Wir haben so früh damit begonnen zu schulen, auch weil das ein Job ist, den Sie nicht ein halbes Jahr durchgehend machen wollen. Wir wechseln immer wieder durch.

Welche Erkenntnisse bringt die Nachverfolgung hervor?

Die allermeisten Ansteckungen passieren im privaten Kontext. Es ist nicht die Kita, nicht die Schule, es ist das Privatleben. Das ist auch erklärbar, weil man eben innerhalb der Familie, im vertrauten Umfeld dazu neigt zu sagen, "Na, der passt schon auf". Der hat vielleicht auch aufgepasst, trotzdem ist er positiv.

Könnte auch da Testen helfen? Nicht nur für den Zoobesuch oder die Fahrstunde, sondern auch für die Familienfeier?

Das ist eine Idee, die wir verfolgen, aber die müssen wir erst mit der Landesregierung aushandeln. Wir haben jetzt die Jugendweihe-Saison vor uns, die letztes Jahr schon ins Wasser gefallen ist. Und die Vorstellung, Jugendweihe nur mit Mutti, Vati und - wenn es gut läuft - Omi und Opi feiern zu können, ist nicht so cool. Darum können wir uns diese Option durchaus vorstellen: Wir feiern so, wie es sein sollte, aber als Willkommensgruß gibt es morgens bei allen erstmal ein Stäbchen in die Nase.

Mit Steffen Bockhahn sprach Frauke Niemeyer

Quelle: ntv.de

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