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Farage macht den Johnson Die Schwadroneure verdrücken sich

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Nigel Farage im Pub. Daumen, Bierglas und Gesicht sollen sagen: Ich bin einer von euch.

(Foto: REUTERS)

Nigel Farage und Boris Johnson waren erfolgreich darin, Stimmungen zu schüren und zu bedienen, zur Not auch mit falschen Behauptungen. Aber Verantwortung tragen, arbeiten? Lieber nicht.

Im Brexit-Wahlkampf habe er gesagt, "dass ich mein Land zurückhaben will", verkündet Nigel Farage, als er seinen Rücktritt als Vorsitzender der Anti-EU-Partei Ukip erklärt. "Heute sage ich, dass ich mein Leben zurückhaben will. Und es fängt jetzt sofort an." So treten Politiker zurück, die nicht Überzeugungen folgen, sondern Gefühlen. Gern auch ihren eigenen.

Keine zwei Wochen nach dem Brexit-Referendum in Großbritannien sind die Parteien, die bei den Unterhauswahlen von 2015 die meisten Stimmen bekommen hatten, mehr oder weniger ohne Führung. Premierminister David Cameron, zugleich Vorsitzender der Konservativen, kündigte schon am Tag nach der Abstimmung seinen Rücktritt an. Boris Johnson, der von den meisten Beobachtern als natürlicher Nachfolger angesehen wurde, verzichtete wenige Tage später darauf, sich um die Nachfolge zu bewerben. Labour-Chef Jeremy Corbyn wird von seinen Fraktionskollegen bekniet, endlich zu verschwinden. Und nun Farage.

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Boris Johnson in der freien Natur. Daumen, Bierglas und Gesicht sollen sagen: Ich bin einer von euch.

(Foto: dpa)

Zwischen den vier Fällen gibt es entscheidende Unterschiede. Camerons Rücktritt war kein Akt der Feigheit, sondern der Versuch, einen Rest Würde zu bewahren. Corbyns Klammern an der Macht ist peinlich, aber ebenfalls nicht feige. Der Labour-Vorsitzende ist vielen seiner Fraktionskollegen zu links – sein Lavieren im Brexit-Wahlkampf war nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat.

Nach inhaltlichen Gründen muss man bei Johnson und Farage nicht suchen. Beide setzen sich als unkonventionelle Politiker in Szene, die verstehen, wie das einfache Volk tickt. Farages Markenzeichen ist ein Pint-Glas, mit dem er Fotografen zuprostet. Johnson zeigt sich nie ohne schlecht sitzende Anzüge und verwuschelte Haare. Das Bier des einen und die inszenierte Nachlässigkeit beim anderen sollen sagen: Ich bin einer von euch.

Angst vor der Arbeit

Diese Botschaft in Politik umzusetzen, ist beiden zu mühsam geworden. Es sind Stimmungspolitiker. Sie sind erfolgreich darin, Stimmungen zu schüren und zu bedienen, zur Not auch mit falschen Behauptungen. Und wenn sie selbst nicht mehr in der Stimmung sind, verdrücken sie sich.

Denn die eigentliche Arbeit für die Brexit-Fans in England geht ja gerade erst los. Die neue Regierung in London muss versuchen, einen möglichst guten Deal mit einer von den Briten genervten EU auszuhandeln, sie muss die Schotten bei der Stange und die Nordiren ruhig halten, sie muss ein gespaltenes Land zusammenführen und die wirtschaftlichen Folgen des EU-Austritts abfedern. Das sind Aufgaben, auf die Johnson offenbar keine Lust hatte. Richtig, er wurde von seinem Parteikollegen Michael Gove reingelegt. Aber so wichtig kann ihm der Job des Premierministers nicht gewesen sein, wenn er dem Intriganten kampflos das Feld überlässt.

Für Farage ging es nicht um das harte Brot eines Regierungschefs. Aber auch auf ihn kam Arbeit zu. Spätestens 2020 wird in Großbritannien gewählt, bis dahin steht seiner Partei eine Umgestaltung bevor. Nach ihrem Erfolg beim Brexit-Referendum kann und muss sie noch stärker als bislang die sich zerlegende Labour-Partei im postindustriellen Norden und die Konservativen im englischen Süden angreifen. Im britischen Mehrheitswahlrecht liegen die Hürden für einen parlamentarischen Erfolg hoch – derzeit hat Ukip nur ein Mandat im Unterhaus, auch wenn die Partei in Umfragen auf rund 17 Prozent kommt. Diese Basis auszuweiten, überlässt Farage nun seinem Nachfolger.

Johnson und Farage zeigen, wie heikel es ist, auf Schwadroneure zu setzen. Sie predigen Kampf, Umsturz, Neuanfang. Und dann drücken sie sich vor den Mühen der Ebene. Reden statt handeln, das ist die Devise von Politikern wie Johnson und Farage. Sie haben Angst. Nicht vor dem Brexit. Aber vor der Arbeit.

Quelle: n-tv.de

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