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Nach der Bundestagswahl Sollen die Verlierer wirklich den Kanzler stellen?

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Dramatisch verloren, dennoch mit Anspruch aufs Regieren: Unionskanzlerkandidat Armin Laschet

(Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS)

Laschet wird sich in die ersten Sondierungsgespräche retten, oder besser gesagt: Sie retten ihn. Die Partie SPD gegen Union steht im Patt, doch die Botschaft der Wahl ist eindeutig.

Der Wähler hat gesprochen, aber letzte Klarheit hat er nicht geschaffen. Vorhang zu und die wichtigste Frage offen: Wer wird der nächste Kanzler, Olaf Scholz oder Armin Laschet? Beide brauchen den Block aus Grünen und FDP, derweil SPD und CDU/CSU sehr nah beieinanderliegen. Die Partie steht also im Patt, weshalb diese Wette schon gewagt sei: Angela Merkel wird auch die nächste Neujahrsansprache halten, weil es bis dahin vermutlich keinen neuen Kanzler gibt.

Aber muss das wirklich sein? Nein, muss es nicht.

Denn die Botschaft dieser Wahl ist ziemlich eindeutig: Das Lager links der Mitte (ohne Linkspartei) hat gewonnen, die FDP hat sich gut gehalten und die CDU/CSU hat verloren, dramatisch verloren. Im Vergleich zu 2017 haben die Grünen rund 50 Prozent an Stimmanteilen draufgelegt, die SPD ein Viertel. Dazu kommen eineinhalb Siege bei den Landtagswahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern. CDU und CSU hingegen haben knapp ein Drittel ihrer Stimmprozente verloren, in Bayern übrigens auch. Allein Laschet dafür verantwortlich zu machen, wäre arg billig. Bei der Union ist zu keinem Zeitpunkt des Wahlkampfes deutlich geworden, wofür sie eintritt, nur wogegen sie ist. Das hat nicht allein der Kanzlerkandidat zu verantworten.

Trotzdem wäre es nach so einer Klatsche normalerweise um Laschet als CDU-Parteichef geschehen. Aber er wird sich in die ersten Verhandlungsrunden retten, das heißt: Die ersten Verhandlungsrunden retten ihn. Dass es für eine Linksregierung aus SPD, Grünen und Linkspartei nicht reicht, ist das Einzige, was die Union hoffen lassen kann. Tatsächlich sähe ein satter Linksrutsch der Republik anders aus; die schrille Warnung davor, das letzte Mittel der Union im Wahlkampf, scheint noch einmal gewirkt zu haben. Scholz fehlt deshalb das Ass im Ärmel, mit dem er die kommenden Verhandlungen dominieren könnte. Auch er hat keine zweite Option zur Regierungsbildung, auch er kann - wie Laschet - nur Kanzler werden, wenn Grüne und FDP ihn dazu machen. Trotzdem geht er in diese Verhandlungen als einer, der gewonnen hat. Laschet geht als einer, der bös' gerupft wurde.

Angesichts dieses seltsamen Patts hat FDP-Chef Christian Lindner recht, wenn er das Verfahren und die gewohnten Verhältnisse umdrehen will. Grüne und FDP sollten sich als Erste darüber einigen, was sie in einer Koalition erreichen wollen, der sie unweigerlich beide angehören werden. Gelingt das, könnte die Regierungsbildung schneller gehen als gedacht. Gut so.

Diese Bundestagswahl wird die politischen Verhältnisse im Land zum Tanzen bringen. Es gibt neue Gewinner und ungewohnte Verlierer. Möglich, aber nur schwer zu verstehen wäre es, würden diese Verlierer den nächsten Kanzler stellen.

Quelle: ntv.de

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