Österreich-Newsletter

Strache, der "Auferstandene" Wien beschwert sich bei Kurz

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"Auf Dich wartet ein guter Sommer - Dein Österreich". Mit diesem Slogan wirbt Österreich bald auch in Deutschland um Touristen. Bei der Vorstellung der PR-Kampagne an Christi Himmelfahrt gab der Bundeskanzler ein Versprechen von höchster Stelle: "Als Österreicher, aber auch als Gast aus dem Ausland wird man in Österreich so sicher Urlaub machen können wie in kaum einem anderen Land der Welt."

Ob das auch für Wien gilt? Für Kurz' ÖVP scheint die Hauptstadt nämlich so gar nicht sicher. Um den Corona-Zoff zwischen Bund und Wien geht es in der aktuellen Ausgabe von "Jetzt ist schon wieder was passiert". Außerdem: Die wundersame Rehabilitierung des Heinz-Christian S.

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Simmering gegen Kapfenberg: erbitterter Streit, Fehde

In der schwarzen Ecke Rambo, in der roten Ecke Falco, so ungefähr muss man sich den politischen Schwergewichtskampf der Woche vorstellen. Es traten an: ÖVP-Innenminister Karl Nehammer, ehemaliger Berufssoldat im Rang eines Leutnants und Hobby-Boxer, und Peter Hacker, SPÖ-Gesundheitsstadtrat von Wien.

Die Hauptstadt gehört im abgekühlten Pandemie-Geschehen zu den wenigen Warm Spots, die Infektionszahlen stiegen zuletzt an, vor allem wegen sogenannter "Cluster" in Post-Verteilzentren, die quasi Österreichs Schlachthöfe sind: Dort schuften Leiharbeiter, viele davon Migranten, die das Virus in Asyl-Unterkünfte mitgebracht haben. Mittlerweile hat das Bundesheer zwei Post-Lager in Wien und im angrenzenden Niederösterreich übernommen.

Am Montag setzte Innenminister Nehammer zum ersten Schlag an: Er sprach eine "Mahnung" an die Stadt aus, die Infektionszahlen seien "besorgniserregend", die Transparenz ausbaufähig, Wien solle doch auf die Hilfe der Bundespolizei zurückgreifen beim "Contact Tracing" und der Überwachung der Quarantäne-Maßnahmen.

Den Konter setzte Peter Hacker im ORF in typisch gereizter Art, die immer ein bisschen wirkt, als trage er schwer an der Unfähigkeit seiner Mitmenschen: "Ich bin nicht dazu da, die persönlichen Wünsche des Innenministers zu befriedigen." Die Hilfe des Bundes brauche Wien nicht, die Vorwürfe Nehammers eine "Kampagne gegen Wien", sie zu widerlegen "schon fast fad." Auf gut Wienerisch: Heast Oida, geh scheiß'n!

Die Intensität des Schlagabtauschs erschließt sich beim Blick auf den politischen Kalender: In 143 Tagen wird in Wien gewählt. Zu gern würde die ÖVP die rote Trutzburg schleifen, in die Wahlschlacht ziehen wird Finanzminister Gernot Blümel gegen SPÖ-Amtsinhaber Michael Ludwig. Der Bürgermeister richtete dem ÖVP-Kanzler Kurz am Dienstag aus, er werde sich "diesen Umgang nicht gefallen lassen" und erinnerte daran, dass in der Causa Ischgl keine Mahnung des Innenministers durch die Medien ging: "Ich erwarte vom Bundeskanzler, dass er Ordnung in seine Regierung bringt."

Der Wahlkampf um Wien scheint also eröffnet, dem Aufgalopp nach zu urteilen dürfte mal wieder der berühmte Satz des Satirikers Helmut Qualtinger über ein besonders intensives Fußballspiel Konjunktur haben, der es in Österreich zur festen Redewendung gebracht hat: "Simmering gegen Kapfenberg - das nenn' i Brutalität."

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"Das Verhalten der Dame war ja absurd." - Heinz-Christian Strache über den "Lockvogel" auf Ibiza

Es klingt unglaublich, aber es könnte gut sein, dass Heinz-Christian Strache im November dieses Jahres im Wiener Rathaus steht und als Gemeinderat folgenden Eid ablegt: "Ich gelobe der Republik Österreich und der Stadt Wien unverbrüchliche Treue, stete und volle Beachtung der Gesetze sowie die gewissenhafte Erfüllung meiner Pflichten."

Derselbe Heinz-Christian Strache, der im Sommer 2017 auf Ibiza allerlei Gaunereien zum Schaden der Republik mit einer angeblichen Oligarchen-Nichte erörterte, befindet sich rund ein Jahr nach dem "Ibiza-Skandal" auf dem Weg der Rehabilitierung. Und ein Teil der Medien gibt Begleitschutz - selbst die mächtige "Krone", die mit ihrem einstigen Liebling brach, als sie sah, wie Strache mithilfe der Oligarchin "zack zack zack" aufräumen wollte in der Redaktion. Am Sonntag durfte "der Auferstandene" (Originalzitat "Krone") in einer Mischung aus gefühliger Homestory und Interview die gefoppte Unschuld vom Land spielen, weitgehend unbehelligt von kritischen Fragen. Der Höhepunkt: Strache bezeichnet nicht sein eigenes, sondern das Verhalten der Schauspielerin als "absurd" - er habe es zwar durchschaut, aber nicht reagieren können, weil er unter Drogen gesetzt worden sei. Ein Gutachten attestiert zwar das Gegenteil, aber die "Krone" erspart Strache den Hinweis.

Am Abend bot das ORF "Im Zentrum" Strache die nächste Bühne und vergaß glatt, Menschen einzuladen, die das Ibiza-Video zur Gänze gesehen haben und seine Manipulations-Vorwürfe entkräften können. Ohnehin waren die anderen Gäste nur Staffage, Ex-Innenminister Wolfgang Peschorn meckerte zwischendurch: "Es war nicht meine Motivation hier herzukommen, um dem Herrn Strache zuzuhören." Bleibt also die Frage: Warum bekommt der Mann noch immer diese Öffentlichkeit? These: Weil es funktioniert. "Im Zentrum" hatte bessere Quoten als der "Tatort", 783.000 Zuschauer bedeuteten die drittbeste Sendung des Jahres. Ob es sich auch für Strache lohnt, zeigt sich am 11. Oktober: Dann tritt er mit dem "Team HC" bei den Wiener Wahlen an.

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++ Stand Freitag 9 Uhr verzeichnet Österreich 16.360 bestätigte Coronavirus-Fälle. Bislang sind 635 Menschen an oder mit Covid-19 gestorben. Aktuell verzeichnen die Gesundheitsbehörden noch 796 aktive Infektionen. ++ Wenn die Pandemie einen positiven Effekt hatte, dann auf die Kriminalitätszahlen - die haben sich in der Zeit des Lockdowns ab Mitte März insgesamt fast halbiert. Klassische Diebstähle und Einbrüche verzeichnete die Polizei fast keine mehr, dafür wie befürchtet mehr Fälle häuslicher Gewalt. Einen Zuwachs zeigt die Statistik auch im Bereich Cybercrime. ++ Einspruch der "sparsamen Vier": Gemeinsam mit den Niederlanden, Schweden und Dänemark richtet sich Österreich gegen die 500-Milliarden-Bazooka von "Mercron". Sebastian Kurz kündigte einen Gegenentwurf an, Details sind noch nicht bekannt, der Grundsatz schon: Kredite statt Zuschüsse. ++ Im Windschatten der Lufthansa-Rettung sieht es nun auch für die Konzerntochter Austrian Airlines besser aus: Die Airline einigte sich mit den Beschäftigten auf Lohnkürzungen in Höhe von 300 Millionen Euro bis 2024. Statt 767 Millionen Euro braucht die AUA nun wohl "nur" noch 650 Millionen Euro Hilfe vom Staat, meldet der "Kurier". Sebastian Kurz visiert eine Lösung in "Tagen oder Wochen" an. ++ Vor dem Aus steht dagegen Laudamotion: Der Mutterkonzern Ryanair will den Standort Wien mit 300 Arbeitsplätzen schließen, wenn die Gewerkschaft den neuen Kollektivvertrag ablehnt. Der Basislohn: 848 Euro netto, das liegt weit unterhalb der Armutsgrenze und unterhalb des Sozialhilfe-Satzes. ++

Namensgeber und Gründer Niki Lauda starb vor fast genau einem Jahr in Zürich. Sein letzter großer Deal war ein typischer "Tricky Niki", gewitzt wie rücksichtslos. Mit Unterstützung der damaligen ÖVP-FPÖ-Regierung bastelte er aus der Konkursmasse der Air-Berlin-Tochter "Niki" seine neue Airline "Laudamotion", ließ sich für die "österreichische Lösung" feiern - nur um auf jeden nationalen Pathos zu pfeifen und erst 25 Prozent, dann insgesamt 75 Prozent und im Januar 2019 schließlich 100 Prozent an Ryanair zu verkaufen. Das passte zu seinem radikal gradlinigen Image, das ich in meinem Nachruf für n-tv.de beschrieben habe - hier können Sie ihn lesen.

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Servus und Baba, bis nächsten Freitag

Ihr Christian Bartlau

Quelle: ntv.de