Pressestimmen

Referendum in Griechenland "Eine Ohrfeige für Deutschland"

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Das klare "Nein" beim Referendum bestimmt auch in Griechenland die Schlagzeilen.

(Foto: dpa)

Während auf Athens Straßen nach dem klaren "Nein" zu den Sparvorschlägen der Gläubiger gefeiert wird, herrscht bei den Geldgebern Katerstimmung. Das Signal ist klar: Weitere Reformen sind nicht gewollt. Was das für Europa bedeutet? Auch die europäische Presse ist sich uneinig.

Als eine Ohrfeige für Deutschland und für den harten Euro-Kern hat die spanische Zeitung El Mundo den klaren Ausgang des Referendums bezeichnet. Griechenland sei für die Europäische Union zu einem Riesenproblem geworden - und das vor allem, weil es kaum möglich sein werde, "den Druck der öffentlichen Meinung, die gegen weitere Hilfen für die Griechen ist, in Einklang zu bringen mit den Forderungen der Regierung in Athen."

Ähnliches prognostiziert die konservative britische Times. "Die Euro-Idealisten, besonders die in Deutschland, könnten selbst jetzt immer noch darauf bestehen, Griechenland zu retten. Doch die Euro-Verbraucher, in erster Linie die deutschen Wähler, werden wohl nicht mehr damit einverstanden sein."

Griechenland "am Bettelstab"

Ein Austritt Griechenlands aus der Währungsunion ist längst kein Tabu mehr - die Neue Zürcher Zeitung nennt diesen Schritt sogar eine "logische Konsequenz aus dem Volksnein". Das Schreckgespenst eines Grexit wird in dem Nicht-Euro-Land offenbar eher als Chance wahrgenommen. "Die Syriza-Truppe soll ohne den 'reichen Onkel' aus Brüssel ihre Wege suchen müssen, um Einnahmen und Ausgaben in Einklang zu bringen." Damit das Land nicht im Chaos versinke, seien regionalpolitische und humanitäre Hilfen notwendig. "Aber Athen muss jetzt seinen eigenen, schwierigen Weg gehen - je konsequenter, desto besser. Europa wird das nicht schaden."

Wie hoch der Preis eines Grexit für die Griechen und für Europa wäre - darüber will die belgische Zeitung De Standaard nicht spekulieren. Ein dramatischer Schlag sei der Ausgang des Referendums dennoch. "Wenn ein Mitgliedstaat lieber untergeht, als sich einer Politik zu beugen, die er als aussichtslos erachtet, wird dem europäischen Projekt damit das moralische Fundament entzogen", heißt es. Der von Tsipras geforderte Schuldenschnitt sei kaum mehr verhandelbar, sofern die Griechen nicht von Gläubigern "an den Bettelstab" gebracht werden sollten. "Juristisch gesehen kann nun nichts mehr verhindern, dass die Gläubiger der griechischen Nation den Gerichtsvollzieher schicken. Das ist ihr Recht, denn so sind die Regeln. Doch wenn dies das Ergebnis dieses Kräftemessens ist, hat niemand etwas davon."

Egoismus der Entscheider

Das Wunschszenario von Ministerpräsident Alexis Tsipras, Griechenland solle den Euro behalten, ist für die konservative französische Zeitung Le Figaro kaum mehr umsetzbar. "Von einem verpassten Zahlungstermin zum anderen wird sich ein schrecklicher finanzieller Schraubstock um Griechenland schließen", heißt es in einem Kommentar. "Und wenn kein Wunder passiert, wird der so gefürchtete Grexit ganz von allein seinen Lauf nehmen - nicht weil die Europäer das gewollt haben, denn sie haben alles unternommen, um den Grexit zu verhindern, sondern weil die Wahl des griechischen Volkes eine Dynamik in Gang gesetzt hat, die wohl nicht aufzuhalten ist."

Die linksliberale polnische Gazeta Wyborcza mahnt derweil an das Verantwortungsgefühl der europäischen Geldgeber gegenüber den Griechen. "Schulden müssen eingeholt werden, aber nicht so, dass eine Gesellschaft in Verzweiflung getrieben und unberechenbar gemacht wird", kommentiert die Zeitung. "In dem griechischen Thriller, den wir erleben, können am meisten nicht nur die Griechen verlieren, sondern auch die, deren Weg ein einiges und vereintes Europa ist. Wir erleben gerade seine beispiellose Krise, die entstanden ist als Ergebnis von Egoismus der Entscheider, Mangel an Mut und Vorstellungskraft und fehlerhafter Kalkulation. Seitens der Union und Griechenlands."

Quelle: n-tv.de, jug/dpa

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