Pressestimmen

Griechischer Besuch in Moskau Tsipras "flirtet unverhohlen mit Putin"

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Alexis Tsipras und Wladimir Putin beschwören in Moskau die Freundschaft ihrer Länder. In Europa wird das Treffen der beiden Staatsoberhäupter mit Argwohn betrachtet. Die deutsche Presse diskutiert die politischen Folgen des umstrittenen Besuchs.

"Düsterste Befürchtungen haben sich zwar nicht bestätigt", kommentiert die Stuttgarter Zeitung, doch der "ausgerufene Frühling" in den griechisch-russischen Beziehungen werde weiter für hitzige Debatte sorgen: "Kein Problem ist gelöst, alle sind nur verschoben. Das vereinbarte Gasprojekt wird in Brüssel auf wenig Gegenliebe stoßen, ebenso wenig wie der Aktionsplan für die Landwirtschaft. Kredite, die Moskau nicht generell, wohl aber für Großprojekte gewährt, stehen nach wie vor als Drohkulisse im Raum."

Ein Deal mit Russland könne Griechenland teuer zu stehen kommen, schreibt das Handelsblatt: "Griechenland bleibt also auf die finanzielle Unterstützung der Euro-Zone angewiesen - Moskau-Besuch hin oder her. Putin kann seinem neuen Freund Tsipras allenfalls ein wenig Erleichterung verschaffen. Er könnte zum Beispiel das gegen die EU verhängte Lebensmittel-Importverbot lockern und griechische Agrarprodukte wieder ins Land lassen. Die Landwirte in Hellas wären darüber sicher erfreut, und andere EU-Staaten wie Finnland würde Putin damit schwer verärgern. Das Entgegenkommen würde sich der russische Präsident allerdings bezahlen lassen. Der Preis wäre hoch, wahrscheinlich zu hoch: Griechenland müsste die Verlängerung der EU-Sanktionen gegen Russland im Juni mit seinem Veto verhindern."

Die Welt wertet die Reise des griechischen Ministerpräsidenten als Affront gegen die EU: "Viel ist es nicht, was Griechenlands Regierungschef Alexis Tsipras von seinem Russlandbesuch nach Hause mitnehmen kann. Dass der Grieche trotz des mageren Ergebnisses bei seinem Auftritt in Moskau sichtlich gut gelaunt war, liegt an dem symbolischen Wert, den das bilaterale Schulterklopfen für ihn hat: Wieder einmal ist es Athen gelungen, die EU zu brüskieren." Es sei an der Zeit, so das Blatt weiter, "zu hinterfragen, ob Athen überhaupt den Euro behalten will". Hinter dem provokanten Auftreten der griechischen Regierung könne eine bestimmte innenpolitische Strategie stehen, schreibt die Zeitung weiter: "Der Grexit mag für Tsipras die zweitbeste Lösung sein. Seinem Volk könnte er dann die Bundesregierung mit ihrem angeblichen Spardiktat als Sündenbock präsentieren. Zu dieser Agenda passt das Verhalten der griechischen Regierung."

Auch die Eßlinger Zeitung verurteilt Tsipras' Moskau-Besuch mit deutlichen Worten: "Als hätten Athens Polit-Existenzialisten nicht schon genug Schaden angerichtet, macht Regierungschef Tsipras nun Moskau seine Aufwartung und flirtet unverhohlen mit Putin, der die Zuneigung genüsslich erwidert. Liebesgrüße aus Moskau: Mitunter hat man den Eindruck, Tsipras und sein Kompagnon Varoufakis wähnen sich eher als Helden eines Kinofilms als in der realen Politik, wo nüchterne Pragmatik das Drehbuch bestimmt und für filmreife Happyends kein Platz ist. Dennoch ist es die griechische Regierung, die in diesem skurrilen Schauspiel Regie führt und fröhlich Provokation an Provokation reiht. Bei aller Show wissen sie in Athen eines genau: Sie können es sich leisten. Merkel und die anderen Mächtigen Europas haben sich darauf verständigt, dass Griechenlands Verbleib in der EU alternativlos sei."

Gelassener kommentiert die Frankfurter Rundschau die griechisch-russischen Annäherungen: "Griechenland ist ein notleidendes EU-Mitglied, aber es ist auch ein souveräner Staat. Das konnte man fast vergessen angesichts der unfreundlichen Kommentare, die die Moskau-Reise von Ministerpräsident Alexis Tsipras begleitet haben. Tsipras hat die Aufgabe, sein Land vor dem Bankrott zu retten. Dazu gehört gutes Einvernehmen mit den europäischen Partnern. Dazu gehört es aber auch, die besten Bedingungen für das Land anderswo zu finden. Und sei es in Russland, das vielen im Westen wieder als Reich des Bösen erscheint. Tsipras muss das alles von einer europäischen Position aus angehen, aber daran hat er bislang nicht den geringsten Zweifel gelassen. Wenn nun herauskommt, dass Russland wieder griechisches Obst und Gemüse ins Land lässt, trägt das vielleicht sogar zur Entspannung zwischen Russland und der EU bei."

Zusammengestellt von Aljoscha Ilg

Quelle: ntv.de

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