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Wer sind wir und wie viele? 11 Fragen zum Zensus 2011

Am 9. Mai geht es los: 80.000 Interviewer schwärmen aus, um zu erfahren, wie die Deutschen wohnen, als was sie arbeiten und woran sie glauben. Sämtliche 17,5 Millionen Haus- und Wohnungsbesitzer bekommen Post und müssen schriftliche Angaben zu ihrem Eigentum machen. 11 Fragen zum Zensus 2011 - und die Antworten.

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Die letzte Volkszählung fand vor der Wiedervereinigung statt, die Statistiker rufen nach neuen Datengrundlagen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Das Volk – wer ist das eigentlich? Und wie viele gehören dazu? Solche Fragen interessieren Regierungen schon seit tausenden von Jahren, wie wir etwa aus der Bibel wissen: "Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde. Und jedermann ging, dass er sich schätzen ließe, ein jeglicher in seine Stadt …" So beginnt die Weihnachtsgeschichte des Lukas-Evangeliums und jeder weiß, wie die Sache ausging. Heute ruft kein Kaiser mehr, sondern die Statistischen Ämter des Bundes und der Länder. Am 9. Mai startet der Zensus 2011, die sechste Volkszählung in der Geschichte der Bundesrepublik, die erste im wiedervereinigten Deutschland.

1. Warum Volkszählung?

Etwa 81,2 Millionen Menschen leben in Deutschland. Wie viele es genau sind, weiß niemand. Denn die letzten zuverlässigen Zahlen stammen aus den Volkszählungen 1987 in der Bundesrepublik und 1981 in der DDR. Seitdem nutzen Statistiker die Daten von Standesämtern und Meldebehörden, um den Bevölkerungsstand fortzuführen. Das ist allerdings umso unzuverlässiger, je älter die vorhandene Datenbasis ist. Neben der aktuellen Einwohnerzahl soll der Zensus 2011 aber noch weiteren Erkenntnisgewinn bringen, etwa zum Bildungsstand, zur Wohnsituation und zur Erwerbstätigkeit der Bevölkerung. Solche Informationen werden für regionale und bundesweite Infrastrukturentscheidungen benötigt.

2. Wird nur in Deutschland gezählt?

Der Zensus beruht auf einer Vorgabe der EU. Deren Mitgliedsländer sollen von 2011 an alle zehn Jahre ihre Bevölkerungsstatistik aktualisieren. Bestimmte Informationen müssen erhoben werden, bei der Wahl der Methode haben die Staaten aber freie Hand. Die skandinavischen Länder beispielsweise führen den Zensus allein auf der Grundlage von Melderegistern durch. Großbritannien und die meisten osteuropäischen Länder dagegen bleiben bei der traditionellen Volkszählung und lassen alle Bürger Fragebögen ausfüllen.

3. Nach welcher Methode wird gezählt?

In Deutschland findet 2011 ein registergestützter Zensus statt. Dieser stützt sich auf Daten von Meldebehörden, der Bundesagentur für Arbeit und der öffentlichen Arbeitgeber. Zehn Prozent der Bevölkerung werden im Rahmen einer Haushaltsbefragung persönlich interviewt. Außerdem finden eine Gebäude- und Wohnungszählung sowie Befragungen in Wohnheimen und Gemeinschaftsunterkünften statt.

4. Wie funktioniert die Haushaltszählung?

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Nur ein Bruchteil der Bevölkerung wird durch die Haushaltezählung erfasst.

(Foto: picture alliance / dpa)

Wer für die Haushaltsbefragung ausgewählt wurde, bekommt zunächst per Post einen Termin vorgeschlagen, zu dem der Interviewer ins Haus kommt. Es lässt sich aber auch ein anderer Zeitpunkt vereinbaren. Der Interviewer notiert zunächst Namen und Geburtsdaten aller Haushaltsmitglieder und gibt dann für jede Person einen Fragebogen aus. Den kann man entweder gleich zusammen mit dem Interviewer ausfüllen oder innerhalb von zwei Wochen zurückschicken. Wer sich das Porto sparen will, kann den Fragebogen auch online ausfüllen. Ins Haus lassen muss man den Interviewer übrigens nicht.

5. Was wird gefragt?

Der Fragebogen der Haushaltezählung umfasst 10 Seiten mit insgesamt 45 Punkten. Das klingt sehr umfangreich, ist aber relativ schnell ausgefüllt. Neben persönlichen Angaben wie Name, Adresse, Staatsangehörigkeit und Familienstand werden Daten zum Bildungsabschluss, zum Beruf und zum Migrationshintergrund abgefragt. Auch die Frage nach der Kirchenzugehörigkeit steht auf dem Programm. Die Angabe von Glaubensrichtungen oder Weltanschauungen ist freiwillig.

6. Wer sind die Interviewer?

Rund 80.000 Interviewer sind im Auftrag der Statistischen Ämter unterwegs, um den ausgewählten Bürgern die Fragebögen auszuhändigen und gegebenenfalls beim Ausfüllen zu helfen. Diese sogenannten "Erhebungsbeauftragten" arbeiten ehrenamtlich, erhalten aber eine Aufwandsentschädigung für jeden ausgefüllten Bogen. Alle Interviewer durchlaufen ein Bewerbungsverfahren und sind zu Zuverlässigkeit und absoluter Verschwiegenheit verpflichtet. Vor dem Interview müssen sich die Erhebungsbeauftragten identifizieren. Auf dem speziellen Ausweis sind unter anderem Name, Geburtsdatum und Adresse vermerkt.

7. Wie läuft die Gebäude- und Wohnungszählung?

Alle 17,5 Millionen Haus- und Wohnungsbesitzer beziehungsweise Verwalter bekommen einen Fragebogen zugesandt, den sie ausgefüllt zurückschicken müssen. Alternativ gibt es auch hier die Möglichkeit, die Fragen im Internet zu beantworten. Um alle Eigentümer zu ermitteln, haben die Statistischen Ämter umfangreiche Vorrecherchen angestellt. So mussten die zuständigen Stellen Adressdaten zu Grundbucheinträgen, Grundsteuer oder Liegenschaftskatastern ausliefern. In den Fragebögen werden beispielsweise Baujahr, Gebäudetyp und Heizungsart erfasst. Etwas skurril mutet die Frage nach Dusche, Badewanne oder WC an. Die Frage nach dem Wasseranschluss ist von der EU vorgegeben. Neben den Daten zum Gebäude selbst werden auch die Zahl und zum Teil auch die Namen der Bewohner erfasst.

8. Was passiert mit den Daten?

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Wer die Auskunft verweigert, kann zur Kasse gebeten werden.

(Foto: picture alliance / dpa)

Die erhobenen Daten landen bei den Statistischen Ämtern der Bundes und der Länder. Und dort sollen sie auch bleiben. In seinem Volkszählungsurteil hat das Bundesverfassungsgericht 1983 klargestellt, dass personenbezogene Daten aus amtlichen Statistiken nicht von anderen Behörden genutzt werden dürfen. Polizei, Finanzämter oder Arbeitsagenturen haben also keinen Zugriff auf die Fragebögen, sondern allenfalls auf die anonymisierten Ergebnisse des Zensus. Die Landes- und Bundesdatenschutzbeauftragten sind dafür verantwortlich, das zu überwachen.

9. Kann man die Befragung verweigern?

Nein, beim Zensus besteht Auskunftspflicht – und zwar in allen Fragen. Lediglich die Auskunft zu Religion, Glaubensrichtung oder Weltanschauung ist freiwillig. Wer sich weigert den Fragebogen abzugeben, wird zunächst verwarnt. Danach können die statistischen Landesämter Zwangsgelder von 300 Euro oder mehr verhängen. Im schlimmsten Fall droht ein Bußgeld bis zu 5000 Euro.

10. Wann gibt es Ergebnisse?

Erste Ergebnisse werden in 18 Monaten vorliegen, im November 2012. Die detaillierten Auswertungen folgen aber erst zwei Jahre nach dem Zensusstichtag. Sie sind ab Mai 2013 im Internet zugänglich.

11. Wo bleibt die Kritik?

Eine breite Protestwelle wie bei der letzten Volkszählung 1987 ist bislang ausgeblieben. Die Kritik der Datenschützer fällt diesmal leiser aus, es gibt sie aber dennoch. Dabei geht es vor allem um Sicherheitsbedenken. Trotz aller technischen Vorkehrung bleibt immer ein Risiko für die Daten, die bei den Statistikbehörden zusammengeführt werden. Es kann nicht hundertprozentig sichergestellt werden, dass sie dort vor Hacker-Angriffen, Missbrauch oder Datenverarbeitungsfehlern geschützt sind. Insbesondere, da die genauen Datenberarbeitungsrichtlinien und die IT-Infrastruktur kaum nachvollziehbar sind.

Kritik gibt es auch am Fragenkatalog, der über die Vorgaben der EU hinausgeht. Der Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schaar stößt sich insbesondere an der Frage nach der religiösen Weltanschauung. Deren Beantwortung ist allerdings freiwillig. Schaar rät, von persönlichen Daten "so wenig wie möglich, also nur so viel wie absolut notwendig" preiszugeben.

Quelle: n-tv.de

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