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Donnerstag, 15. April 2010

Klebeschinken und andere Leckereien: "Aigner muss dringend nachbessern"

Nach Analogkäse verkauft die Lebensmittelindustrie zusammengeklebte Fleischstücke als Schinken. Für das menschliche Auge sind die Unterschiede kaum erkennbar. Eine verbraucherfreundliche Deklaration findet nicht statt. Die Verbraucher werden getäuscht, sagt Matthias Wolfschmidt, stellvertretender Geschäftsführer von Foodwatch, im Interview mit n-tv.de.

Matthias Wolfschmidt, stellvertretender Geschäftsführer von Foodwatch.
Matthias Wolfschmidt, stellvertretender Geschäftsführer von Foodwatch.(Foto: foodwatch)

n-tv.de: Wie wird "Klebefleisch" hergestellt?

Matthias Wolfschmidt: Klebefleisch wird hergestellt, indem einzelne Fleischstücke über eine sogenannte Transglutaminase - ein Enzym, das auch im menschlichen Körper vorkommt - tatsächlich zusammengeklebt werden. Die einzelnen Muskelstücke verschmelzen miteinander. Für den Verbraucher ist im Endprodukt kaum erkennbar, ob es sich um natürlich gewachsenes Muskelfleisch oder einzelne, zusammengesetzte Teile handelt, die mit Hilfe des Enzyms miteinander verschmolzen wurden. Feststellen kann man dies nur im Labor.

Handelt es sich bei "Klebefleisch" um minderwertiges Fleisch?

Das kann so sein, muss aber nicht so sein. Allerdings ist die Verbrauchererwartung bei einem Begriff wie Schinken, dass es sich um einen der edelsten Teile des Schlachtkörpers und gewachsenes Muskelfleisch handelt. Für den Hersteller ist es viel billiger, aus kleineren Muskelfleischstücken oder Fleischresten ein Produkt zusammenzukleben, als einen richtigen Schinken zu verkaufen. Der Einsatz des Transglutaminase-Enzyms ist in der Fleisch- und Lebensmittelwirtschaft weit verbreitet. Häufig wird dieses Enzym auch in der Wurstherstellung genutzt, um Wasser zu binden, um Formfleisch herzustellen oder Steaks zusammenzukleben. Es wird aber auch bei Molkereiprodukten verwendet, um zum Beispiel Joghurt cremiger zu machen.

Ist das Endprodukt unter gesundheitlichen Gesichtspunkten schlechter als das Original oder handelt es sich "nur" um eine Verbrauchertäuschung?

In jedem Fall handelt es sich um eine Verbrauchertäuschung, denn die Menschen werden über den wahren Charakter des Produkts getäuscht. Gesundheitsgefährdend ist dieses Verfahren nur dann, wenn minderwertiges Fleisch zum Einsatz kommt oder es sich um Fleisch von hygienisch minderwertiger Qualität handelt - wenn man also beispielsweise altes Fleisch zusammenklebt und ihm den Anschein eines frischen Muskelfleischs verleiht. Bei dem Enzym an sich gibt es keinerlei Hinweise darauf, dass dieses gesundheitsschädlich ist.

Lässt der Gesetzgeber diese Verbrauchertäuschung zu oder handeln die Hersteller rechtswidrig?

"Die Rechtslage ist nicht so eindeutig, wie das von Verbraucherministerin Ilse Aigner dargestellt wird."
"Die Rechtslage ist nicht so eindeutig, wie das von Verbraucherministerin Ilse Aigner dargestellt wird."(Foto: picture alliance / dpa)

Die Rechtslage ist nicht so eindeutig, wie das von Verbraucherministerin Ilse Aigner dargestellt wird. Es ist keineswegs so, dass in Deutschland ausgeschlossen ist, das Fleisch zusammenzukleben, ohne die Konsumenten darüber zu informieren. Das entsprechende Regelwerk dafür ist das Deutsche Lebensmittelbuch, das für die verschiedensten Produkte so genannte Leitsätze enthält. In diesen soll zum Ausdruck gebracht werden, was die so genannte allgemeine Verkehrsauffassung eines Produktes sei. Für Schinken steht dort "Muskeln und Muskelgruppen, die aus dem Zusammenhang gelöst worden sind und auch isoliert als Schinken verkehrsfähig wären, können ohne besonderen Hinweis zu größeren Schinken zusammengefügt sein". Damit wird den Herstellern erlaubt, Schinken ohne Deklaration zusammen zu kleben. Das Gremium, das diese Leitsätze festlegt, ist bei der Verbraucherministerin angesiedelt. Deshalb ist es absurd, zu behaupten, dass Hersteller von Klebefleisch automatisch etwas Illegales tun würden. Hier muss dringend nachgebessert werden.

Ist der im vergangenen Jahr in die Schlagzeilen geratene Analogkäse vergleichbar mit dem Klebefleisch?

Allein der Begriff "Analogkäse" ist völlig schief. Es handelt sich um ein Imitat eines Käses, das so auch bezeichnet werden sollte. Das ist so, als wäre Margarine nicht als Margarine, sondern als Analogbutter vermarktet worden. Entscheidend ist, dass die Konsumenten genau wissen, was sie für ein Produkt vor sich haben. Das Käseimitat aus pflanzlichen Ölen und Fetten mit Hilfe von Aromen, Emulgatoren und sonstigen Zusatzstoffen muss nicht gesundheitsbedenklich sein, sondern kann sogar im Fettsäuremuster ernährungsphysiologisch günstiger sein als richtiger Käse. Entscheidend ist aber, dass die Menschen wissen, was sie essen.

Wie sollten diese Produkte optimaler Weise deklariert werden?

Entscheidend ist, dass man keine Namen verwendet, die den Verbraucher über die eigentlichen Bestandteile des Produkts hinwegtäuschen. Das ist schlicht und ergreifend Betrug. Käse darf nur draufstehen, wenn Käse drin ist. Bei Schinken sollte das Gleiche gelten. Auch Begriffe wie "Analogkäse" oder "Formschinken" sind mindestens irreführend, wenn auch legal. Hier sollte man zum Beispiel von Käseimitat aus Pflanzenfetten sprechen oder von Formfleisch nach Schinkenart.

Mit Matthias Wolfschmidt sprach Alexander Klement

Quelle: n-tv.de