Rath around the worldDiese Antarktis-Kreuzfahrt ist eine Einmal-im-Leben-Reise
Von Carsten K. Rath 
Einmal im Jahr löst unser Autor ein ganz besonderes Versprechen an sich selbst ein und begibt sich auf eine jener Reisen, die man eigentlich nur einmal im Leben macht. Diesmal führt ihn die Suche nach dem Außergewöhnlichen von Santiago de Chile bis ans Ende der Welt.
Was mich am meisten bei Einmal-im-Leben-Reisen interessiert, sind nicht die Postkartenmotive, sondern die Geschichten dahinter. Es sind die Spuren der ersten Menschen, die hier unterwegs waren; jene Expeditionen, die eine Passage suchten, die es nie gab. Männer, die versuchten, den Südpol zu erreichen - manche erfolgreich, andere scheiterten. Diese Mischung aus Hybris, Mut und Überlebenswillen fasziniert mich. Für mich geht es dieses Mal von Santiago de Chile an Bord der "Ventus Australis" durch patagonische Fjorde und dann 20 Tage lang mit der "Hanseatic Inspiration" durch die Antarktis und endet schließlich in Buenos Aires.
Santiago de Chile: Demut vor der großen Geschichte
Bevor ich selbst in diese Wildnis eintauche, führt mich mein Weg an ein Tor zu dieser Welt. Santiago de Chile ist ein Ort der Kontraste. Wer hierher will, muss die Geduld der frühen Entdecker aufbringen, denn von Europa aus führt der Weg fast unumgänglich über Madrid. Die Unzugänglichkeit schützt den Charme einer Stadt, die oft unterschätzt wird. Dabei ist ihre Lage einzigartig: In nur 90 Minuten steht man am rauen Pazifik oder in den verschneiten Skigebieten der Anden.
Mein Ankerpunkt in dieser Zehn-Millionen-Metropole ist das "Intercontinental Santiago". Es ist kein schreiendes Design-Statement und kein Tempel des Ultra-Luxus. Es ist ein klassisches Grand Hotel in allerbester Lage, architektonisch klar und zurückhaltend, vielleicht hier und da etwas in die Jahre gekommen - und doch ein Juwel. Warum? Weil hier Menschen den Unterschied machen. General Manager Gustavo Aizen führt das Haus mit einer Herzlichkeit, die man in jedem Detail spürt. Und dann ist da José Manuel. Ein Clé-d'Or-Concierge Anfang 30, der das Wort "Kümmern" neu definiert hat. Er ist schlicht einer der besten Concierges, dem ich je begegnet bin: präzise, leise, absolut selbstverständlich.
Zwischen der Bohème des Viertels Bellavista mit lauter Street-Art und der kühlen Eleganz von Vitacura findet man in Santiago eine kulinarische Klarheit, die mich tief beeindruckt. Im Restaurant "La Calma" zelebriert Chefkoch Ignacio Ovagio den Pazifik in seiner reinsten Form. Wenn er Locos serviert, jene chilenischen Felsenmollusken, oder ein Ceviche, das nur von Frische und Säure lebt, dann spürt man sie wieder: die Demut vor dem Produkt.
Es ist die perfekte Einstimmung auf das, was vor mir liegt. Ein letztes Mal durchatmen in den edlen Hölzern und warmen Naturtönen des Hotels, bevor die Zivilisation hinter mir bleibt und die große Entdeckerreise beginnt.
Die Stille der Fjorde: Wo die Natur den Takt diktiert
Nach dem urbanen Santiago ruft der tiefe Süden. Nach dreieinhalb Flugstunden empfängt mich Punta Arenas, das "Tor zur Antarktis". Einst war diese Stadt der goldene Knotenpunkt zwischen den Weltmeeren; ihr historischer Reichtum atmet noch immer aus den prächtigen Villen und den stolzen Hafenanlagen.
Die Bordphilosophie folgt einem strengen Dogma: kein WLAN, kein Fernseher. Man solle sich auf das Reiseerlebnis konzentrieren, doch bei aller Liebe zur Natur entscheide ich über meine digitale Erreichbarkeit eigentlich gern selbst.
Sobald das Schiff jedoch in die labyrinthartigen Fjorde gleitet, verblasst der Unmut über das fehlende Netz. Die "Ventus Australis" ist ein solides Vier-Sterne-plus-Schiff, doch ihr wahrer Luxus ist wie ein Fenster zur Welt: Eine bodentiefe Panoramascheibe in der Kabine macht die vorbeiziehende Landschaft zum ständigen Begleiter. Hier draußen spürt man schnell jene Mischung aus Hybris und Überlebenswillen, die mich an diesen Reisen so fasziniert. Wenn abends Dokumentationen über Sir Ernest Shackleton laufen, dessen Rettungsmission einst logistisch über Chile koordiniert wurde, bekommt die Landschaft eine historische Schwere. Man sieht viel Eis und - man sieht die Kulisse menschlicher Dramen. Die rund 1700 US-Dollar pro Person für die viertägige Passage sind gut angelegt.
Als ich am Pia-Gletscher an Land gehe und später die "Gletscher-Allee" passiere, deren Eisfronten nach europäischen Nationen benannt sind, herrscht an Bord eine andächtige Stille. Kulinarisch fängt die Crew diesen Nationalstolz der Gletscherfronten charmant auf. Dass bei der Station "Deutschland" Bratwurst und Sauerkraut serviert werden, mag ein Klischee sein, wirkt aber in dieser rauen Umgebung fast schon wieder tröstlich. Am Ende bleibt die Erkenntnis: Wer bereit ist, auf WLAN zu verzichten und sich dem Rhythmus des Windes zu beugen, wird mit Eindrücken belohnt, die kein Bildschirm der Welt jemals einfangen könnte.
Arakur: Logenplatz am Rand der Welt
Hoch über den bunten Dächern Ushuaias, eingebettet in das Reservat Cerro Alarkén, liegt das "Arakur Ushuaia Resort & Spa". Ein architektonisches Statement aus Glas und Stein, das sich fast demütig an den Berghang schmiegt. Hier begegnen sich Antarktis-Abenteurer im Kaschmirpulli und der Ski-Adel Südamerikas. Es ist der letzte Ort der Erdung, bevor die Expedition ins ewige Eis beginnt.
Der Bau folgt strengen ökologischen Standards: Lokales Vulkangestein und Lenga-Holz prägen das Design. In den Zimmern verschmilzt naturnaher Luxus mit smarter Technik; ich ruhe in ägyptischer Baumwolle, während der Blick über den Beagle-Kanal wandert. Ein Highlight ist das kulinarische Handwerk. Im Restaurant "La Cravia" zelebriert man die Schätze Feuerlands - von der antarktischen Königskrabbe bis zum patagonischen Lamm vom offenen Grill. Ein Moment authentischer Gastfreundschaft bleibt besonders in Erinnerung: Der "Mate-Service", der in das zeremonielle Ritual des Nationalgetränks einführt.
Der spektakulärste Ort ist jedoch der Wellnessbereich. Während draußen der patagonische Wind peitscht, entspanne ich im beheizten Außenpool. Im Wasser, mit einem tiefvioletten Glas Malbec in der Hand, in einer fast meditativen Schwerelosigkeit fühle ich mich wie in einem Kokon aus Klang und Wärme. Hier wird Luxus zur wertvollen Atempause, bevor die Zivilisation endgültig hinter dem Horizont verschwindet.
Die Hanseatic Inspiration: Wenn aus Luxus Demut wird
Nach dem "Basislager" in Ushuaia beginnt das eigentliche Wagnis. Die "Hanseatic Inspiration" von Hapag-Lloyd Cruises wartet - und mit ihr das Versprechen, das ultimative "Once in a Lifetime" einzulösen. Trotz verfrühter Ankunft werde ich vom Crewdirektor herzlich empfangen: Die Kabine mit einer handgeschriebenen Begrüßungskarte und einer Flasche Champagner ist für mich bereitet.
Das Schiff wirkt großzügig, fast majestätisch, dominiert von bodentiefen Panoramafenstern, die den Blick niemals von der Umgebung lassen. Meine Kabine bietet den Komfort eines Fünf-Sterne-Hauses - die 20-tägige Reise ist ab rund 23.000 Euro pro Person buchbar. Doch der wahre Luxus zeigt sich im Spirit der Besatzung. Unter der strategisch weitsichtigen Führung von CEO Wybcke Meier hat die Flotte eine Ruhe und Klarheit gefunden, die mich beeindruckt - das war vorher nicht immer so. Besonders der Respekt vor den philippinischen Mitarbeitern wächst bei mir stündlich - ihre Herzlichkeit und Arbeitsmoral, oft sieben Tage die Woche über Monate hinweg, sind das unsichtbare Fundament dieses Erlebnisses.
Die Tage im Eis folgen einem Rhythmus aus Staunen und Lernen. Ob bei den 200.000 Königspinguinen auf Südgeorgien oder auf den Spuren von Shackleton - die Wissenschaftler an Bord vermitteln Wissen mit einer Leichtigkeit, die nie oberlehrerhaft wirkt. Wenn das Schiff abends durch einen Meter dicke Eisschollen rattert, spüre ich die Urgewalten. Man geht im Hellen schlafen und merkt: Die Welt wird proportional kleiner, wenn man die unendlichen Massen an Wasser und Eis sieht.
Es sind die kleinen, menschlichen Momente, die den Unterschied machen. Etwa als der Crewdirektor spontan zum "Nachbarschaftstreffen" auf den Kabinengang lädt: Champagnergläser raus, Türen auf, Plaudern mit den Offizieren. Oder der Besuch auf der "Open Bridge", wo man dem Kapitän über die Schulter schauen darf, während draußen Wale und Eisberge vorbeiziehen.
Am Ende dieser 20 Tage steht eine neue Perspektive. Man muss erst um die halbe Welt fliegen, um zu begreifen, wie schützenswert dieser raue Garten Eden ist. Die "Hanseatic Inspiration" liefert dafür den perfekten Rahmen: Höchster Komfort als Schutzschild, um sich mit voller Aufmerksamkeit der Demut vor der Natur hingeben zu können.
Buenos Aires: Das Feuer und die Mansion
Schon die Fahrt vom Flughafen zum "Four Seasons Hotel Buenos Aires" lässt keinen Zweifel: Fleisch ist in Argentinien Religion. Überall am Straßenrand sieht man Familien, die im Schatten der Bäume ihre Grills auspacken - eine fast rituelle Verehrung des Produkts. Übertroffen wird diese kulinarische Leidenschaft im Hotel-Restaurant "Elena". Das visuelle Herzstück ist der gläserne Reifeschrank, in dem Black Angus und lokales Wagyu wie kostbare Exponate einer Galerie hängen. Executive Chef Juan Gaffuri, ein Urgestein der Four-Seasons-Welt, löste 2012 eine Revolution aus, als er die Trockenreifung in das Land der traditionellen Parrillada brachte.
Ein 45 Tage gereiftes Steak vor sich zu haben, das durch Zeit und Reife eine nussige Tiefe und edles Umami entwickelt hat, ist eine Offenbarung. Es ist die Symbiose aus archaischem Feuer - fachmännisch zubereitet über der offenen Flamme des Josper-Grills - und internationaler Spitzenküche. Dass der Name des Restaurants die romantische Geschichte der "La Mansión" - ein Hochzeitsgeschenk aus dem Jahr 1920 - weiterträgt, passt zum Stolz dieses Hauses.
Das Hotel im vornehmen Viertel Recoleta ist ein Kontrast aus Moderne und Belle Époque. Während der Turm mit Mahagoni und Leder besticht, zaubert die "Mansión" mit Fresken und Kristallleuchtern ein Stück Paris nach Südamerika. General Manager Renan Astolpho führt mich durch ein Design, das die traditionelle "Casa Chorizo" zitiert - jenen Häusern des alten Buenos Aires, deren Zimmer wie Wurstketten hintereinander aufgereiht sind.
Nach den Wochen im ewigen Eis der Antarktis ist die Wärme hier wohltuend. Sei es am einzigen Außenpool Recoletas oder bei einer Spa-Behandlung mit Rotwein-Extrakten: Hier findet meine "Once in a Lifetime"-Expedition ihren fulminanten Schlusspunkt. Es ist der Ort, an dem sich die Demut vor der Natur mit der puren, feurigen Lebenslust der Metropole verbindet.
Am Ende einer solchen Reise ist es die gewonnene Perspektive, die zählt. Mir ist klar geworden: Luxus ist kein Selbstzweck, sondern der Rahmen, der es uns erlaubt, der Welt mit der nötigen Demut zu begegnen.
Raths Reise-Rating (aktuelle Wertung gefettet):
1. Ganz großes Kino
2. Wenn's nur immer so wäre
3. Hohes Niveau, mit ein paar wenigen Schwächen
4. So lala, nicht oh, là, là
5. Besser als im Hostel
6. Ausdrückliche Reisewarnung
Über den Autor: Als früherer Grandhotelier und Betreiber des relevantesten Hotel-Rankings im deutschsprachigen Raum die-101-besten.com ist Carsten K. Rath Globetrotter von Berufs wegen. Sämtliche Hotels, über die er für ntv schreibt, bereist er auf eigene Rechnung.
Rath ist zudem Autor der Bücher "Die 101 besten Hotels Deutschlands". Mit seinem Ranking kam er im Jahr 2024 erstmals in die Schweiz. Bestellen Sie das Buch gern per E-Mail an board@i-sle.ch oder online.
Jetzt neu: PODCAST – "Minibar-Geständnisse, aus Zimmer 101" von Carsten K. Rath, der bei den besten Hoteliers hinter die Kulissen blickt. Zu hören unter anderem bei Apple und Spotify.