Ratgeber

Sparer im Dilemma Niedrigzinsen: Fluch und Segen

Die Europäische Zentralbank steht in Deutschland massiv in der Kritik. Enteignung der Sparer werfen Kritiker den Währungshütern wegen der Niedrigzinsen vor. Doch so mancher profitiert von der Zinsflaute.

In die Sparbüchse oder unter das Kopfkissen stecken nur wenige Deutsche ihr Geld. Die Mehrheit spart weiterhin klassisch mit dem Sparbuch oder Girokonto. Foto: Hans Wiedl

Auch in Deutschland sind die Bürger ja nicht nur Sparer, sondern auch Steuerzahler, Arbeitnehmer, und manch einer finanziert sogar sein Eigenheim

(Foto: dpa)

Die Zinsen sind im Keller, Sparguthaben werfen kaum noch etwas ab, die Altersvorsorge - ob Lebensversicherung oder Betriebsrente - steht unter Druck. Zugleich drehen immer mehr Banken und Sparkassen an der Gebührenschraube, weil sie wegen der Niedrigzinsen weniger verdienen.

Warum sind die Zinsen so niedrig?

Im Kampf gegen Mini-Inflation und Konjunkturschwäche flutet die Europäische Zentralbank die Märkte mit Geld und senkte jüngst den Leitzins auf null. Zugleich müssen Geschäftsbanken Gebühren zahlen, wenn sie ihr Geld auf Konten der EZB parken. Weitere Maßnahmen werden bei der Sitzung des EZB-Rates an diesem Donnerstag zwar nicht erwartet. Allerdings bekräftigt EZB-Präsident Mario Draghi immer wieder, dass die Währungshüter noch ausreichend Pfeile im Köcher haben. "Wir haben keine Sorge, dass uns die Munition ausgeht."

Was bedeuten Niedrigzinsen für Sparer?

Tagesgeld, Sparbuch und Co. werfen kaum noch etwas ab. Welche Folgen dies für Verbraucher hat, lässt sich kaum beziffern. Die DZ Bank kommt auf Einbußen in den vergangenen sechs Jahren von mehr als 260 Milliarden Euro - im Vergleich zu einem unterstellten "Normalzinsniveau". Nach Berechnungen der Postbank haben Sparer in Deutschland der "Bild"-Zeitung zufolge in den vergangenen fünf Jahren mehr als 100 Milliarden Euro an Zinseinnahmen verloren.

Welche Folgen hat die Geldpolitik für die private Altersvorsorge?

Lebensversicherern fällt es immer schwerer, die hohen Zusagen der Vergangenheit zu erwirtschaften. Die Folge: Die Verzinsung des Altersvorsorgeklassikers sinkt seit geraumer Zeit. Auch Betriebsrenten leiden. Firmen müssen wegen der Zinsschmelze immer mehr Geld für die Pensionsverbindlichkeiten zurücklegen. Viele Unternehmen versprechen bei Neueinstellungen daher keine konkreten Leistungen mehr, sondern sagen lediglich zu, einen bestimmten Betrag pro Monat in Vorsorgekassen einzuzahlen. Das Zinsrisiko tragen die künftigen Pensionäre.

Wer profitiert von den Niedrigzinsen?

"Auch in Deutschland sind die Bürger ja nicht nur Sparer, sondern auch Steuerzahler, Arbeitnehmer, und manch einer finanziert sogar sein Eigenheim", sagt Bundesbank-Präsident Jens Weidmann. Verbraucher sparen bei Krediten, ob für den Fernseher oder die eigenen vier Wände. Nach Untersuchungen der FMH Finanzberatung verlangten Finanzinstitute vor fünf Jahren im Schnitt für einen Ratenkredit mit einer Laufzeit von 36 Monaten 7,20 Prozent Zinsen. Inzwischen sind es 4,30 Prozent. Billiger ist es auch geworden, das Konto zu überziehen. Vor fünf Jahren lagen die Dispozinsen im Schnitt bei 11,22 Prozent. Mittlerweile sind des laut FMH 9,50 Prozent. Die Postbank beziffert die Entlastung bei den Zinskosten für Immobilienkredite seit 2011 auf rund 85 Milliarden Euro.

Was ist das Problem der Banken?

Das klassische Geschäft der Banken lohnt sich immer weniger. Sie verdienten lange gut daran, für Kredite mehr Geld zu kassieren als sie ihren Kunden an Zinsen fürs Sparen zahlten. Doch wegen der Niedrigzinsen wird der Unterschied aus beiden Positionen, der Zinsüberschuss, tendenziell kleiner. Die Banken verdienen also mit den Einlagen ihrer Kunden weniger Geld. Kostenlose Konten werden vor diesem Hintergrund zu einer Belastung.

Wie reagieren die Finanzinstitute?

Sie suchen nach neuen Einnahmequellen. So stellt beispielsweise der Vorstandschef der Postbank, Frank Strauß, das kostenlose Girokonto für Privatkunden in Frage. Die Bank arbeite derzeit intensiv an einem neuen Preismodell, das noch dieses oder spätestens nächstes Jahr starten solle, sagte Strauß der "Welt am Sonntag". Ob dabei das Girokonto kostenlos bleibe, könne er noch nicht abschließend sagen. Möglicherweise werde es nur noch bestimmte Konto-Dienstleistungen kostenlos geben. Die Commerzbank will ab 1. Juni von Kunden des bislang kostenlosen Girokontos, die Papierbelege einreichen, eine Gebühr von 1,50 Euro pro Überweisung verlangen. "Wer zu stark an der Gebührenschraube dreht, wird angesichts des starken Wettbewerbs allerdings Kunden verlieren", sagt Finanzexperte Frank-Christian Pauli vom Verbraucherzentrale Bundesverband.

Müssen Privatkunden auf breiter Front sogar mit Strafzinsen rechnen?

Davor scheut sich die Branche noch. Er glaube, "dass es einen Aufschrei gäbe, wenn wir Banken die Sparer mit Strafzinsen belegen würden, und zwar zu Recht", sagte der Präsident des Bayerischen Bankenverbandes, Theodor Weimer, jüngst dem "vbw-Unternehmermagazin". "Wir werden versuchen, das Thema Negativzinsen unseren Privatkunden nicht zuzumuten", sagt auch der Präsident des Dachverbandes der Volks- und Raiffeisenbanken (BVR), Uwe Fröhlich.

Wie könnten Sparer entlastet werden?

Der bayerische Finanzminister Markus Söder (CSU) fordert eine Verdopplung des Sparerfreibetrags auf Zinsen aus Sparguthaben: "Derzeit profitiert vor allem der Staat von den niedrigen Zinsen. Er sollte den Sparern daher wieder etwas zurückgeben. Am besten über den Sparerfreibetrag", sagte Söder der "Bild am Sonntag." Der Freibetrag müsse für Zinsen aus Sparguthaben von 801 Euro beziehungsweise 1602 Euro für Verheiratete verdoppelt werden. "Das wäre ein deutliches Signal, dass sich Sparen in Deutschland noch lohnt."

Quelle: ntv.de, Friederike Marx und Erik Nebel, dpa

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