Ratgeber

Tschüss Chef Selbständigkeit - aber wie?

Die Arbeitszeit frei einteilen, selbst entscheiden, welche Aufträge man annimmt - die Selbständigkeit erscheint vielen Angestellten als Ausweg aus dem langweiligen "9 to 5"-Arbeitsalltag. Auch Kathleen Weise hat die Festanstellung aufgegeben und sich vor drei Jahren als Lektorin selbständig gemacht. Ein Schritt, den sie nicht bereut: "Für mich ist das freie Arbeiten das Beste, was ich mir vorstellen kann", sagt die Leipzigerin.

Immer mehr Menschen in Deutschland haben offenbar diesen Gedanken: Rund 954.000 verdienen nach Angaben des Instituts für Freie Berufe (IFB) in Nürnberg inzwischen so ihren Lebensunterhalt. Die Zahl der Selbstständigen in den Freien Berufen hat sich seit 1992 fast verdoppelt und ist seit 2006 um weitere 5,3 Prozent gestiegen.

Oft ist der Weg in die Selbständigkeit nicht ganz freiwillig: "Arbeitslosigkeit ist nach wie vor ein Grund, warum sich viele auf das Wagnis Selbstständigkeit einlassen, auch sofort nach Abschluss des Studiums", sagt Irene Hohlheimer vom IFB. Aber das ist nicht unbedingt die beste Voraussetzung. "Im besten Fall erfolgt der Schritt in die Selbstständigkeit, wenn man schon Berufserfahrung gesammelt, ein finanzielles Polster und ein Netzwerk aufgebaut hat", meint Hohlheimer. Sie rät, auch betriebswirtschaftliches Know-How zu erwerben. Kathleen Weise beispielsweise hat dafür vor der Gründung ihres Lektoratsbüros ein dreimonatiges Gründerseminar besucht.

Braucht der Markt die Idee?

Potentielle Gründer müssen sich ihren Markt genau ansehen. Dazu gehört auch, die Konkurrenzsituation zu analysieren. "Unverzichtbar ist ein Businessplan, der dazu dient, sich mit allen Facetten der Idee auseinanderzusetzen und das eigene Ziel klar zu formulieren", sagt Irene Hohlheimer vom IFB. Dabei erkenne man dann auch Lücken bei den eigenen Kompetenzen und habe noch die Möglichkeit, daran zu arbeiten. Wenn sich an diesem Punkt herausstellt, dass die Gründungsidee doch nicht trägt, sei noch kein größerer Schaden entstanden.

Wer sich selbstständig machen will, ist gut beraten, das eigene Naturell zu überprüfen. Erste Anhaltspunkte geben Online-Tests, zum Beispiel auf der Gründer-Seite des Bundeswirtschaftsministeriums. So lässt sich herausfinden, ob man über Unternehmer-Qualitäten verfügt oder diese entwickeln kann. "Die ersten Jahre einer Selbstständigkeit sind immer sehr, sehr harte Jahre", sagt Markus Kuhlmann, der Geschäftsführer des Bundesverbandes der Freien Berufe (BFB). Die meisten Existenzgründungen scheiterten in den ersten 24 bis 36 Monaten. "Man ist auf sich gestellt, kann sich nicht mal eben mit dem Kollegen auf der anderen Seite des Schreibtisches austauschen", betont auch Michael Wehran vom Bundesverband der Selbstständigen.

Unternehmer als Geldeintreiber

Der Gedanke daran mag viele Gründungswillige nicht schrecken. Etwas anderes dagegen schon, da sind sich die Experten und Praktiker einig: "Wer nicht mit finanziellen Unsicherheiten leben kann, sollte sich den Schritt wirklich gut überlegen", sagt Kathleen Weise. Sie müsse Rechnungen oft hinterher telefonieren, Mahnungen schreiben, ihr Geld regelrecht eintreiben.

Neben bürokratischen Hürden sei die soziale Absicherung die größte Sorge der Freien. Denn einige Risiken lassen sich kaum abfangen: Eine Arbeitslosenversicherung für Selbstständige gibt es nicht. Die Krankenversicherung muss jeder selbst tragen. Kathleen Weise kennt das alles. "Aber ich möchte nicht mehr in eine Festanstellung", sagt sie. Die Freiheit, ihre eigene Chefin zu sein, sei ihr wichtiger.

Quelle: ntv.de