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"Ratgeber Test" vom 02.05.2013 (Wdh. 06.05.) Hilfe bei Flugverspätungen

Da freut man sich auf die schönste Zeit des Jahres und dann das: Streik am Flughafen oder die Maschine kommt gar nicht erst an, weil sie irgendwo defekt auf dem Rollfeld steht. Der Ärger ist groß. Aber die Passagiere haben inzwischen Rechte. Entschädigungen bis zu 600 Euro sind möglich. Die zu bekommen, ist allerdings nicht einfach. Viele Fluggesellschaften spielen nämlich auf Zeit und lassen die Passagiere hängen.

Noch gern schaut sich Familie Brigmann aus Potsdam die Fotos vom  Italienurlaub aus dem vergangenen Sommer an.  Aber das Ende des Urlaubs  - dann am Flughafen, das wollen Brigmanns am liebsten vergessen. Familienvater Dirk Brigmann erzählt, warum: “Wir hatten schon die Boardingkarten und standen schon auf dem Gate zur Maschine an der Tür. Da mussten wir bereits 30 Minuten warten vor der Maschine. Erst nach 30 Minuten kam die Information: alles zurück.“

Was dann folgte, war vor allem Warten. Informationen gab es nur spärlich. Also hieß es: Kinder bei Laune halten. Zwischendurch schlafen. Insgesamt sieben Stunden saßen Brigmanns auf dem Flughafen in Nizza fest.

Sabine Fischer-Volk von der Verbraucherzentrale Brandenburg  kennt Fälle wie diese. Sie weiß  -  bis 600 Euro Entschädigung pro Passagier sind drin: “Die Verbraucher haben in berechtigten Fällen Anspruch , Ansprüche auf Entschädigung. Es ist nur sehr langwierig, diese auch durchzusetzen. Und leider müssen dann oft auch Rechtsanwälte oder andere Anbieter eingeschalten werden und auch die Verbraucherzentralen, damit die Verbraucher zu ihrem Recht kommen.“

Solche kommerziellen Anbieter sind zum Beispiel Flightrigth, EUclaim oder auch fairplane. Die Idee: Die Passagiere treten ihren Anspruch auf Entschädigung gegenüber der Fluggesellschaft an einen solchen Anbieter ab. Der holt sich die Entschädigungssumme von der Airline zurück.

250 Euro Entschädigung pro Person

Auch Dirk Brigmann hatte sich damals an den Rechner gesetzt. Der Rückflug für die vierköpfige Familie hatte insgesamt rund 300 Euro gekostet. Mit dem sogenannten Entschädigungsrechner war schnell klar, es lohnt sich, dran zu bleiben: “Der Entschädigungsrechner hat ausgeworfen 250 Euro pro Person, 1000 Euro bei vier Personen.“

Bei Flighright hat man sich spezialisiert auf Fälle wie den der Brigmanns. In Potsdam haben die Experten Zugriff auf Millionen Wetter- und Flugdaten weltweit. Philipp Kadelbach  von flightright meint, sind Fälle Höherer Gewalt wie schlechtes Wetter, Streiks oder gar Aschewolken  ausgeschlossen, stehen die Aussichten auf eine Entschädigung nicht schlecht:  “Grundsätzlich bedarf es immer einer verspäteten Ankunft am Endziel, die über zwei Stunden, in der Regel aber über drei Stunden liegen sollte. Das ist erstmal eine Grundprämisse. Dann  muss es schon so sein, dass eine Art Verschulden aufseiten der Airline vorliegt. Ein klassischer Fall wäre der technische Defekt. “

Till Jäger hatte es erst selbst versucht. Nach dem Urlaub in Südamerika wollten er und seine Frau von Caracas zurück nach Berlin – mit Zwischenstopp in Madrid.

Von der Fluggesellschaft nur ein Standardschreiben

Dieser Flug fiel aus; das Ehepaar war vier Stunden zu spät in Berlin. Auf die Aufforderung an die Fluggesellschaft erhielt Jäger ein nichtssagendes Standardschreiben,  ohne auf die Forderung auch nur einzugehen. Kein Wort von Entschädigung. Jäger wandte sich an EUclaim: “Die haben dann für meine Frau und mich jeweils 400 Euro eingeklagt und letzte Woche ist ein Versäumnisurteil ergangen, offensichtlich ist Iberia gar nicht vor Gericht erschienen.“

Kein ungewöhnliches Verhalten weiß Jan Rameken von EUclaim. Das Unternehmen geht bei seinen Fällen immer gleich vor: „ Zuerst versuchen wir die Fluggesellschaften direkt anzuschreiben und zur Zahlung zu bewegen . Falls dies nicht erfolgreich ist, wenden wir uns an die Vertragskanzlei, die dann im Namen der Fluggäste die Ansprüche gerichtlich durchsetzen wird.“

Noch keine offizielle Schlichtungsstelle

Zahlen muss man für Flighright, EUclaim und Co rund 30 Prozent der erhaltenen Entschädigungssumme. Das aber nur im Erfolgsfall. Eine offizielle Schlichtungsstelle gibt es für Flugpassagiere bislang nicht. Für Verbraucherschützer sind daher Anbieter wie Flightright, Euclaim und Co durchaus eine gangbare Alternative, meint Sabine Fischer-Volk von der Verbraucherzentrale Brandenburg : “Diese Firmen machen auch nichts anderes, als dass sie erst einen entsprechenden gewissen Anteil an Gebühren nehmen, wenn die Fluggastrechte tatsächlich gerichtlich auch durchgesetzt sind. Und das kann man, wenn m an sich nicht an eine Verbraucherzentrale wenden will oder einen eigenen Anwalt einschalten will, durchaus in Anspruch nehmen.“

Till Jägers Fall ist gewonnen.  In den nächsten Tagen rechnet er mit rund 560 Euro Entschädigung. Brigmanns aus Potsdam haben das Geld schon. 593 Euro Entschädigung haben sie bekommen. Geld, das sie für ihren nächsten Urlaub sicher gut gebrauche können.

Quelle: ntv.de