Ratgeber
Freitag, 26. August 2011

Falsche Heimatgefühle: Tricks mit Regionalprodukten

von Isabell Noé

Produkte aus der Region kommen ohne lange Transportwege zum Kunden und mit ihrem Kauf fördert man auch noch die heimische Wirtschaft. Doch wer im Supermarkt zu vermeintlich regionalen Erzeugnissen greift, wird oft getäuscht. Das liegt auch daran, dass die Anbieter den Begriff "Region" meist sehr großzügig definieren.

Auf dem Wochenmarkt findet man am ehesten Regionalprodukte.
Auf dem Wochenmarkt findet man am ehesten Regionalprodukte.(Foto: picture alliance / dpa)

Der Verbraucher hat die Liebe zur Heimat entdeckt. Nachdem sich inzwischen die Erkenntnis durchgesetzt hat, dass eine normale Tomate vom heimischen Gemüsebauern auch aus ökologischen Gründen dem spanischen Bioprodukt vorzuziehen ist, setzen Hersteller und Einzelhandel verstärkt auf die Regional-Schiene. Bei Lidl findet man nun "Ein gutes Stück Heimat" bei Rewe gibt es Lebensmittel "Aus unserer Region" und Edeka verkauft Produkte mit dem "Unsere-Heimat"-Siegel, um nur einige Beispiele zu nennen.

Der Kunde kauft mit gutem Gewissen, weil er glaubt, so lange Transportwege zu vermeiden und die regionale Wirtschaft zu unterstützen. Oft ist das aber ein Trugschluss, wie eine Untersuchung der Zeitschrift "Ökotest" zeigt. Die Tester haben dafür 53 Produkte in ganz Deutschland eingekauft, die mit regionalen Bezügen werben. Echte Regionalprodukte, die zum Großteil aus regionalen Rohstoffen vor Ort hergestellt und vermarktet werden, haben Seltenheitswert. Oft stammt lediglich die wichtigste Zutat aus heimischem Anbau, manchmal reicht es auch, wenn importierte Rohstoffe in der Gegend weiterverarbeitet oder abgepackt werden. So findet man etwa in den Regalen von Plaza/Sky Kaffee, Reis oder Rotbuschtee unter dem Label "Unser Norden". Von norddeutschen Kaffeeplantagen oder Reisfeldern hat man zwar noch nie gehört, aber darauf kommt es offenbar auch nicht an, solange eine norddeutsche Firma dafür sorgt, dass das Ganze nach "nordischem Geschmack" verarbeitet wird.

Ganz Deutschland als Region

Bisweilen ist auch der Begriff "Region" ziemlich großzügig ausgelegt. So kauften die Tester in einem Lidl-Markt im mecklenburgischen Neustrelitz Birnen-Johannisbeersaft, der im bayrischen Lindau hergestellt wurde. Bei einer Entfernung von gut 800 Kilometern ist das Siegel "Ein Gutes Stück Heimat" doch ein wenig irreführend. Das Absatzgebiet für die "Unsere Heimat"-Produkte von Edeka Nord und Südwest umfasst zwar nicht ganz Deutschland, ist mit jeweils mehreren Bundesländern aber immer noch zu groß für echte Regionalprodukte, kritisiert Ökotest.  

Den Bergiff "Region" fasst auch Edeka ziemlich weit.
Den Bergiff "Region" fasst auch Edeka ziemlich weit.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Nicht nur Supermärkte und Discounter setzen auf Heimatliebe, auch einige Hersteller verpassen ihren Waren einen Bauernmarkt-Anstrich. Schwartau etwa verkauft jetzt Marmelade unter dem Etikett "Hofladen Heimische Fruchtsorten". "Heimisch" heißt aber nicht unbedingt, dass das verwendete Obst in hiesigen Gefilden wächst - die Erdbeeren für die Sanddorn-Erdbeermarmelade stammen unter anderem aus dem Baltikum und Südosteuropa. Es handle sich dabei um die "Wiederentdeckung heimischer Fruchtsorten", gibt das Unternehmen auf Nachfrage von Ökotest an. Dass Erdbeeren eine vergessene Fruchtsorte sein sollen, versetzt die Tester allerdings in Erstaunen. Auch Eckes-Granini bietet den Klassiker "Hohes C" jetzt mit "Heimischen Früchten" wie Apfel, Quitte oder Johannisbeere an. Kriterium ist hier, dass die Früchte in Deutschland oder Österreich angebaut und verarbeitet werden. Für die zugesetzte brasilianische Acerolakirsche macht man eine Ausnahme. Als Regionalprodukt gehen die Säfte damit nicht durch – aber das ist nach Angaben des Herstellers auch gar nicht beabsichtigt.

Auch Regionalvermarkter patzen

Ein einheitliches Label, wie etwa das Biosiegel für ökologisch erzeugte Produkte, gibt es für regionale Lebensmittel nicht. Und so können auch die Regionalen Vermarktungsinitiativen ihre Kriterien selbst festlegen. Dabei sind sie zwar zum Teil durchaus streng, doch nicht immer wird man den eigenen Ansprüchen auch gerecht. Das Label der Initiative "Landmarkt Hessische Direktvermarkter" etwa dürfen Hersteller laut eigener Aussage nur verwenden, wenn 100 Prozent der Rohstoffe aus Hessen stammen. Doch bei der Einhaltung dieser Richtlinien ist man nicht kleinlich: Die bei Rewe gekauften Röhner Eiernudeln mit dem Label bestehen beispielsweise zu 70 Prozent aus Hartweizengrieß, der aus Baden-Württemberg stammt.

Fazit: Echte Regionalprodukte im Supermarkt sind die Ausnahme. Am größten sind die Chancen auf regionalen Bauern- und Wochenmärkten.

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Quelle: n-tv.de