Ratgeber
Im Schadensfall dürfen Versicherungen ihre Kunden nicht im Regen stehen lassen. Doch wer zu teuer kommt, muss sich eventuell irgendwann neuen Schutz suchen.
Im Schadensfall dürfen Versicherungen ihre Kunden nicht im Regen stehen lassen. Doch wer zu teuer kommt, muss sich eventuell irgendwann neuen Schutz suchen.(Foto: imago/Xinhua)
Mittwoch, 27. Juni 2018

Tenhagens Tipps: Wenn die Versicherung mit Rauswurf droht

Wer eine Versicherung abschließt, der will Sicherheit. Die Versicherungen dagegen wollen Geld verdienen. Und wenn sie merken, dass das nicht mehr möglich ist, wird’s für die Kunden brenzlig. Finanztip-Chef Tenhagen erklärt, wann Versicherten der Rauswurf droht.

n-tv.de: Dürfen Versicherungen Verträge einfach auflösen?

Hermann-Josef Tenhagen: Das kommt drauf an. Bei Personenversicherungen, wird für den Schadenfall eine bestimmte Auszahlung vereinbart, da geht das nicht. Dazu gehören zum Beispiel Lebensversicherungen oder Berufsunfähigkeitspolicen. Die darf der Versicherer nicht einseitig auflösen. Anders sieht es bei Sachversicherungen aus. Die können ordentlich gekündigt werden, normalerweise zum Ende des Versicherungsjahrs. Außerdem kann die Versicherung – und übrigens auch der Kunde – nach einem Schaden außerordentlich kündigen, normalerweise wenn sie innerhalb von zwölf Monaten zwei Schäden reguliert hat.

Passiert sowas denn oft?

Das kommt auch gar nicht so selten vor. Die Axa versucht zum Beispiel gerade, 17.500 Verträge über eine "Unfall-Kombirente" loszuwerden, weil ihr das ganze Produkt zu teuer wird. Klassischerweise sind auch Gebäudeversicherungen und Rechtsschutz anfällig. Die Ergo zum Beispiel wollte vor ein paar Jahren 120.000 Kunden aus der Wohngebäudeversicherung in andere Verträge lotsen und hat mit Kündigung gedroht. Und auch von der Arag kennt man solche Fälle.

Oft läuft es so, dass sich die Versicherungen Verträge genauer angucken, die auf eine bestimmte Kostenquote kommen. Also zum Beispiel Kunden, die in den letzten zwei Jahren zwei Schäden gemeldet haben, die höher waren als das, was sie in den letzten fünf Jahren eingezahlt haben.

Und die werden dann rausgeworfen?

Da gibt es zwei Strategien: Ein Kompositversicherer, der viele verschiedene Produkte verkauft und womöglich auch einen Außendienst hat, wird wahrscheinlich erstmal eine Preiserhöhung schicken oder den Selbstbehalt erhöhen. Wenn er dem Kunden eine Police einfach kündigt, dann ist der womöglich so verärgert, dass er auch seine anderen Policen bei dem Versicherer auflöst. Das will man ja gar nicht.

Spezialisierte Versicherer – so wie damals die Arag, die im Rechtsschutz ja sehr stark ist – haben diese Not nicht. Die Leute, die rausgeworfen werden, haben nicht die Möglichkeit, zurückzudrohen, und zu sagen "die Kfz kündige ich euch auch". Die müssen dann nur überlegen, wie hoch der Reputationsschaden ist.

Für den Kunden ist die erste Variante auf jeden Fall besser. Der will lieber gesagt bekommen "es wird deutlich teurer" und dann eben selber kündigen. Das macht die Suche nach einem neuen Versicherer deutlich einfacher.

Kann die Versicherung den Kunden auch rauswerfen, bevor sie einen Schaden reguliert hat?

Nein, das geht nicht. Die müssen den schon bezahlen

Ist es ein Alarmsignal, wenn nach einem Schaden die Prämie steigt?

Wenn die so viel teurer wird, dass man das als bedrohlich empfindet, kann man natürlich einfach gehen. Und das sollte man auch tun. Die neue Versicherung fragt nämlich immer, wo der Interessent zuletzt versichert war und ob es in den letzten drei bis fünf Jahren Schäden gab. Wenn man dann angeben muss, dass der Vorversicherer schon drei Mal zahlen musste, wird es schwierig. Dann fragt sich der neue Anbieter nämlich, ob der Interessent nur ein Pechvogel ist, oder ob es irgendwelche anderen Zusammenhänge gibt.

Da kommt dann das Hinweis- und Informationssystem (HIS) ins Spiel.

Genau, das ist die Wagnisdatei der Versicherer. In dem Informationssystem werden alle Kundendaten gesammelt, die in den letzten Jahren irgendwie auffällig geworden sind. Das kann sein, wenn ein Kunde besonders viele oder auch untypische Schäden gemeldet hat. Aber auch, wenn er zu einer besonderen Risikogruppe gehört, zum Beispiel mit einer chronischen Krankheit. Solche Informationen sind dann aber nach Sparten geordnet. Das Krankheitsrisiko geht ja die Haftpflichtversicherung nichts an.

Wenn man die Versicherung wechseln will, sollte man jedenfalls ruhig mal nachfragen, was da so gespeichert ist. In solchen Datenbanken passieren ja auch Fehler. Und wenn der neue Versicherer falsche Einträge findet, untergräbt das natürlich die Vertrauenswürdigkeit.

Kommt man denn ran an die Daten?

Ja. Jeder hat das Recht zu erfahren, was da über ihn gespeichert ist. Wie bei der Schufa kann man eine kostenlose Selbstauskunft anfordern, und das übrigens auch mehrmals im Jahr. Dazu muss man Namen, Geburtsjahr, Adresse und gegebenenfalls die vorherigen Anschriften angeben. Bei Finanztip erklären wir, wie das genau geht.

Mit Hermann-Josef Tenhagen sprach Isabell Noé

Quelle: n-tv.de