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Große Sportmomente 2019 Als Klopp seine Größe in der Niederlage zeigt

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Lionel Messi bereitete Jürgen Klopp im Mai einen bitter-schönen Abend.

(Foto: imago images / DeFodi)

Das Jahr 2019 liefert große Triumphe, Rekorde und Skandale. Die n-tv.de-Sportredaktion hat aber auch die Momente beobachtet, die keinen Einzug in Ergebnislisten finden und uns doch beeindrucken. Erinnern Sie sich doch einfach mit.

Jürgen Klopps großer Moment in Barcelona

Welttrainer des Jahres, Klubweltmeister, der Champions-League-Titel und ein gewaltiger Vorsprung auf dem Weg zum ersten Titel in der Premier League für seinen FC Liverpool seit 30 Jahren: Jürgen Klopp hat ein Jahr der Triumphe hinter sich. Einen ganz großen Moment hat er aber in einer bitteren Niederlage geliefert. Am 1. Mai, im Hinspiel des Champions-League-Halbfinals, begeisterte sein Team im Camp Nou, zwang dem großen FC Barcelona sein Spiel auf, gewann mehr Zweikämpfe, erspielte sich mehr Ecken und war der erste Verein seit Menschengedenken, der in dieser Fußball-Kathedrale mehr Ballbesitz hatte, als der Gastgeber um Lionel Messi - und verlor mit 0:3.

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Wirkt Jürgen Klopp auf Sie wie jemand, der gerade eine bittere Niederlage kassiert hat?

(Foto: imago images / Jan Huebner)

Statt enttäuscht und verzweifelt ob des - so dachte man damals - sicheren Ausscheidens und der Ungerechtigkeit des Sports an sich, zeigte sich Klopp begeistert: "Wir haben ein super Spiel gemacht. Das Problem ist, dass man das am Ergebnis nicht sieht. Es war ein geiles Fußballspiel. Außer dem Ergebnis fand ich alles gut", analysierte der Trainer stolz das Spiel. "Ich habe Spaß gehabt an dem Spiel. Gegen so einen Spieler wie Lionel ist es wahnsinnig schwer." Messi hatte zwei Tore geschossen. Klopp lieferte eine Lehrstunde in Sachen Fußballverständnis: Der Ergebnissport bietet Unwägbarkeiten, die sich dem Zugriff der Analytiker entziehen. Es gibt Niederlagen, an denen niemand Schuld hat, die nicht auf Fehler zurückgehen sondern sich alleine damit erklären lassen, dass der Gegner entscheidende Dinge schlicht etwas besser gemacht hat. Diese Erkenntnis ist groß - und zeugt von großer Begeisterung für das Spiel. Und der Rest dieses besonderen Halbfinals ist Geschichte.

Till Erdenberger bewunderte Jürgen Klopp schon, als der noch Trainer des 1. FSV Mainz 05 war. "Alles, was ich bin, alles was ich kann, habt ihr mich werden lassen. Alles!", hatte Klopp ihm und 20.000 anderen Mainzern bei seinem Abschied nach Dortmund zugerufen. Der Kollege wartet insgeheim immer noch auf eine Dankesnote aus Liverpool.

Ein Sonnenschein im französischen Sommer

Eben noch haben die meisten der 77.768 Zuschauer im Wembley-Stadion von London noch die englische Nationalhymne gesungen, die Fähnchen mit dem roten Kreuz auf weißem Grund werden geschwenkt. Es läuft die Anfangsphase des Fußball-Länderspiels der Engländerinnen gegen die DFB-Auswahl - und Lena Oberdorf spielt als wäre ihr diese Kulisse ebenso vertraut wie ihr täglicher Weg zur Schule. In diesem Moment beweist die Zwölftklässlerin wieder einmal, warum sie von allen mit den schwärmerischen Worten "abgezockt", "Wahnsinnstalent" und "reine Freude" beschrieben wird.

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Lena Oberdorf überzeugte bei der WM - nicht nur unsere Kollegin Anja Rau.

(Foto: imago images / DeFodi)

Nach einem gewagten Rückpass vor den Strafraum dribbelt die Verteidigerin ihre Gegenspielerin Ellen White ganz frech aus - und die hatte bei der Weltmeisterschaft in Frankreich immerhin den "Bronzenen Schuh" als drittbeste Torschützin des Turniers gewonnen. "Obi", wie sie im Team genannt wird, wurde am 19. Dezember 18 Jahre alt. Bei der WM, die für die DFB-Elf mit dem Aus im Viertelfinale gegen Schweden enttäuschend endete, verzückt die jüngste deutsche Spielerin die Fans und Experten mit ihrer Abgeklärtheit, ihrer Ruhe, ihrer Übersicht, aber auch ihrer Unbekümmertheit. Im April hatte sie unter Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg debütiert. Nun, am Ende des Jahres, hat sie zwölf Länderspiele absolviert und zwei Tore erzielt - und läuft wie selbstverständlich als Abwehrchefin auf. Oberdorf ist eine Verheißung für die Zukunft der Nationalelf. Das nächste Ziel ist die Europameisterschaft 2021 - in England.

Anja Rau begleitete die deutsche Fußball-Nationalelf während der Weltmeisterschaft drei Wochen durch den französischen Sommer.

Der Revolutionär tritt ab

Dirk Nowitzki stand im Mittelpunkt. Nicht metaphorisch gesprochen, sondern tatsächlich. Am 9. April waren fast alle Lichter in der Basketball-Arena zu Dallas ausgeschaltet. In der Mitte des Spielfeldes stand Nowitzki, inmitten eines großen Lichtkegels. "Viele von euch werden es schon geahnt haben", sagte er. "Das ist mein letztes Heimspiel." Er atmete tief durch, kämpfte mit den Tränen. Wie so viele, als Nowitzki das verkündete, was doch eigentlich alle schon geahnt hatten. Dass er seine beeindruckende Karriere beenden würde. Nach 21 Spielzeiten in der NBA. Vor der Saison hatte er sich gequält, um trotz wiederkehrender Probleme mit seinem Fuß auf dem Feld stehen zu können. Ihm war anzusehen, wie schwer es ihm fiel, mit seinen 40 Jahren in der besten Liga der Welt mitzuhalten. Und doch, als er seinen Abschied von der großen Bühne verkündete, hatte nicht nur er selbst feuchte Augen.

Als Nowitzki 1999 sein erstes Spiel für die Mavericks absolvierte, war der Klub eine der Lachnummern der NBA. Als Nowitzki 2019 abtritt, gilt Dallas als eine der besten Adressen der Liga. Und Nowitzki als Legende. Als Revolutionär, der das Spiel nachhaltig veränderte. "Der größte Spieler, den die Stadt je gesehen hat", sagte sein Trainer Rick Carlisle. Weil er dem Klub trotz zahlreicher Playoff-Enttäuschungen treu blieb, sein Spiel von Jahr zu Jahr weiterentwickelte und 2011 mit der ersten und noch immer einzigen Meisterschaft der Mavericks-Historie krönte. Nun aber war es Zeit für ihn, nach 1667 Partien für seinen Klub aufzuhören. Um das bekannt zu geben, stand er noch einmal im Mittelpunkt. Im Licht der Scheinwerfer, das der trotz seiner herausragenden Erfolge stets bescheidene Würzburger nie gesucht hatte. Sichtbar kämpfte er mit seinen Emotionen: "Ich versuche meine Yoga-Atmung anzuwenden, aber es funktioniert nicht wirklich." Und das ging eben nicht nur ihm so, sondern vielen Fans. In Dallas, aber auch in Deutschland.

Auch Torben Siemer musste ein paar Mal tief durchatmen, als der Spieler aufhörte, der seine Basketball-Begeisterung geweckt hat.

Pizarro liefert immer noch aus

Es ist der 5. Februar 2019. Vor gut zehn Jahren hat der SV Werder Bremen den bisher letzten Titel gewonnen, den DFB-Pokal, was sonst. Jetzt läuft die 108. Minute des Pokal-Achtelfinals und die Bremer liegen mit 1:2 bei der übermächtigen Borussia aus Dortmund hinten. Wird wohl nichts mit der Jubiläums-Wiederholung. Doch dann bekommt Kevin Möhwaldt am rechten Strafraumeck einen eher halbwegs gefährlichen Ball und spielt ihn eher halbgefährlich in Richtung Fünfer. Der Ball kann niemals bei den beiden Bremern im Zentrum ankommen, vier Schwarz-Gelbe umsäumen sie. Aber Axel Witsel fälscht ihn ab - und dann tritt der eingesprungene Claudio Pizarro auf den Plan. Der damals 40-Jährige hüpft wie ein Jungspund in den zur Flanke gewordenen Pass. Mit einer unglaublich komplizierten Bewegung nimmt er den Ball mit dem rechten Fuß gleichzeitig an und mit, dreht sich um die eigene Achse und den Torhüter. Noch bevor die Kugel den Boden berührt, streichelt der Peruaner sie - immer noch mit dem rechten Fuß - über die Linie zum 2:2. Ein Kunststück, bei dem viele 20-jährige Bundesligaprofis sich die Beine brechen würden.

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28. Januar 2009: Claudio Pizarro im DFB-Pokal gegen Borussia Dortmund.

(Foto: imago sportfotodienst)

Am 28. Januar 2009 hatte Pizarro Dortmund ebenfalls aus dem Achtelfinale gekegelt, damals nach Zuspiel von Mesut Özil. Per Mertesacker, Diego und Clemens Fritz waren damals die ersten Gratulanten. Seit Jahrzehnten begeistert der südamerikanische Stürmer, seit Jahrzehnten trifft er besser als fast alle, die es ihm nacheifern wollen. Als er um noch ein Jahr an der Weser verlängert zum Ende der Saison 2018/2019 jubelt ganz Bremen - völlig zu Recht. Er liefert nicht nur Tore (ok, nicht mehr am Fließband, aber das erwartet niemand von einem 41-Jährigen), sondern lebt auch in Sachen Arbeitsmoral und Ehrgeiz den Jüngeren vor, wie man lange erfolgreich bleibt. Das Spiel gegen Dortmund im Februar 2019 gewinnt Werder mit 7:5 im Elfmeterschießen. Dass es mit der Jubiläums-Wiederholung nichts wird, liegt im Halbfinale gegen den FC Bayern vor allem am Schiedsrichter und VAR , wie jeder in Deutschland weiß.

David Bedürftig wünscht sich in der aktuellen Situation bei Werder Bremen, dass doch nur ein jeder Spieler der Grün-Weißen ein wenig wie Pizarro sein könnte - dann stünden die Werderaner 41 Mal besser da.

Quelle: ntv.de