Fußball-EM

Belgiens Torjäger Lukaku Ein Typ, der dem DFB-Team dringend fehlt

Schon jetzt ist Romulu Lukaku einer der Stars der Fußball-Europameisterschaft. Zusammen mit Belgiens goldener Generation hat er gute Chancen auf den Titel. Dabei zählt für ihn viel mehr als das Geschehen auf dem Platz.

Getroffen hat Romelu Lukaku diesmal nicht. Was inzwischen zur Seltenheit geworden ist. In seinen 44 Länderspielen für Belgien seit der Europameisterschaft 2016 hat er 42 Treffer erzielt. An diesem Abend gab es wichtigere Dinge. Als sich nach der zehnten Minute das ganze Stadion für Christian Eriksen erhob und applaudierte, flossen auch bei Lukaku Tränen. Sichtlich gerührt fiel dieser wuchtige 1,91-Meter-Mann in die Arme des BVB-Profis Thomas Delaney und des Leicester-Torwarts Kasper Schmeichel.

Das Spiel gestern rückte tatsächlich etwas in den Hintergrund. Schließlich fand es an dem Ort statt, an dem Lukakus Freund und Teamkollege bei Inter Mailand, Christian Eriksen, vor knapp einer Woche um sein Leben rang. Die gesamte Weltöffentlichkeit sah an diesem sonnigen Samstagnachmittag mit an, wie der Däne knapp dem Tod entkam. Auch Lukaku. Er sagte später, dass er zuletzt mit Eriksen mehr Zeit als mit seiner Familie verbracht hat.

"Es war ziemlich schwer, mich zusammenzureißen", sagte am vergangenen Samstag Lukaku, der mit seiner belgischen Nationalmannschaft am selben Abend noch gegen Russland spielte: "Ich hatte es wirklich schwer, mich zu fokussieren. Aber meine Teamkollegen haben mir geholfen." Er habe einige Tränen vergossen. Fußball spielte er später trotzdem.

"Chris, Chris, I love you!"

Und wie: Schon in der zehnten Minute traf Lukaku im Russland-Spiel. Eigentlich stand er im Abseits, aber zwei russische Verteidigter verlängerten eine verunglückte Flanke von Dries Mertens. Und so musste Lukaku frei stehend vor dem gegnerischen Keeper den Ball einfach nur einschieben. Das ließ er sich nicht mehr nehmen. Danach entstand eine Szene, die auch um die Welt ging. Zum Jubeln rannte Lukaku auf die TV-Kamera zu und rief seinem Freund im Krankenhaus zu: "Chris, Chris, I love you!"

Es ist nicht nur die Verbindung zu Christian Eriksen, die Lukaku schon jetzt zu einem der Stars der EM macht. Mit seinen bisher zwei Treffern und dem aussichtsreichen belgischen Team hat der Ausnahmestürmer gute Chancen, als bester Torjäger aus dem Turnier zu gehen. Es ist auch seine Herkunft, die ihn zu einem der bemerkenswerten Spieler dieser EM macht.

Aufgewachsen ist der 28-Jährige in Antwerpen, Brüssel und Liège. In seiner Kindheit lebte er in absoluter Armut. Wie er in "The Players Tribune" erzählt, war sein Vater selbst Fußballprofi, doch das Geld war nach dem Karriereende schnell aufgebraucht. Stück für Stück verschlechterte sich damit auch der Lebensstil. Irgendwann konnten sie sich Fußball im Fernsehen nicht mehr leisten, dann nicht einmal mehr den Fernseher und später auch keinen Strom. Ratten rannten durch die Wohnung. Irgendwann musste Lukaku mitansehen, wie seine Mutter die Cornflakes mit Wasser streckte. Für ihn war der Fußball der Weg aus der Armut. Er gehe deshalb jedes Spiel wie ein Finale an, so der Torjäger.

Wie vermutlich viele junge Schwarze Fußballer machte auch Lukaku mehr oder weniger direkte Rassismus-Erfahrungen. Im "Players Tribune" schildert er, wie er als Elfjähriger aufgefordert wurde, seinen Pass vorzuzeigen, weil der Vater eines Gegners an seiner Identität zweifelte. Und auch im Profi-Fußball wurde es nicht besser. Nach seinen ersten Auftritten schrieb die Presse über ihn: Lief es gut, war er der belgische Stümer. Lief es schlecht, war er der Angreifer mit kongolesischen Wurzeln.

Tore, Tore, Tore

Solche Momente verfolgten ihn auch später in seiner Karriere. Nach seinem Durchbruch in Belgien wechselte er nach England zum FC Chelsea, konnte sich dort aber nie richtig durchsetzen. Die Blues verliehen ihn gleich zwei Mal, erst nach West Brom, dann nach Everton. Von da an ging es erst nach Manchester United. Dort aussortiert zog es ihn zu Inter Mailand. Das Potenzial war immer da, aber nie schaffte Lukaku, es konstant auszuschöpfen. Insgesamt flossen laut transfermarkt.de über 210 Millionen Euro Ablöse und Leihgebühren.

Erst in Mailand wandelte sich etwas. Das Spiel von Lukaku wurde vor allem taktisch besser. Er explodierte förmlich. In 72 Serie-A-Spielen traf er insgesamt 47 Mal. In der Europa League 2019/20 traf er in allen Partien mit Inter. Zusammen mit den vier EL-Spielen bei Everton 2015/16 sind es inzwischen zehn aufeinanderfolgende Spiele mit erzielten Toren - Rekord.

Zur EM reiste er mit einem Formhoch. Wettbewerbsübergreifend erzielte er dieses Jahr in 44 Spielen für Inter 30 Tore. Seine imposante Physis, das hohe Tempo: Manch Kommentator spricht nur darüber, wie das leider häufig bei Schwarzen Fußballern ist. Oft wird Spielintelligenz eher seinen Mitspielern zugeschrieben, dabei besitzt Lukaku gerade davon ungemein viel. In einer Zusammenfassung des Dänemark-Spiels wird er ein "Usain-Bolt-Double" genannt. Dass er vor dem 1:1 noch im Vollsprint das Auge für Kevin De Bruyne im Rückraum hat, wird nicht erwähnt. Auch beim 1:0 gegen die Russen gehört es zu Lukakus Cleverness und Spielverständnis, im Abseits auf den Fehler von Andrei Semyonov zu lauern.

"Dinge gehört, die man im Fußball nie hören sollte"

Vor zwei Jahren musste Lukaku sich bei einem Auswärtsspiel in Cagliari vor einem Elfmeter mal Affenlaute und Beleidigungen anhören. Sein Teamkollege Milan Skriniar verteidigte ihn damals: "Ich habe Dinge gehört, die man im Fußball nie hören sollte. Dinge dieser Art dürfen nie wieder passieren." Lukaku zeigte sich schockiert: "Es ist 2019 und wir entwickeln uns zurück."

Dass es sich auch zwei Jahre später mit der Weiterentwicklung in Grenzen hält, wird auch bei der EM deutlich. In Anlehnung der "Black Lives Matter"-Bewegung knieten die Belgier bei ihrem EM-Auftakt in St. Petersburg gegen Rassismus. Doch von der Aktion war das russische Publikum nur wenig angetan: Die Fans pfiffen und buhten unermüdlich. Lukaku reckte seine Faust in die Höhe.

Mehr zum Thema

Der Stürmer machte es im Anschluss, wie er es schon immer machte. Er schoss seine Tore. Nach der Partie wurde er für seine zwei Treffer zum "Star of the Match" gewählt. Während der russische Coach bei den Pfiffen der Fans rumdruckste, ließ Lukaku sein Statement auf dem Rasen und war froh, dass es seinem Freund Eriksen wieder besser geht.

Bei der deutschen Nationalmannschaft gibt es eine Sehnsucht nach so einem Spielertypen. Nicht nur, weil er ein hervorragender Mittelstürmer ist, der Joachim Löw fehlt, sondern auch, weil er in aller Konsequenz Haltung zeigt. Klar, auch im DFB-Team gibt es Spieler wie Serge Gnabry, Leon Goretzka und Joshua Kimmich, die sich öffentlich zu Themen abseits des Fußballs äußern. Aber nicht so konsequent wie Romulo Lukaku.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.