Fußball

Die Lehren des 26. Spieltags BVB kann's ohne Wand, Liga sucht ihre Seele

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Erling Haaland trifft zum ersten Geister-Tor der Bundesliga.

(Foto: imago images/Poolfoto)

Ziemlich still war der 26. Spieltag der Fußball-Bundesliga. Der Restart ohne Fans irritiert selbst den großen FC Bayern, beim FC Schalke dürfte man sich dagegen im Nachhinein freuen, dass das Revierderby niemand im Stadion verfolgen darf. Hertha gibt derweil zu viel Normalität preis.

Bayern vermisst Atmosphäre und Spielgenialität

Das Stadion an der Alten Försterei war - wie alle anderen Arenen - leer. Umso mehr fiel die Spielunterbrechung in der 18. Minute auf. Thomas Müller hatte getroffen, es dauerte einige Zeit, bis mithilfe des Video-Assistenten klar war: Beim Kopfball von Serge Gnabry zum Ur-Bayern stand dieser knapp im Abseits. Sinnbild für das zähe Spiel der Münchner, die zwar überlegen waren, aber gegen den 1. FC Union nicht glänzen konnten, trotz eines 2:0-Sieges. Das Team von Nun-Langzeit-Trainer Hansi Flick präsentierte sich nicht in Topform und kam dann erst dank eines von Neven Subotic verursachten Foulelfmeters (40./Lewandowski) zur Führung. Woran es noch so haperte und warum einzig Robert Lewandowski seine Sache kaum besser machen kann? Das lesen Sie hier.

BVB kann sich auf seinen tiefen Kader verlassen

Keine gelbe Wand? Kein Problem. Von allen Bundesligisten scheint Borussia Dortmund am ersten Geister-Spieltag am besten mit der grauen Wand und der nicht vorhandenen Fan-Atmosphäre klargekommen zu sein. "Unsere Fans sind nicht da, die gelbe Wand ist nicht da, das ist sehr, sehr komisch", befand Trainer Lucien Favre zwar. Aber seine Mannschaft zauberte bisweilen sogar ein wenig und fertigte mit einer spielfreudigen Vorstellung und vier Treffern den leblosen FC Schalke 04 ab. Selbst Lukas Podolski witzelte online: "Schalke 0:4". Natürlich war es mal wieder Erling Haaland (wer sonst?), der die Dortmunder Führung (und das erste Tor der Liga nach der Corona-Pause) nach feinem Zuspiel erzielte. Auf den jungen Stürmer-Star ist also weiter Verlass, gute Nachrichten für den BVB. Froh dürften die Schwarz-Gelben auch über die agile Zentrale um Julian Brandt und Mahmoud Dahoud sein sowie über den weiterhin formstarken Raphaël Guerreiro, der in der Rückrunde schon fünf Tore erzielt hat.

Weil auch Thorgan Hazards Formkurve nach oben zeigt (ein Tor und eine Vorlage gegen Schalke, vier Scorerpunkte in den vergangenen drei Partien), kann der BVB es sich sogar erlauben, Jadon Sancho von der Bank kommen zu lassen. Kein Marco Reus, kein Emre Can, kein Axel Witsel - und damit keiner der emotionalen Antreiber -, aber trotzdem ein dominanter Sieg. Das gibt den Dortmundern zusätzlich Selbstvertrauen und taktische Variabilität im Meisterschaftskampf. Besonders, da in den kommenden Englischen Wochen ein tiefer Kader ein entscheidender Vorteil gegenüber Bayern München sein könnte. Am 26. Mai geht es dann im Liga-Gipfel zu Hause gegen den Spitzenreiter - mal schauen, was Podolski dann twittert.

Schalke führt eine Alibi-Torwart-Debatte

Nun ja, die Mär vom Mannschaftssport, bei dem alle zusammen verlieren oder alle gemeinsam gewinnen, ist im Profifußball so manches Mal hinfällig. Bei der üblen 0:4-Derby-Pleite gegen den Erzrivalen aus Dortmund jedenfalls konnte kein Schalker überzeugen. Dennoch traf es am Ende vor allem einen: Torhüter Markus Schubert. Trainer David Wagner lastete dem U21-Keeper in aller Öffentlichkeit einen Fehler an. "Schubi ist mitverantwortlich für das zweite Tor, das hat jeder gesehen", sagte er. Gemeint war das 2:0 (45.) durch Raphael Guerreiro. In der Entstehung des Treffers hat Schubert den Ball, wird von Haaland angelaufen, in der Bedrängnis feuert der Schlussmann ins Mittelfeld, wo mit Achraf Hakimi ausgerechnet ein BVB-Spieler ihn direkt vor die Füße bekommt und das Tor gedankenschnell einleitet. Klar, schön ist das nicht, aber ein klarer Fehler von Schubert?

Die deutliche Kritik wird umso belastender, da die Torhüter-Diskussion auf Schalke ohnehin schwelt. Eine kleine Auffrischung nach der Corona-bedingten Pause: Eigentlich-Nummer-eins-Keeper Alexander Nübel hatte sich mit einem vorzeitig bekannt gewordenen Wechsel zum FC Bayern selbst aus der Startelf katapultiert. Nübel sitzt zwar als Ersatztorwart auf der Bank, spielen soll er aber lieber nicht. Der dritte Torhüter der Schalker ist Michael Langer, seit 2017 im Verein - seitdem null Starelfeinsätze, null Spiele und null Spielminuten. Offensichtlich ebenfalls keine Alternative zu Schubert.

Der 21-Jährige aber wird nicht zum ersten Mal angezählt: Wagner hatte schon nach dem 0:5 in München am 25. Januar kritisiert, dass sein Torhüter bei zwei Toren "beteiligt" war, "da brauchen wir um den heißen Brei nicht herumzureden". Überhaupt spielte Schubert nur zweimal zu null, kassierte in sieben Spielen bislang 13 Tore. Klubboss Clemens Tönnies will die Debatte um den Platz im Tor mangels Alternative aber lieber vereiteln: "Die wollen wir nicht anfangen. Wir werden uns die Nase putzen. Jetzt sind der Trainer und die Truppe gefragt. Fertig", sagte er. So richtig gelingt ihm das nicht.

Hertha lässt die Kirche vor dem Stadion

Hertha spielt nach verschiedenen Corona-Pausen-Possen (Kalou, Lehmann) endlich wieder Fußball - und sogar ganz ansehnlich. Manch Herthaner rieb sich vor dem TV-Bildschirm vielleicht verwundert die Augen, denn die Berliner schossen bei der Premiere von Bruno Labbadia sogar drei Tore. Auch wenn die Hertha das Spiel nicht 90 Minuten lang dominierte - das wäre nach der Corona-Pause auch etwas zu viel erwartet - der neue Trainer scheint etwas bewirkt zu haben in den wenigen Wochen, in denen er im Amt ist. Das neue Selbstbewusstsein der Berliner hat man in der Hauptstadt auf jeden Fall lange nicht mehr gesehen. Labbadia resümierte dementsprechend: "Das war ein super Start und den haben wir auch gebraucht. Man darf nicht vergessen, was alles in dieser Saison bei uns los war." Und schließlich habe, so der Coach mit einem kleinen Seitenhieb auf seine Vorgänger, "Hertha in der Vergangenheit nicht immer drei Tore gemacht".

Aber die Hertha wäre nicht die Hertha, hätte sie nicht noch ein Aufreger-Ass im Ärmel. Diesmal kein digitales via Facebook-Live, sondern eines mit Armen, Mündern und Wangen - und allem, was man damit anstellen kann. Umarmen zum Beispiel. Oder Küssen. Wobei Abwehrspieler Dedryck Boyata klarstellte, dass er seinem Mitspieler Marko Grujic schlichtweg Standard-Anweisungen ins Ohr hatte flüstern wollen. Labbadia sah das mit dem Jubeln ohne Körperkontakt ohnehin nicht so - Achtung, Wortspiel - eng. "Wir müssen aufpassen, dass wir jetzt nicht wie im Kirchenchor auftreten", sagte der 54-Jährige in einer Videokonferenz mit Journalisten und ergänzte: "Es ist natürlich schwierig, meinen Spielern zu sagen, wir wollen ein gutes Spiel machen, aber dann muss jede Emotion raus." Komisch, dass die anderen Vereine dies aber größtenteils hinbekamen. Was die Experten von "Collinas Erben" zum Jubel sagen, lesen Sie hier.

Geisterspiele-Fazit: Der Bundesliga fehlt die Seele

Der höchste Derbysieg des BVB über Schalke 04 seit 54 Jahren fiel so unterhaltsam aus, dass der Zuschauer vor dem TV-Bildschirm stellenweise (fast) vergessen konnte, dass es sich hierbei um ein Geisterspiel handelte. Auch die Tore in den anderen Stadien trugen dazu bei, dass nach anfänglichem Abtasten zumindest die Sky-Konferenz den Fans ein wenig Fußball-Freude bot. Aber alles in allem ist nach dem ersten Spieltag im Anschluss an die Corona-Pause klar - und da waren sich an den Mikrofonen auch alle Beteiligten einig: Die Fußball-Bundesliga lebt von ihren Fans. Ohne die Zuschauer in den Stadien verkommt der Fußball, wie Mohamed Dräger vom SC Paderborn es treffend ausdrückte, zu einer "U19-Bundesliga". Da verschieben sich offenbar die Perspektiven: Der sieben Jahre ältere Thomas Müller dachte nämlich an die "Alten Herren".

Der BVB-Jubel vor der leeren Kurve ist ein trostloses Sinnbild dafür, was allen fehlt und was sich jeder wünscht. Ein Stadion kann Spieler motivieren, volle Zuschauerränge können Spiele entscheiden. Und sie sorgen für ein kollektives Gefühl des Erlebens und der Freude oder Trauer. Das alles, diese Art von Lebensgefühl, ist nun nicht mehr da und so fehlt der Bundesliga die Seele. In manchen Szenen wirkte es gar so, als müssten die Spieler dem Ball hinterherrennen, um den TV-Rechte-Vertrag zu erfüllen.

Und nun will BVB-Boss Hans-Joachim Watzke schon beurteilen können, dass es einen reibungslosen Ablauf des ersten Geisterspieltags der Fußball-Bundesliga gegeben hätte: "Viele Menschen staunen über die Bundesliga und die deutsche Politik, die den Mut hatte, die Rückkehr in den Spielbetrieb auf Basis eines detaillierten Konzeptes zu ermöglichen", sagte der Geschäftsführer von Borussia Dortmund den "Ruhr Nachrichten". "Der Uefa-Präsident hat zum reibungslosen Ablauf gratuliert, die Engländer haben unsere Partien übertragen und große Zeitfenster dafür genutzt, die Liga war am Sonntag auf den Titelseiten der vier spanischen Sportzeitungen." Aber ob der Spieltag wirklich ein Erfolg war, denn das ist er nur dann, wenn sich keine Spieler mit dem Coronavirus infiziert haben, kann man jetzt noch nicht beurteilen. Klar, den Vereinen bringt der Restart die erhofften TV-Gelder und neue internationale Beachtung und Anhänger. Dem Fan leider nur wenig.

Der FC Bayern verteidigt mit dem Sieg beim 1. FC Union Berlin seine Vier-Punkte-Führung in der Tabelle der Fußball-Bundesliga vor Borussia Dortmund. RB Leipzig rutscht durch das überraschende Unentschieden gegen den SC Freiburg auf Platz vier ab, Borussia Mönchengladbach schiebt sich mit dem 3:1-Sieg gegen Eintracht Frankfurt vorbei auf drei.

Quelle: ntv.de