Fußball

Mehr Posse geht nicht bei Hertha Und jetzt noch Virus-Verharmloser Lehmann

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Jens Lehmann ist der nächste große Name bei Hertha BSC.

(Foto: imago images/Jan Huebner)

Hertha BSC kommt selbst in der fußballfreien Zeit nicht aus den Schlagzeilen. Die Berliner hetzen vom Klinsmann-Eklat über das Anti-Hygieneregel-Video zu Corona-Verharmloser Jens Lehmann im Aufsichtsrat. Dahinter kann doch nur Kalkül stecken.

Hertha BSC hatte es bislang schon nicht leicht. Der Fußballklub aus Berlin wurde irgendwie immer belächelt, nicht ganz für voll genommen, fristete ein Dasein im Niemandsland zwischen den großen Teams, die es zu bewundern gilt, und jenen, die man wegen ihres Status als Underdog schon wieder irgendwie gernhaben muss. Nun, das war einmal. Jetzt ist Hertha BSC der Klub, über den alle nur noch den Kopf schütteln - diese Saison bringt den endgültigen Wandel.

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Allein bei dieser Verbindung hätten alle Alarmglocken schrillen müssen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Während die Pläne des aufstrebenden "Big City Club" leidlich amüsieren, entsetzt die Posse um 74-Tage-Trainer und -Aufsichtsratsmitglied Jürgen Klinsmann. Gerade ist durch die Coronavirus-bedingte Spielpause etwas Ruhe eingekehrt, kann der vierte Trainer der Saison, Bruno Labbadia, sein Amt mehr oder weniger hinter den Kulissen aufnehmen. Zumindest kurzfristig. Denn dann zeigt der umgehend suspendierte Salomon Kalou die Missachtung der Hygieneregeln in der Kabine und die arrogante Diskussion um die Gehälterkürzung bei Facebook - und nun wird auch noch Jens Lehmann Mitglied des Aufsichtsrats. Viel mehr passt wirklich nicht in eine Saison.

Mehrfache Corona-Verharmlosung

Im Aufsichtsrat soll der Ex-Nationaltorhüter, den - so will es die Ironie - sein Vorgänger Klinsmann bei der Sommermärchen-WM zum 1A-Torwart machte und damit die Ära von Oliver Kahn beendete - nun als sportlicher Berater für Investor Lars Windhorst fungieren. Doch statt dieses Amt ruhig und besonnen anzugehen, erweist der mittlerweile 50-Jährige dem Bundesligisten als allererstes einen Bärendienst.

Lehmann tönt, dass er das Coronavirus gar nicht für so schlimm halte. Vor allem für Sportler sei es doch unbedenklich. "Solange die Symptome nicht so schlimm sind, denke ich, müssen die Spieler damit zurechtkommen", sagt Lehmann bei beInSports. "Wir haben viele Spieler, die tatsächlich infiziert waren, und die meisten von ihnen zeigten nicht einmal Symptome. Ich denke also, für junge, gesunde Menschen mit einem starken Immunsystem ist das keine so große Sorge."

Dass viele Experten - Sportmediziner, Virologen, Lungenfachärzte - völlig gegenteiliger Meinung sind, scheint ihn nicht weiter zu kümmern. Wilhelm Bloch von der Deutschen Sporthochschule in Köln etwa nennt diese Äußerung "schwer nachvollziehbar". Niemand wisse, ob ein Spieler nicht Schäden davonträgt. Dass auch einige Fußballer mittlerweile ihre Angst vor einer Ansteckung kundgetan haben, ist offenbar genauso unwichtig. Hauptsache, Lehmann kann seine Meinung kundtun. Und das wohl, ohne Absprachen mit Hertha zu treffen. Denn die Presseabteilung müht sich schnell zu betonen, dass Lehmann "nicht repräsentativ für den Verein" spreche.

Hertha bleibt in Schlagzeilen

Für die Außenwirkung ist das egal, der Kausalzusammenhang "Lehmann gehört jetzt zu Hertha und Lehmann verharmlost Corona" bleibt hängen. Und Investor Windhorst ist daran nicht ganz unschuldig, denn er hätte wissen können, wen er da der Hertha schon wieder zumutet. Schließlich ist es nicht die erste irritierende Aussage von Lehmann, weder allgemein, noch zum Thema Coronavirus.

Im "Doppelpass" bei Sport1 hatte der frühere Dortmund- und Schalke-Keeper vor einigen Wochen infrage gestellt, warum nicht zumindest 20.000 Zuschauer in eine Arena wie in München zum Spiel gehen könnten, da sei doch Platz genug. Nun ja, eine An- und Abreise sowie die Nutzung sanitärer Anlagen sowie des Imbiss-Angebots hatte er da nicht bedacht. Mitte März hatte er zudem die Maßnahmen gegen das Virus kritisiert. Ihm zufolge könnte es dramatischer sein, wenn Menschen finanzielle Einbußen haben. Schon damals unterstellte er, dass Corona viel harmloser sei als von Experten dargestellt. Bei Twitter brachte ihm das einen veritablen Shitstorm ein.

Es wirkt so, als würde Windhorst vor allem Wert darauf legen, Schlagzeilen rund um Hertha BSC zu produzieren. Ein großer Name, der die Aufmerksamkeit nach Berlin bringt, ist offenbar wichtiger als solide Arbeit. Eine echte Perspektive bietet das freilich nicht. Mutmaßlich finden das auch nicht alle Sponsoren sonderlich attraktiv, wollen sie doch eher in einem positiven Umfeld glänzen.

Erfolg trotz ständigen Rumorens?

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Kuranyi hat als Berater von Neuzugang Mateus Cunha schon einen Fuß in der Hertha-Tür.

(Foto: imago images/Matthias Koch)

Zudem betonen der Investor und auch Sportdirektor Michael Preetz immer wieder, dass das Ziel für die kommenden Jahre die Teilnahme am internationalen Wettbewerb ist. Wenn man nun aber nicht gerade der FC Bayern München ist, wo man trotz Hickhack um die Verlängerung mit Zunächst-Interims-Trainer Hansi Flick, die achte Meisterschaft in Folge anstrebt, hat sich bislang immer eher durchdachte Arbeit ohne Ablenkung bezahlt gemacht.

Angeblich kam für den Posten im Aufsichtsrat übrigens auch Lehmanns früherer Nationalmannschaftskollege Kevin Kuranyi infrage, berichtet die "Sport Bild". Ein Name, der ebenso überrascht. Doch auch wenn es um den früheren Stürmer öffentlich ruhiger geworden ist, hat er ein Berater- und Vermittler-Netzwerk aufgebaut und soll sogar persönlichen Kontakt zu Stars wie Neymar und Lionel Messi haben. Darüber hinaus hätte er gegenüber Lehmann einen weiteren Vorteil gehabt: Der gebürtige Brasilianer hilft mit einer löblichen Spendenaktion in Südamerika. Außerdem hatte er der "Welt" gesagt, dass man akzeptieren müsse, sollte es Bundesliga-Profis geben, denen das Corona-Risiko zu groß ist. Aber vielleicht ist die Personalentscheidung einfach reines Kalkül: Mit Verständnis produziert man keine provokanten Schlagzeilen.

Quelle: ntv.de